Rauswurf im Lockdown: 72 Münchner sollen Wohnungen räumen

72 Mieter sollten aus ihren Wohnungen in der Paulckestraße - die WSB will sanieren. Die Linke fordert jetzt eine Erhaltungssatzung am nördlichen Hasenbergl.
| Nina Job
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Sven Karadi (32) soll bis 31. März ausgezogen sein. Genau wie seine Nachbarn in der Paulckestraße 3 und 7 im Hasenbergl.
Sven Karadi (32) soll bis 31. März ausgezogen sein. Genau wie seine Nachbarn in der Paulckestraße 3 und 7 im Hasenbergl. © Bernd Wackerbauer

München - Das Schreiben kam für die Mieter in der Paulckestraße am Hasenbergl völlig überraschend. Anfang September teilte ihnen ihr Vermieter, die Wohnungs- und Siedlungsbau Bayern (WSB), mit: "Wir möchten die Paulckestraße 1 bis 9 als weiteres Sanierungsobjekt angehen."

Mit den Hausnummern 3 und 7 sollte es losgehen. "Die Versorgung mit Wasser und Wärme wird für die gesamte Bauzeit abgestellt", kündigte die WSB an. Der Auszug sei "unumgänglich". Bis Ende März sollten alle draußen sein.

WSB bietet Mietern Geld für "Umzugshilfe" an

Für den kurzfristig angesetzten Auszug bot die WSB den Mietern der 72 Apartments "Umzugshilfe" an. Zunächst je nach Auszugsdatum 3.000 oder 5.000 Euro, später stockte sie den Betrag auf 8.000 Euro auf.

Sven Karadi ist einer der Betroffenen. Der 32-Jährige, der am Empfang einer Gemeinschaftskanzlei arbeitet, wohnt seit elf Jahren in dem Haus (Baujahr 1961). Er zahlt für sein Apartment (etwa 35 Quadratmeter) 390 Euro Miete. "Das ist gering im Vergleich zu anderen", ist ihm klar. Doch der Boden unter seiner Dusche ist kaputt, Spül- und Waschbecken müssten dringend ausgetauscht, Fenster und Heizung erneuert werden. 2020 platzte zwei Mal das WC-Rohr und überschwemmte die Gemeinschaftswaschküche.

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"Die haben das Haus bewusst runterkommen lassen und immer nur das Allernötigste gemacht", sagt er. Doch beschwert habe sich nie einer. Der Grund liegt nahe: Die wenigsten haben die Wahl. Hauptsache, die Miete ist bezahlbar. "Hier wohnen viele Härtefälle: körperlich und psychisch Kranke", sagt Karadi.

Mieter bekommen Unterstützung durch Mieterbeirat und Bürgerinitiative

Eine neue, ähnlich günstige Wohnung zu finden, ist so gut wie unmöglich. "Ich suche seit September", sagt der 32-Jährige. Obwohl er 680 Euro zahlen könnte, findet er nichts. "Es gab ein einziges Angebot - ich habe nicht einmal eine Antwort bekommen."

Die Mieter fühlen sich entmietet - obwohl sie weder eine Kündigung noch eine Modernisierungsankündigung bekommen haben. Karadi ist inzwischen Sprecher der Betroffenen. Sie bekommen Unterstützung vom Mieterbeirat und der Bürgerinitiative "Ausspekuliert".

"Durch das Agieren der WSB droht den Menschen nun die Straße", sagte der Fraktionsvorsitzende der Linken im Rathaus, Stefan Jagel, gestern. Ersatzwohnungen hat die WSB nicht angeboten. Obwohl das Tochterunternehmen der Doblinger Unternehmensgruppe allein in München 13.660 Wohnungen besitzt und damit eines der größten privaten Wohnungsunternehmen in Bayern ist. 1990 hatte Chef Alfons Doblinger viele frühere Sozialwohnungen der Neuen Heimat gekauft.

Auszug im Lockdown? Verbliebene Mieter bekommen Schonfrist

In einer Sitzung des Bezirksausschusses sagte er kürzlich, die WSB habe im Einzugsgebiet nicht so viele Apartments. Alles sei vermietet. Der Brief sei keine Aufforderung auszuziehen - und auch keine Kündigung. Was dann? Wer konnte, ist bereits ausgezogen. Einige Mieter kamen bei Verwandten unter.

Gestern hat die Stadtratsfraktion der Linken/Die Partei eine Erhaltungssatzung für das nördliche Hasenbergl beantragt. Sie will damit "die fortschreitende Verdrängung von Mietern" durch die drei großen privaten Wohnungsunternehmen WSB Bayern, Dawonia und Südhausbau stoppen. Jagel: "Die Zeit drängt, die Menschen im Hasenbergl zu schützen." Daraufhin teilte die WSB am Donnerstag der AZ mit, man wolle "den Vorgang" wegen Corona ruhen lassen.

Die Mieter, die noch da sind, bekommen eine Schonfrist - bis Jahresende.

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