Schlechte Arbeitsbedingungen für Münchner Lieferando-Fahrer: Harte Kost!

Essen, das nach Hause kommt, kann einen bitteren Beigeschmack haben: Fahrradkuriere arbeiten laut Gewerkschaft zu schlechten Bedingungen. Der Marktführer sieht das freilich anders.
| Marie Heßlinger
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Lieferando ist der Platzhirsch unter den Lieferdiensten.
Lieferando ist der Platzhirsch unter den Lieferdiensten. © Sigi Müller

München - Hunger? Statt ins Lokal zu gehen oder selbst zu kochen, sind viele Münchnerinnen und Münchner während der Pandemie dazu übergegangen, sich ihr Essen nach Hause zu bestellen. Gastro-Lieferdienste erleben seither einen echten Boom.

So nimmt der Essens-Kurierdienst Lieferando aktuell rund 15 Millionen Bestellungen pro Monat deutschlandweit entgegen. Allein in München sind das 20.000 Bestellungen pro Tag. 1.000 Fahrradkuriere sind dafür in der Stadt im Einsatz.

Doch für sie ist es hart, allein mit dieser Arbeit ausreichend Geld zu verdienen, um Münchner Mieten zu zahlen. Das legt eine Studie nahe, die das Immobilienunternehmen Homeday in Auftrag gegeben hat.

In München bekommen Fahrer mehr: elf statt zehn Euro pro Stunde

"25 von 25 Wohngegenden in München sind nicht bezahlbar für Fahrer von Lieferdiensten", lautet das Fazit der Studie. Als Grundlage nimmt sie das Nettogehalt von Fahrerinnen und Fahrern, die 40 Stunden die Woche arbeiten und ihren Verdienst auf dem Portal "gehalt.de" angegeben haben: Rund 2.500 Euro brutto und 1.700 Euro netto verdienen sie demnach im Schnitt.

Die Mieten in München jedoch sind derart hoch, dass Fahrer auf jeden Fall mehr als 40 Prozent ihres Einkommens zahlen. Und das gilt, laut Statistischem Bundesamt, als "Überbelastung für Wohnkosten". Nicht nur Fahrradkuriere sind in München davon betroffen.

Andere Anbieter sind kleiner. Geschleppt wird überall für geringe Löhne.
Andere Anbieter sind kleiner. Geschleppt wird überall für geringe Löhne. © Sigi Müller

Lieferando ist der Platzhirsch unter den hiesigen Lieferdiensten. Beim Essensauslieferer bekommen die Kuriere aufgrund der hohen Mieten in München einen Stundenlohn, der um einen Euro höher liegt als in anderen Städten - nämlich elf statt bloß zehn Euro. Zudem verdienen sie, wenn sie mehr fahren, mehr Geld. Dazu kommen eventuell noch Trinkgelder.

Fluktuation der Mitarbeiter bei Lieferando sehr hoch

Christin Schuldt von der Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten (NGG) jedoch kritisiert diesen Bonus. Wer wie viel Bonus erhalte, sei durch eine App geregelt und undurchschaubar. Die App gebe Anreiz, "durch waghalsige Manöver schneller ins Restaurant, schneller zum Kunden" zu kommen. Das gefährde die Verkehrssicherheit der Fahrerinnen und Fahrer.

Außerdem kritisiert sie unter anderem, dass die finanzielle Entschädigung für Wartung und Reparatur der privaten Räder der Kuriere zu gering sei. Die Verschleißpauschale von 14 Cent pro Kilometer oder der alternative, steuerfreie Amazon-Gutschein von 44 Euro entspreche nicht dem tatsächlichen Verschleiß, der aufkomme, wenn ein Kurier viele Kilometer im Monat fahre.

Die Gewerkschaft versucht deshalb schon seit längerer Zeit, Münchner Lieferando-Mitarbeiter dabei zu unterstützen, einen Betriebsrat zu gründen, wie es ihn schon in anderen Städten bei Lieferando-Kurieren gibt. Das Problem dabei: Die meisten Kuriere arbeiten in München im Schnitt nicht länger als sieben Monate für Lieferando. Die Fluktuation ist sehr hoch.

Manche Mitarbeiter fragten sich, ob Lieferando die App nutze, um sie absichtlich zu frustrieren, sagt Schuldt. Denn würden sie sich im Unternehmen wohlfühlen, so Schuldt, würde das bedeuten, "dass man eine verlässliche Stammbelegschaft hat, bei der es schneller zu Betriebsräten kommt".

So verteidigt sich Lieferando gegen die Vorwürfe

Lieferando-Sprecherin Nora Walraph entgegnet: "Wieso sollten wir das tun?" Lieferando begrüße die Gründung von Betriebsräten. Und lege Wert darauf, dass sich Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wohlfühlten. Auf die Sicherheit der Kuriere lege das Unternehmen großen Wert, mittels Sicherheitseinweisungen und Schulungen etwa.

Bitkom Research hat 2020 in ganz Deutschland 1002 Personen ab 16 Jahren zu ihrem Bestellverhalten seit der Corona-Pandemie befragt.
Bitkom Research hat 2020 in ganz Deutschland 1002 Personen ab 16 Jahren zu ihrem Bestellverhalten seit der Corona-Pandemie befragt. © Grafik: AZ, Quelle: Bitkom

Auch die Bezahlung der Mitarbeiter rechtfertigt die Sprecherin: Der Arbeitgeber übernehme Versicherungen und Sozialleistungen und zahle bewusst einen Lohn pro Stunde - und nicht pro Auftrag. Der Basislohn von elf Euro liege klar über dem Mindestlohn.

Mittels der Boni würden jene Kuriere unterstützt, die mehr als 11,5 Stunden die Woche für Lieferando arbeiteten, sagt die Sprecherin. Vollzeit-Mitarbeiter sollten auf diese Weise unterstützt werden. Die meisten Kuriere von Lieferando arbeiten in Teilzeit.

Viele Fahrer wohnen außerhalb der Stadt

Darin sieht die Sprecherin auch den Grund für die kurze Bleibedauer der Mitarbeiter. Unter ihnen seien viele Studierende oder Arbeitssuchende, die den Kurierdienst nur als Übergangsjob nutzten.

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Gewerkschaftssekretärin Christin Schuldt fordert dagegen, statt der in ihren Augen intransparenten und für die Mitarbeiter frustrierenden Boni-Auszahlung, ein Grundentgelt von 15 Euro die Stunde. Es sollte "schon so sein, dass die Mitarbeiter davon leben können".

Wie sich die Kuriere die Mieten in München leisten könnten, sei ihr ein Rätsel. "Ich frage mich jeden Monat, wie die das machen", so Schuldt. Von einzelnen Mitarbeitern wisse sie, dass diese weit außerhalb wohnten, von anderen, dass sie in WGs lebten. Aber: "Es gibt ja auch ganz normale Familienmenschen, die für Lieferando fahren."

 
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