Sensation bei der OB-Wahl: Diese Koalition ist im Münchner Rathaus jetzt wahrscheinlich
Um 19.10 Uhr ist endgültig klar, dass dieser Sonntag in München ein historischer ist. Im Oberanger tritt ein tief getroffener SPD-Oberbürgermeister Dieter Reiter vor seine Anhänger. "Ich hab's verbockt", sagt er, gesteht seine Niederlage ein und gratuliert Dominik Krause.
Damit ist klar: Das erste Mal seit 1984 hat ein amtierender OB eine Stichwahl verloren (damals Erich Kiesl von der CSU gegen Schorsch Kronawitter – mehr dazu lesen Sie hier), das erste Mal überhaupt wird ein Grüner Oberbürgermeister einer Millionenstadt. Und: Das erste Mal seit 1960, als Hans-Jochen Vogel mit gerade einmal 34 Jahren Oberbürgermeister wurde, wird ein junger Mann das Amt antreten – Krause ist 35.
Der lässt sich in der Muffathalle von seinen euphorisierten Anhängern feiern, er sagt: "Vielen Dank, München, für das große Vertrauen, ich fühle mich sehr geehrt." Krause holt am Ende 56,4 Prozent, Reiter nur 43,6 Prozent. Ein Ergebnis, auf das noch tagsüber keiner gesetzt hätte. Bei der SPD hatte man sich zuversichtlich gezeigt, man spüre, dass man in den vergangenen Wochen – in denen man auch nach eigener Einschätzung den OB-Wahlkampf eigentlich überhaupt erst ernsthaft aufgenommen hat – die Trendwende geschafft hätte.
Die CSU-Träume sind geplatzt
Das glaubte man bis in den Sonntagabend hinein auch bei der CSU. Die hatte Reiter in der FC-Bayern-Affäre mit Samthandschuhen angefasst – und vor der Stichwahl gehofft, mit einer Wahlempfehlung für Reiter erst dessen Sieg und anschließend auch seine Dankbarkeit sichern zu können. Um dann mitzuregieren.
So platzen am Sonntag auch CSU-Träume. Dass man nach dieser Positionierung gegen die Grünen am Ende in einem grün-schwarzen Bündnis landet – extrem unwahrscheinlich.
Zumindest ein ganz kleines Angebot zur Zusammenarbeit steckt am Abend dann trotzdem in dem Statement, das CSU-Rathaus-Chef Manuel Pretzl versenden lässt.
"Die Stadt steht vor großen Herausforderungen", heißt es da. "Die Stadtfinanzen müssen saniert, der Wohnungsbau beschleunigt und der soziale Zusammenhalt gesichert werden. Dies wird nur gelingen, wenn wir schwierige Debatten ehrlich führen und konstruktive Lösungen über Parteigrenzen hinweg finden." Viel offensiver klingt da schon der ehemalige OB-Kandidat Clemens Baumgärtner, der am späten Sonntagabend via "SZ" für ein schwarz-grünes Bündnis plädiert.
Diese Koalition ist jetzt im Stadtrat wahrscheinlich
Nun wird es spannend werden, wie genau Krause eine Stadtratskoalition zimmert. Unwahrscheinlich auf jeden Fall, dass ihn Baumgärtners Worte – der bis zur Stichwahl kein öffentliches Wort pro Grün-Schwarz sagte – besonders beeindrucken. Ganz anders als die SPD hat Krause auch in den Tagen vor der Stichwahl keinen Hehl daraus gemacht, dass er das bisherige Bündnis gerne fortführen will, "selbstverständlich" werde er als erstes mit den Sozialdemokraten sprechen, hatte er auch öffentlich gesagt.

Damit läuft nun alles auf eine Fortsetzung des Traditionsbündnisses hinaus, für das sich zum Beispiel auch SPD-Alt-OB Christian Ude eingesetzt hatte. Am Bündnis werden der allgemeinen Erwartung nach weiterhin die Rosa Liste und die deutlich erstarkte Volt-Partei beteiligt sein, die beide Dominik Krause vor der Stichwahl unterstützt hatten.
Bekommen die Grünen einen zweiten Bürgermeisterposten?
Wer dann wohl Bürgermeister würde? Gut möglich, dass Verena Dietl Bürgermeisterin bleibt – und die Grünen, die mit Abstand stärkste Kraft im Bündnis sind, noch einen Bürgermeisterposten abstauben.
Für sehr viel unwahrscheinlicher darf man nach dem Ergebnis der Stichwahl halten, dass die CSU noch eine große Rolle spielt – weder in Form einer Koalition aus Grünen, SPD und CSU noch in einer grün-schwarzen Koalition mit kleinen Partnern. Zu klar hat man sich positioniert gegen die Grünen, zu gut findet Krause persönlich das bisherige Bündnis, viel zu stabil wäre auch die Mehrheit für Grün-Rot.
Enttäuschend ist der Sonntag übrigens nicht nur für SPDler und CSUler. Enttäuschend ist auch die Wahlbeteiligung, die bei gerade einmal 45,4 Prozent verharrt. Viele Polit-Kenner ordnen das am Sonntagabend so ein, dass auch das Reiter geschadet hat. Offenbar sind viele CSU-Wähler – und mutmaßlich auch viele bisherige SPD-Wähler – der Wahl ganz ferngeblieben.
Eine lange Nacht folgt auf diesen historischen Tag auf jeden Fall in grünen Kreisen. Das Café Kosmos im Bahnhofsviertel meldet schon kurz nach Bekanntwerden der Ergebnisse: Freibier für alle. In der Muffathalle gibt es ohnehin kein Halten. Und auch im Internet sieht man Grünen-Basis wie -Promis feiern.
Natürlich geht es da gleich viel um bayerische Traditionen. "Nockherberg ab sofort mit Dominik Krause: Lieben wir", schreibt eine Bundestagsabgeordnete. Und Ex-Parteichefin Ricarda Lang frohlockt: "Ich glaube, ich fahre zum nächsten Oktoberfest, einfach nur um neben Markus Söder zu stehen, wenn er einem Grünen zuschaut, wie er das Fest eröffnet."


