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Schrebergärten in München: Vom Glück der eigenen Parzelle

11.000 Münchner verbringen (nicht nur) den Feierabend im Schrebergarten. Wie lebt sich's da? Das erzählen Gartler in einer kleinen AZ-Serie. Heute: zu Besuch in der Anlage "NW 6" in Schwabing.
| Irene Kleber
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Drei Jahre werkeln und erholen sie sich schon ihrem Schwabinger Gartenidyll: Sieglinde Augustin (52) und Walter Hasenfuß (58) in ihrer Parzelle im Luitpoldpark.
Drei Jahre werkeln und erholen sie sich schon ihrem Schwabinger Gartenidyll: Sieglinde Augustin (52) und Walter Hasenfuß (58) in ihrer Parzelle im Luitpoldpark. © Sigi Müller

München - Das Coolste, im Wortsinn, ist dieses Loch unter dem Brett im Hüttenboden, einen halben Meter tief und gerade so breit, dass ein Tragl Tegernseer Hell hineinpasst. Das hat der Vorpächter noch gegraben in den 1980ern, da hatten die Schrebergartler noch keine Solaranlagen auf dem Dach.

Walter Hasenfuß (58) bückt sich, fischt ein Helles heraus und lässt die Klappe zufallen. "Wollens mal anfassen?" Feucht und kalt, bei sommerwarmen 20 Grad draußen an diesem Sommerabend. Ein Naturkühlschrank, herrlich, ja geht noch mehr Idylle?

Den Schneckenzaun hat das Gartler-Paar neu um das Hügelbeet angelegt. Im Hintergrund sind die Hochhäuser hinterm Luitpoldpark zu sehen.
Den Schneckenzaun hat das Gartler-Paar neu um das Hügelbeet angelegt. Im Hintergrund sind die Hochhäuser hinterm Luitpoldpark zu sehen. © Sigi Müller

Parzelle 65, überschaubare 170 Quadratmeter groß, liegt in der sonnigen Mitte von NW 6 - der Kleingartenanlage "Nord-West 6 Familienhilfe" in Schwabing. 116 kleine Gartenparadiese liegen hier hinter Büschen im Luitpoldpark versteckt. Dahinter ragen die Hochhäuser der Schleißheimer Straße auf, der einzige Hinweis, dass man sich in einer Großstadt befindet und nicht weit draußen auf dem Land.

Jede Parzelle ein Sehnsuchtsort für viele Münchner

Walter Hasenfuß und seine Frau Sieglinde Augustin (52), er Krankenpfleger, sie Sozialpädagogin, gehören seit drei Jahren zu den Glücklichen, die hier im Selbstversorgergarten pflanzen, ernten und sich erholen dürfen, nur ein paar Radlminuten von ihrer Wohnung am Ackermannbogen entfernt.

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Vor allem in den Lockdownmonaten haben Freunde sie um ihr kleines Grünparadies beneidet - als andere sich in der Stadtwohnung eingesperrt fühlten und als Ausflügler draußen unerwünscht waren.

Hier? Haben die zwei Gartler weder Pandemieängste gehabt, noch Enge-Gefühle, sondern im Gegenteil "ein bisserl Urlaub, jeden Tag", so sagt das Sieglinde Augustin. Man spürt das, auch als Gast: Vor dem taubenblauen Gartenhäusl steht einladend eine Bank im Schatten, daneben ein Grill. An einem Rundbogen ranken sich Rosen, Hopfen und Wein hoch. Im Hochbeet wachsen Kopfsalat und Lollo Rosso, daneben Tomaten und Kohlrabi, Johannisbeeren, Salbei und Rosmarin. Und aus dem alten Apfel- und Zwetschgenbaum hört man Amseln und Finken trällern.

Dabei hatten die beiden mit dem Bepflanzen praktisch komplett von vorne anfangen müssen, der Vorpächter war ein Waldfreak, der Nadelbäume und Thuja eingesetzt hatte, die Wiese war wie ein Waldboden nadelübersäht.

Gelbe Tupfen im Grün: Ein Dritterl der Parzelle darf mit Blumen bepflanzt sein, auf einem weiteren Drittel muss aber Obst und Gemüse wachsen.
Gelbe Tupfen im Grün: Ein Dritterl der Parzelle darf mit Blumen bepflanzt sein, auf einem weiteren Drittel muss aber Obst und Gemüse wachsen. © Sigi Müller

"Wir haben erst mal Bäume fällen müssen", sagt Sieglinde Augustin, das sei die Bedingung vom Verein gewesen, dass sie den Garten bekommen nach sieben Jahren auf der Warteliste. Es mussten Betonplatten raus, neue Beerensträucher und Beete angelegt werden, damit auf einem Drittel der Parzelle auch geerntet werden kann, wie sich das gehört in einem Schrebergarten.

NW 6 ist die "nachhaltigste Kleingartenanlage" Bayerns

Das Häusl brauchte neue Farbe, die Erde Pferdemist-Dünger und das Hügelbeet einen Schneckenzaun. Und es musste das FC-Bayern-Poster vom Vorgänger runter von der Laubenwand. Sie sind ja Sechzger, da nimmt man das genau.

Fast alle Nachbarn in NW 6 hatten übrigens einen Neustart hinlegen müssen, weil das Wasserwirtschaftsamt 2009 Altlasten aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg im Boden gefunden hatte und die Anlage von 1916 danach grundsaniert wurde. Heute ist NW 6 die "nachhaltigste Kleingartenanlage" Bayerns.

Nur, von nix kommt nix. Von den 15 Stunden die Woche, die sie vor allem abends nach der Arbeit hier verbringen, ist bis heute die Hälfte Arbeit. "Die mache vor allem ich", sagt Sieglinde Augustin lachend, "ich will was wachsen sehen, ernten, das hilft mir, mit dem Kopf aus dem Job herauszukommen."

Immerhin 50 Kilo Zwetschgen und 40 Kilo Zucchini hat sie so im Jahr geerntet, 30 Salatköpfe, 15 Kohlrabi und zehn Kilo Tomaten. Sie kocht Marmelade ein, experimentiert mit alten Gemüsesorten und zaubert Suppen aus Unkräutern wie Giersch, Knoblauchrauke oder Schabockskraut.

Buddha im Zwetschgenbaum - so tiefenentspannt, wie die Figur aussieht, fühlen sich die Gartler, sobald sie ihr grünes Paradieserl betreten.
Buddha im Zwetschgenbaum - so tiefenentspannt, wie die Figur aussieht, fühlen sich die Gartler, sobald sie ihr grünes Paradieserl betreten. © Sigi Müller

Die andere Hälfte Arbeit? "Die erledige ich", sagt ihr Mann: "Sitzen, lesen, grillen". Walter Hasenfuß tankt auf durch Wenigtun. Es reichen Kreuzworträtsel, Kniffel und die Zeitung. Gelegentlich schlendert er bei den Nachbarn vorbei, ratscht mit Dirk, dem Psychiater, mit dem Sepp, der irgendwas mit Bau macht. Oder den zwei 90-jährigen Damen, deren Garten tipptopp ausschaut, immer.

Ein paar Tage Urlaub haben sie zwar gemacht neulich, in Italien, wozu hätten sie sonst ihr Wohnmobil? "Aber nur kurz, ich hab immer so schnell Heimweh", sagt Sieglinde Augustin, "ich muss dann schauen, was die Tomaten machen." Sie stellen den Camper dann schnell wieder ab daheim und radeln raus zu Parzelle 65. Das Tegernseer unterm Hüttenboden steht ja schon kalt.


Was ist im Schrebergarten erlaubt?

In München gibt es rund hundert Kleingartenanlagen mit über 11.000 Pächtern. Die sind vor allem im Kleingartenverein München (82 Anlagen) und dem Bahn-Landwirtschaftsverein München organisiert. Die ältesten Schrebergärten wurden 1906 angelegt. Der Andrang auf die Parzellen ist riesig, rund 2.000 Münchner stehen auf (geschlossenen) Wartelisten, darunter viele junge Familien. Sie müssen mit mehreren Jahren Wartezeit rechnen, erklärt Kleingartenverbandschef Friedrich Pils.

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Bewerber müssen in der Nähe einer Anlage wohnen, Pachtverträge für Parzellenwerden beim Kleingartenverband auf Lebenszeit geschlossen und nicht auf Kinder oder Enkel "vererbt". Jahrespacht: 60 Cent/qm plus Mitgliedsbeitrag, Wassergeld, Versicherung. Eine Gartenlaube darf höchstens 24 Quadratmeter groß sein. Ab und zu übernachten ist erlaubt, dauerhaft dort wohnen ist verboten. Auf einem Drittel der Fläche muss Obst und Gemüse angepflanzt werden. Gehölze dürfen nur drei Meter hoch sein (außer Obstbäume; Waldbäume sind verboten). Laut im Garten werkeln darf man nur werktags von 8 bis 12 und 15 bis 18 Uhr. Tierhaltung (wie Hasen, Hühner) ist verboten, Hunde müssen an die Leine. In München sind zuletzt auch moderne Gartenformen entstanden wie Krautgärten oder Gemeinschaftsgärten.


AZ-Aktion: Schicken Sie uns Ihre Fotos

Sind Sie auch Kleingärtner - und möchten uns Ihr Gartenparadies zeigen? Dann schicken Sie uns Ihre Fotos (auf denen Sie im Garten zu sehen sind), mit einem kleinen Erklärtext und Telefonnummer an: leserforum@az-muenchen.de (Betreff: Schrebergarten) oder per Post an: Abendzeitung, Garmischer Straße 35, 81373 München.

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