"Schwer zu ertragen": Münchner nach schrecklichem Badeunfall querschnittsgelähmt

Es sollte eine unbeschwerte Geburtstagsfeier am Wannsee werden: Ersin "Eko" Cilesiz und seine Freunde machen einen Badeausflug in Berlin. Doch als er ins Wasser springt, verletzt sich der 40-jährige Münchner schwer. Die Folge: eine Querschnittslähmung. Wie seine Freunde jetzt für ihn kämpfen und wie man "Eko" helfen kann.
Eleni Christoforis |
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Ersin Cilesiz (40). Nach einem tragischen Unfall verändert sich sein Leben vollkommen.
Ersin Cilesiz (40). Nach einem tragischen Unfall verändert sich sein Leben vollkommen. © privat

Es sollte ein schöner Tag werden. Der Münchner Regisseur Ersin Cilesiz, den alle nur "Eko" nennen, feierte am 11. Juli seinen 40. Geburtstag mit einer Bootstour auf dem Wannsee in Berlin. Unbeschwert und glücklich, zusammen mit seinen engsten Freunden – so wie man eben feiert, wenn das Leben leicht ist.

Das Boot steuerte eine Badestelle an, die angeblich tief und sicher ist. Mehrere Freunde bereiteten sich auf den Sprung ins Wasser vor – Cilesiz sprang als Geburtstagskind zuerst. Im viel zu flachen Wasser prallten Kopf und Torso auf den Boden. Innerhalb eines Augenblicks war nichts mehr, wie es vorher war.

"Viel mehr hätte nicht kaputtgehen können"

Die Verletzungen sind verheerend: schwerste Brüche der Hals- und Brustwirbelsäule, das Rückenmark durchtrennt. "Viel mehr hätte nicht kaputtgehen können", erzählt sein Freund und Geschäftspartner Daniel Hantschel im Gespräch mit der AZ. Die Lähmung setzt hoch an, etwa auf Höhe der Brustmitte. In den ersten Tagen stand sogar die Frage im Raum, ob Cilesiz jemals wieder selbstständig atmen kann. Eine weitere Operation stabilisierte seinen Zustand so weit, dass diese Sorge ausgeräumt werden konnte.

Der 40-jährige Filmemacher ist querschnittsgelähmt.
Der 40-jährige Filmemacher ist querschnittsgelähmt. © privat

Cilesiz liegt derzeit im Krankenhaus der Berliner Charité. Sobald sein Zustand es zulässt, soll er zur weiteren Behandlung in eine Fachklinik in Bayern verlegt werden. Der Transport wird nur per Hubschrauber oder Flugzeug möglich sein.

"Wenn man seinen Freund so liegen sieht, ist das sehr schwer zu ertragen", erzählt Hantschel. Die Wochen im Krankenhaus sind nicht nur körperlich, sondern auch seelisch eine Ausnahmesituation. Dass langsam wieder Hoffnung zurückkehrt, führt er auch auf das Wesen seines langjährigen Freundes zurück – und auf dessen Vertrauen in die medizinische Forschung. "Er war immer schon eine Kämpfernatur", so Hantschel. "Diese Einstellung ist jetzt sein wichtigster Halt."

Rund 80 Menschen erleiden in Deutschland jährlich eine Querschnittslähmung

Hantschel ist überzeugt: Aus diesem Schicksalsschlag muss wenigstens eine Warnung werden. "Springt niemals in Wasser, das ihr nicht kennt", sagt er. "Egal, welche Freigabe ihr von wem auch immer bekommt – ihr müsst euch immer selbst vergewissern, wie tief es ist." Er weiß, wovon er spricht. Hantschel ist neben seiner Arbeit als Producer Rettungsschwimmer und betreibt in München eine eigene Schwimmschule.

Rettungseinsatz nach Sprung ins Wasser am Wannsee in Berlin.
Rettungseinsatz nach Sprung ins Wasser am Wannsee in Berlin. © privat

Ekos Geschichte ist tragisch, aber leider auch kein Einzelfall. Laut der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) und der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie (DGOU) erleiden in Deutschland jährlich rund 80 Menschen eine Querschnittslähmung, weil sie mit dem Kopf voran in zu flaches, meist trübes Wasser springen. "Das sind in der Regel 20- bis 30-jährige Männer, die sich überschätzen oder leichtsinnig, oft auch alkoholisiert handeln. Bei Ersin war all das aber nicht der Fall", so Hantschel. An vielen Badeseen stehen die Warnungen inzwischen mehrsprachig, auch auf Arabisch. Dazu kommen die Gefahren der Hochsaison. Hantschels dringender Rat: sich vor dem Sprung abkühlen. "Entweder ich gehe erst mit den Knöcheln rein, oder ich halte die Arme bis zum Ellbogen ins Wasser – dann ist der Körper heruntergefahren und ich kann rein." Wer aufgeheizt ins kalte Wasser springt, riskiert einen Kreislaufschock.

"Das Seepferdchen ist kein Schwimmabzeichen, sondern ein Motivationsabzeichen"

Was Hantschel besonders umtreibt, sind die Kinder. Als er am vergangenen Freitag in einer Schwimmstunde von Ekos Unfall erzählt, bricht er in Tränen aus. Er ärgert sich über eine trügerische Sicherheit, auf die sich viele Eltern verlassen: "Das Seepferdchen ist kein Schwimmabzeichen, sondern ein Motivationsabzeichen", sagt er. Ein echtes Schwimmabzeichen beginne bei Bronze – wer sich 15 Minuten über Wasser halten kann. "Schwimmen ist eine Grundvoraussetzung fürs Leben – so selbstverständlich wie Fahrradfahren. Das wird völlig unterschätzt."

Daniel Hantschel, langjähriger Freund von Cilesiz und Schwimmtrainer in München, möchte auf mehr Badesicherheit aufmerksam machen.
Daniel Hantschel, langjähriger Freund von Cilesiz und Schwimmtrainer in München, möchte auf mehr Badesicherheit aufmerksam machen. © privat

Auch den Schwimmunterricht in Schulen kritisiert Hantschel: Zwei Stunden stünden im Lehrplan, doch bis 30 Kinder umgezogen seien, sei die erste Stunde fast vorbei. Die reine Zeit im Wasser liege oft nur zwischen 15 und 22 Minuten, betreut von einer Lehrkraft und einem Aufseher – und jede dritte Stunde falle ohnehin meist aus.

Als er sich an den Münchner Oberbürgermeister Dominik Krause (Grüne) wandte, habe er nur eine unbefriedigende Antwort aus dessen Team bekommen: München sei im Städtevergleich weit vorne, 40.000 Schüler hätten regelmäßig Schwimmunterricht. Für Hantschel, der mit vielen Schulen in Kontakt steht, ist das schlicht falsch. Genau hier wünscht er sich Veränderung.

Freunde und Familie starten Spendenaufruf

Vor Cilesiz liegt ein langer Weg: Reha, Spezialrollstuhl, barrierefreie Umbauten und andere Hilfsmittel für ein völlig neues Leben. Vieles davon übernehme die Krankenkasse nur zum Teil oder gar nicht – allein der Hubschraubertransport nach Murnau kann teuer werden. Cilesiz' Freunde und Familie haben deshalb eine Spendenaktion gestartet (www.gofundme.com/help-eko). Innerhalb einer Woche kamen bereits rund 100.000 Euro zusammen. Unter den Spendern sind auch die deutsche Schauspielerin Veronica Ferres und der TV-Moderator Daniel Aminati. Bis zum Ziel fehlt noch etwa die Hälfte.

"Bei aller Tragik ist es schön, zu sehen, wie alle Freunde zusammenstehen und für Eko da sind. Was jetzt auf uns alle zukommt, ist kein Sprint, sondern ein Marathon, den wir alle gemeinsam mit ihm rennen." Denn bis Cilesiz sein neues Leben allein bewältigen kann, ist es noch ein langer Weg.

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