Schlangengift statt Chemo: Urteil im Prozess vertagt

Eine krebskranke Frau bricht eine Chemo- und Strahlentherapie ab und verlässt sich auf Kapseln mit Schlangengift. Kurz darauf stirbt die junge Mutter. Ein Gericht steht nun vor der Frage, welche Rolle ihre Heilpraktikerin bei dieser Entscheidung spielte.
| Von Britta Schultejans, dpa
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Eine angeklagte Heilpraktikerin sitzt zusammen mit ihrem Anwalt Thomas Behrmann im Sitzungssaal auf ihrem Platz.
Eine angeklagte Heilpraktikerin sitzt zusammen mit ihrem Anwalt Thomas Behrmann im Sitzungssaal auf ihrem Platz. © Sven Hoppe/dpa/Archivbild
München

Es ist ein außergewöhnlicher Fall: Für den kleinen Sohn klagt ein Vater nach dem Krebstod seiner Partnerin gegen deren Heilpraktikerin. Vor dem Oberlandesgericht (OLG) München verlangt der Mann im Namen des Fünfjährigen rund 170 000 Euro Schmerzensgeld und Schadenersatz.

Der Landshuter Maik Spiering geht davon aus, dass die Heilpraktikerin aus der Nähe von Passau seiner an Gebärmutterhalskrebs erkrankten Lebensgefährtin dazu riet, eine Strahlentherapie abzubrechen. Die Beklagte weist den Vorwurf zurück.

Das Landgericht Passau hatte die Klage abgewiesen, Spiering zog eine Instanz weiter vor das OLG. Dort appellierte der Vorsitzende Richter Thomas Steiner zum Prozessbeginn im Mai vergangenen Jahres an die Streitparteien, sich auf einen Vergleich zu einigen. Der Fall sei "nicht entscheidungsreif", Spiering befinde sich in einem "Krieg".

Auch am Donnerstag appellierte das Gericht noch einmal an beide Parteien, sich außergerichtlich zu einigen. Ein Urteilstermin wurde auf den 25. März bestimmt. "Der Senat hat einen eher späten Verkündungstermin gewählt, damit die Parteien noch ausreichend Möglichkeit haben, außergerichtlich Vergleichsverhandlungen zu führen", teilte ein Gerichtssprecher mit.

"Mit dem Kleinen ans Grab seiner Mama zu gehen", das sei "natürlich schon eine Hausnummer", sagte Spiering zu Prozessbeginn. "Er hat viel mitgemacht." Dennoch gehe es dem Kind gut, er sei ein fröhlicher Junge. Aber er frage, wo seine Mama sei.

Spiering hat ein Ziel - nämlich, "dass diese Frau niemanden mehr behandeln darf". Er wolle "Frauen davor warnen, dass sie sich auf eine Heilpraktikerin einlassen", wenn sie an Krebs erkrankt sind.

Als Spierings Sohn im April 2015 geboren wurde, war die Mutter des Kindes schon krank. Eine Strahlentherapie brach sie aber nach einigen Wochen ab, von ihrer Heilpraktikerin wurde sie unter anderem mit Präparaten aus Schlangengift, sogenannten Horvi-Präparaten, behandelt. Sie habe, so stellt es die Klägerseite dar, schulmedizinische Ratschläge angezweifelt und "massiv auf die Geschädigte eingewirkt", sagte Spierings Anwalt Marcel Vachek.

Die Gegenseite sieht die Sache anders. Es sei der freie Wille der Patientin gewesen, die Strahlentherapie abzubrechen, die Heilpraktikerin habe sie im Gegenteil sogar gefragt, ob sie sich nicht vorstellen könne, diese Therapie wieder aufzunehmen: "Fühl' mal in Dich rein." Ein strafrechtliches Ermittlungsverfahren der Staatsanwaltschaft gegen die Naturheilerin wegen des Vorwurfs der fahrlässigen Tötung wurde eingestellt.

Es ist nicht das erste Mal, dass solche Behandlungen die Justiz beschäftigen. Im Mai 2019 wurde ein Heilpraktiker in Nürnberg zu vier Jahren Haft verurteilt, weil er zusammen mit seiner Ehefrau nicht zugelassene Medikamente verkauft haben soll, die angeblich gegen Krebs im Endstadium oder Autismus helfen sollten. Im September 2019 verurteilte das Amtsgericht Erkelenz einen Heilpraktiker zu einem Jahr und zehn Monaten Haft auf Bewährung, weil er einer Patientin unter Hypnose einreden wollte, sie beide seien weltbekannte Porno-Stars und müssten für den nächsten Film üben.

Aller Kritik zum Trotz erlebt der Heilpraktikerberuf aber schon seit längerer Zeit einen Boom. Die Berufsverbände sehen sich auch durch den Zuspruch vieler Patienten bestätigt. Laut Landesgesundheitsamt Bayern hat sich die Zahl der Heilpraktiker im Freistaat in den vergangenen 15 Jahren mehr als verdoppelt. Wie ein Sprecher des Gesundheitsministeriums in München mitteilte, waren es landesweit im Jahr 2019 gut 23 500 - mehr als doppelt so viele wie Hausärzte.

Bundesweit gibt es keine genauen Zahlen, Berufsverbände gehen aber von 60 000 Beschäftigten in Heilpraktikerpraxen aus. Nach einer Umfrage des Bundes Deutscher Heilpraktiker aus dem Jahr 2017 gehen jeden Tag rund 128 000 Deutsche in eine solche Praxis - wohl auch, weil Heilpraktiker oft sehr viel mehr Zeit für ihre Patienten haben als niedergelassene Ärzte. Viele private Krankenversicherer übernehmen die Behandlungshonorare.

Nach Angaben des bayerischen Gesundheitsministeriums bestehen rund 60 Prozent der Heilpraktiker-Anwärter eine schriftliche und mündliche Prüfung beim Gesundheitsamt nicht - was zeige, dass ungeeignete Bewerber "in der Regel herausgefiltert werden", wie ein Sprecher in München sagte.

Die Kreisverwaltungsbehörden überwachen, ob jemand unerlaubt die Heilkunde ausübt, und können einem Heilpraktiker die Erlaubnis entziehen, wenn er sich als ungeeignet zur Ausübung des Berufs erwiesen hat. Heilpraktiker haften den Angaben zufolge zivilrechtlich und strafrechtlich für Gesundheitsschäden, die einem Patienten durch Fehler bei der Behandlung entstanden sind.

© dpa-infocom, dpa:210128-99-211607/3

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