Sendlinger Krebscenter steht vor dem Aus

Das Münchner Rinecker Proton Therapy Center (RPTC) soll zum Jahresende schließen. Um das Sendlinger Krebscenter zu erhalten, hat der Oberarzt Thanasis Bagatzounis eine Petition gestartet. 
| Thilo Schröder
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Dr. med. Thanasis Bagatzounis, Oberarzt am RPTC-Krebscenter in München, kämpft für dessen Erhalt.
Daniel von Loeper Dr. med. Thanasis Bagatzounis, Oberarzt am RPTC-Krebscenter in München, kämpft für dessen Erhalt.

Das Münchner Rinecker Proton Therapy Center (RPTC) soll zum Jahresende schließen. Um das Sendlinger Krebscenter zu erhalten, hat der Oberarzt Thanasis Bagatzounis eine Petition gestartet. Die Staatsregierung ist von der Therapie aber noch nicht überzeugt.

München - Als sie erfahren, dass das Rinecker Proton Therapy Center (RPTC) in Sendling zum Jahresende schließen soll, sind Hans und Marta S. (Namen geändert) aus dem Landkreis Dingolfing schockiert. Bei Hans S. (64) wurde im Juni Kehlkopfkrebs diagnostiziert. "Mein Mann hatte schon einen Termin an der Uniklinik in Regensburg", sagt Marta S.. Zufällig habe er dann von der schonenden Protonentherapie erfahren. Und sich für die Behandlung am RPTC entschieden. Wahrscheinlich als einer der letzten Patienten.

RPTC von Beginn an mit schlechtem Stand

Für viele Krebskranke ist die Protonentherapie im RPTC die letzte Hoffnung, wenn herkömmliche Bestrahlung oder medikamentöse Behandlung versagen oder deren Einsatz schlicht zu gefährlich wäre. Hans S. ist "durch schwerwiegende Vorerkrankungen ein Risikopatient", wie seine Frau sagt. "Mit einer herkömmlichen Therapie wären die Nebenwirkungen noch viel schlimmer, wahrscheinlich würde er im Krankenhaus liegen und ständig Morphium nehmen", sagt sie.

Das Krebszentrum, 2009 eröffnet, hatte von Anfang an einen schlechten Stand. Der Gründer Hans Rinecker habe es nie geschafft, das Vertrauen der Ärzteschaft zu bekommen, sagt der Radiologe Thanasis Bagatzounis (56), Oberarzt am RPTC. Im Gegenteil. "Man kann die anderen nicht schlecht machen, um seine eigene Methode voranzubringen", kritisiert er und betont: "Die konventionelle Strahlentherapie ist eine ganz, ganz wichtige Maßnahme."

RPTC-Betreiber meldete 2017 Insolvenz an

Etwa zehn bis 15 Prozent der Krebspatienten, die eine Bestrahlung benötigen, würden potenziell von einer Protonentherapie profitieren, sagt Bagatzounis mit Verweis auf dänische Untersuchungen. Bayernweit seien das jährlich mindestens 3.500 Menschen. "Behandelt haben wir dieses Jahr aber lediglich etwa 300 Patienten."

Wegen niedriger Patientenzahlen musste der Betreiber des RPTC, die Pro Health AG, bereits im September 2017 Insolvenz anmelden. Seitdem wurden zwar weiter Patienten behandelt. Doch weil nun größere Reparaturmaßnahmen und Investitionen anstehen, geht es nicht mehr weiter.

Die niedrigen Patientenzahlen liegen aber nicht nur am Image des Gründers. Die Protonentherapie ist "eine besondere und auch kostenintensive Form der Strahlentherapie, die bis auf wenige Ausnahmen nicht als Standardtherapie zum Einsatz kommt", teilt die Deutsche Krebsgesellschaft mit. "Vielmehr befindet sich die Therapie bei ganz bestimmten Patientengruppen noch in der Erprobung."

"Protonentherapie ist wenig bekannt"

Das weiß Bagatzounis: "Die Protonentherapie ist wenig bekannt, auch unter den Medizinern sind die Kenntnisse sehr gering." Folglich übernimmt kaum eine Krankenkasse die Therapiekosten. Patient Hans S. hat sie sich im Rahmen einer Einzelfallprüfung erkämpft.

Zugleich gibt es immer mehr Protonenzentren, neben dem RPTC vier weitere in Deutschland. Weltweit seien es fast 80, weitere Zentren seien im Aufbau, sagt Bagatzounis. "Man muss sich fragen: Hat Deutschland andere Prioritäten in der Forschungspolitik?"

Das wollte auch die Grünen-Landtagsabgeordnete Christina Haubrich wissen und stellte eine Anfrage: Wie die Staatsregierung plane, angesichts der Schließung des RPTC Betroffenen weiterhin eine Protonentherapie zu ermöglichen?

Das RPTC braucht einen Investor

Die Antwort: Ein Weiterbetrieb würde "grundsätzlich begrüßt". Es bräuchte jedoch weitere Studien zum Verfahren. Eine finanzielle Förderung sei weder durch die Münchner Kliniken noch durch den Bund denkbar. Die Kliniken bekräftigten in einer gemeinsamen Erklärung, "an einer erfolgreichen Zusammenarbeit mit dem Protonenzentrum in München interessiert" zu sein.

Dafür braucht es jedoch einen Investor – und der fehlt. Also hat Bagatzounis im Namen der 60 Mitarbeiter eine Onlinepetition an den Landtag gestartet. Er möchte das RPTC um jeden Preis erhalten. "Das Wie ist erst mal zweitrangig, ich denke da nur an das Wohl der Patienten."

Hunderte haben unter der Petition kommentiert, viele frühere Patienten, die um die Zukunft des Zentrums bangen. "Ich bekam 2015 insgesamt 32 Bestrahlungen ohne schwerwiegende Nebenwirkungen", schreibt etwa Reiner Förderer aus Berching. "Mittlerweile schreiben wir das Jahr 2019 und ich erfreue mich völliger Gesundheit und bin vollständig geheilt."

Vermittlungsstopp am RPTC

Derzeit herrscht am RPTC ein Vermittlungsstopp, Mitte Dezember soll es in einen "Ruhezustand" versetzt werden. Ob und wann dieser endet, ist ungewiss. "Momentan haben wir nur ein paar Patienten, die noch ganz wenige Bestrahlungen brauchen", sagt Thanasis Bagatzounis. "Wir mussten schon einige Patienten ablehnen."

Bei Hans S. verläuft die Heilung nach der Protonentherapie im Herbst derweil soweit positiv. Der Tumor schrumpfe, im Januar soll er verschwunden sein, sagt seine Frau Marta S. "Wir sind so froh, dass wir das gemacht haben."


So funktioniert die Protonentherapie

Bei Krebstherapien kommen heutzutage - allein oder in Kombination - die Chemotherapie, die Chirurgie und die Strahlentherapie zum Einsatz. Eine Strahlentherapie erhalten etwa die Hälfte aller Krebspatienten im Laufe der Behandlung.

Bei einer Strahlentherapie wird zwar immer noch meistens Röntgenstrahlung verwendet. Doch immer mehr Wissenschaftler arbeiten ihm Rahmen der modernen Partikeltherapie mit Protonenstrahlung. Dabei werden ionisierte Atomkerne beschleunigt und gezielt auf den Tumor geschossen, dessen Zellen sie dann beschädigen. Mit dem dreidimensionalen Verfahren kann die Strahlungsdosis sehr präzise innerhalb der zu bestrahlenden Region im Körper verteilt werden.

Tiefe der Strahlung ist steuerbar

"Der Vorteil der Protonentherapie ist, dass man die Tiefe der Strahlung steuern kann, sodass das Maximum an Strahlung in einer bestimmten Tiefe im Körper erreicht wird", sagt der Radiologe Thanasis Bagatzounis. "Danach fällt die Strahlungsdosis sehr schnell ab. Dahinterliegende Organe werden also nicht beschädigt."

Insbesondere bei Tumoren mit lebenswichtigen Strukturen in der Nachbarschaft, etwa an der Schädelbasis, wird die Protonentherapie eingesetzt.

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