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Reisen mit dem Autozug vom Münchner Ostbahnhof: Autobahn auf Schienen

Vom Ostbahnhof fährt ein Autozug. Die AZ hat hier begeisterte Reisende getroffen. Doch die Zukunft dieser ganz eigenen Züge ist ungewiss.
| Paul Nöllke
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In der Slowakei und am Gardasee waren Marc und Silke mit ihren Vespas. Nun werden sie von Lademeister Kay Seidler auf den Zug gelotst.
In der Slowakei und am Gardasee waren Marc und Silke mit ihren Vespas. Nun werden sie von Lademeister Kay Seidler auf den Zug gelotst. © Bernd Wackerbauer

München - Blauer Himmel zum Ferienbeginn, Verkehrschaos auf allen großen Routen: Wer sich jetzt ins Auto setzt, sollte viel Geduld haben. Oder?

Nicht die Autofahrer, die sich am Ostbahnhof versammelt haben. Zwar stehen auch hier die Autos in Reih und Glied, der Lack glänzt in der Sonne, aber die Stimmung der Fahrer ist fast schon ausgelassen: Denn um Stau muss sich an diesem Tag keiner von Ihnen kümmern. Dafür sorgt Kay Seidler.

"Urlaubs-Express": Autos fahren auf speziellen Waggons mit

Seidler ist Lademeister beim "Urlaubs-Express", dem Unternehmen, welches den Autozug am Ostbahnhof betreibt. Mehrmals pro Monat fahren von hier Züge nach Hamburg und Düsseldorf und von dort wieder nach Verona, Villach, Innsbruck, Wien, München und Lörrach. Die Autos werden auf spezielle Waggons verladen, die Fahrer reisen im selben Zug in Schlafwagen, die davor gespannt wurden.

Gekonnt dirigiert Seidler die Autos auf den Zug, erklärt Motorrad- und Vespafahrern, dass sie geduckt in den Autozug einfahren müssen: "Vorsicht mit dem Kopf!" Sich an den roten Metallstreben zu stoßen, tue sehr weh, sogar mit Helm, "ich spreche aus Erfahrung", so Seidler. Beim Verladen muss alles stimmen, jedes Auto in der richtigen Reihenfolge stehen, ansonsten gibt es Probleme beim Entladen, wenn die Autos an den einzelnen Haltestellen der Reihe nach wieder vom Zug fahren müssen.

Der Vorteil des Autozugs: Unterwegs kann man was trinken

"Das klappt alles prima!", befinden Marc und Silke. Nur die Einfahrt zum Areal des Autozugs sei nicht so leicht zu finden gewesen. Die beiden sind mit ihren Vespas auf dem Weg zurück nach Gladbach. Von München aus waren sie mit ihren Motorrollern in die Slowakei und nach Italien gefahren, jetzt geht es wieder nach Hause.

Nachdem sie beide ihre Vespas im unteren Teil des Autozugs geparkt haben, warten sie nun auf die Schlafwagen, die vor die Autowaggons gespannt werden. Bei der letzten Reise hatten sie im Zug ein Gruppe Motorradfahrer kennengelernt und mit ihnen am Abend noch etwas getrunken. Auch den Vorteil hat der Autozug gegenüber der Autobahn.

Ralph und seine Frau haben ihre Motorräder ebenfalls bereits auf dem Zug verstaut. Die beiden Holländer nutzen das Angebot zum ersten Mal. Der Zug sei sehr praktisch, da die beiden so mehr von ihrem Urlaub nutzen könnten, um in Österreich Motorrad zu fahren. Die Fahrt von München nach Hause dauere sonst etwa drei Tage, mit dem Zug nur einen.

Ralph ist mit seiner Frau auf dem Rückweg aus dem Urlaub.
Ralph ist mit seiner Frau auf dem Rückweg aus dem Urlaub. © Bernd Wackerbauer

Autozug-Betreiber kommt mit den Anfragen kaum hinterher

Ähnlich geht es auch Judith und Martin. Die beiden waren mit ihrem alten Alfa Romeo Cabriolet in Italien, Frankreich und der Schweiz unterwegs. Mit dem Auto wolle man jetzt aber nicht unbedingt auf der Autobahn fahren, da sei der Autozug doch besser.

Judith und Martin in ihrem roten Alfa Romeo.
Judith und Martin in ihrem roten Alfa Romeo. © Bernd Wackerbauer

Für den Zug sei es eine besonders gute Saison, sagt der Unternehmenssprecher von "Urlaubs-Express" Christian Oeynhausen. Durch Corona seien zwar erst kaum Anfragen gekommen, nun komme man aber kaum noch hinterher. Doch es seien nicht nur Leute mit dem Auto, die Interesse am Zug hätten. "Immer mehr Leute wollen auch einfach nur den Nachtzug nehmen - ohne Auto", so Oeynhausen. Auch das sei bei möglich.

Das Autozug-Terminal am Münchner Ostbahnhof ist in Gefahr

Doch bei all der Euphorie für das Angebot hat es der Autozug in Deutschland nicht gerade leicht. Nachdem die Deutsche Bahn ihre Autozüge 2017 eingestellt hatte, übernahmen private Firmen. Sie mieten nun die Autozug-Terminals von der Deutschen Bahn. Doch an vielen Orten sind die wenigen verbliebenen Terminals in Gefahr. So auch am Ostbahnhof.

"Die Bahn hat andere Pläne für das Areal", erklärt Oeynhausen. Der Autozug müsste dann wohl umziehen. Dazu sei man im Moment in Gesprächen mit der Bahn. "Das neue Terminal sollte aber auch gut erreichbar sein", meint der Sprecher. Die Lage des alten Terminals sei nämlich eigentlich ideal. Südlich der Innenstadt, dennoch zentral und gut angebunden. Nur die Anlagen seien etwas alt. "Das Terminal wurde hier 1959 gebaut, glaube ich", so Oeynhausen. "Das würde man sicher heute moderner machen."

Wann genau der Autozug umziehen müsste, ist noch nicht klar, schon seit ein paar Jahren wird darüber spekuliert, passiert ist aber noch nichts. Und so plant Oeynhausen bereits für die nächste Saison ohne Stau aber voller Oldtimer, Motorrad- und Vespa Enthusiasten.

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