Schwul-lesbisch seit 1378

Die Stadt lädt zu Rundgängen zum Thema Homosexualität ein - ein langer Weg hin zur Normalität
| Tina Angerer
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Jedes Jahr am Christopher Street Day gehen Lesben und Schwule gegen Diskrimierung auf die Straße.
Daniel von Loeper Jedes Jahr am Christopher Street Day gehen Lesben und Schwule gegen Diskrimierung auf die Straße.

Die Stadt lädt zu Rundgängen zum Thema Homosexualität in München – ein langer Weg hin zur Normalität

MÜNCHEN "Selbst das allerschönste Frauenzimmer zu lieben, ist mir unmöglich”, schrieb der Jurist Karl Heinrich Ulrichs an seine Schwester. Sie hatte ihm zugeredet, dass Gott ihm sicherlich helfe, seine Liebe zu Männer loszuwerden. „Gott hat mir die Liebe auf Männer gerichtet gegeben. Ihn zu bitten, sie mir jetzt umzudrehen, wäre zutiefst unchristlich”, erwiderte Ulrichs.

Der Sexualforscher Volkmar Sigusch nennt ihn den „ersten Schwulen der Weltgeschichte”. Natürlich gab es schon vorher gleichgeschlechtliche Liebe, Ulrichs aber war der erste, der publizierte, dass diese Neigung angeboren und Teil der Persönlichkeit ist, der kämpfte für die Straffreiheit von Homosexualität und der sich outete – und zwar in einem spektakulären Auftritt in München. 1867 hielt er auf dem Deutschen Juristentag im Saal des Odeon vor 500 Juristen ein flammendes Plädoyer. Er wurde niedergeschrien und zum Schweigen gebracht.

Unter anderem an Ulrichs erinnert der neue Audioguide der Stadt über die „Geschichte der Schwulen und Lesben in München”. Er ist die Ergänzung der schon vorher erschienenen Broschüre, die zu Rundgängen durch die Stadt einlädt. Erste Erwähnung findet das Thema 1378, als die Stadt Schwule wegen „sodomitischer” Handlungen verfolgte und sie deswegen auf den Scheiterhaufen schickte.

Im Zuge der Aufklärung erlebte München Jahre der Liberalität. 1813 änderte das junge Königreich Bayern sein Gesetz: Homosexualität unter Erwachsenen wurde straffrei. In Gesellschaft und Kirche war sie dennoch geächtet. In dieser Zeit entdeckte Graf August von Platen-Hallermünde in München seine Homosexualität – er trat 1814 in das Offizierskorps des königlichen Leibregiments ein. Untergebracht in der Hofgartenkaserne war er umgeben von schönen jungen Männern. Seine Leidenschaft blieb unerfüllt, doch in Gedichten und Tagebüchern schrieb er seine Sehnsucht nieder – von Zeitgenossen als „unmännliche Weibheit” abgetan.

Der Englische Garten jedoch wurde, auch wegen seiner Nähe zur Hofgartenkaserne, beliebter Treffpunkt schwuler Männer. Inwieweit König Ludwig II., der den Thron 1864 bestieg und somit Zeitgenosse des Vorkämpfers Karl Heinrich Ulrichs war, seine Neigungen auslebte, ist bis heute ungeklärt. Mehr und auch weniger heimlich getuschelt wurde darüber schon zu seinen Lebzeiten. Einer, der ihm eine Weile lang verbunden war, war der Schauspieler Josef Kainz. Er spielte Tag und Nacht eigens für seinen König, war sein ständiger Begleiter. Ein Foto, das auf einer Schweiz-Reise entstand, zeigt den König sitzend und neben ihm den stehenden Schauspieler. Kainz legt da in inniger Vertrautheit seine Hand auf den Kini - die wurde allerdings später wegretuschiert. Als Kainz einmal nachts nicht aufstehen wollte, um für den Herrscher Wilhelm Tell zu rezitieren, verstieß ihn der König.

Schärferer Wind wehte nach der Reichseinigung 1871. Mit dem Paragraph 175 wurden auch einvernehmliche homosexuelle Handlungen bei Erwachsenen wieder verboten. Lesbische Liebe blieb straffrei – was allerdings nicht hieß, dass sie akzeptiert war.

Aufsehen erregte in dieser Zeit die selbst ernannte Bankerin Adele Spitzeder – sie zog in München mit der „Spitzederschen Privatbank” in der Schönfeldstraße den Leuten das Geld aus der Tasche und wurde 1873 wegen Betruges verurteilt – da sie ihre Liebe zu Frauen nie verheimlichte, wurde sie in der Kriminalpsychologie zur verbrecherischen Lesbe stilisiert. Sie sei eine „Männin”, von Machtgier getrieben. „Sie trägt einen Bubenkopf, welcher ausschließlich auf das Konto ihrer Homosexualität zu setzen ist. Alles an ihr ist triebhaft und tiermäßig instinktiv.”

Ebenfalls kurzhaarig wühlten wenige Meter weiter, in der Von-der-Tann–Straße, Ende des Jahrhunderts zwei Frauen das biedere München auf. Anita Augspurg und Sophia Goudstikker eröffneten das Fotoatelier Elvira. Die beiden fuhren Fahrrad, ritten im Herrensitz – und sie kämpften, anfangs zusammen, später mit ihren neuen Partnerinnen für die Rechte der Frauen. Seit 1994 vergibt die Stadt München den Anita-Augspurg-Preis zur Förderung der Gleichberechtigung. Zu den prominenten Schwulen und Lesben der Stadt gehören unter anderem die Geschwister Klaus und Erika Mann. Sie verkehrten auch bei der Schriftstellerin Christa Winsloe in der Kunigundenstraße. Sie schrieb das Buch zu dem Film „Mädchen in Uniform” von 1931. Eine Schülerin verliebt sich da in ihre Lehrerin. Die Lehrerin bekommt Probleme, verteidigt aber den „Geist der Liebe, der tausend Formen hat”.

Als Remake schaffte es der Stoff, deutlich abgemildert, sogar ins Nachkriegsdeutschland: 1958 entstand „Mädchen in Uniform” mit Romy Schneider als Schülerin, Lilly Palmer als Lehrerin und Therese Giehse als deren Chefin. Die große Giehse, die auch Frauen liebte und mit Erika Mann zusammen war, bis die sie verließ. Auch wenn Karl Heinrich Ulrichs zu seinen Lebzeiten für viele ein unsittlicher Verrückter war, heute ist er in der Stadt verewigt. Seit 1998 ist nach langem Werben der Rosa Liste ein Platz im Glockenbachviertel nach ihm benannt. Und da hätte er sich sicher wohl gefühlt.

 

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