Quantencomputer übergeben: Ein kleines Wunder für das Deutsche Museum

Wenn er gekühlt ist, rechnet der Quantencomputer in Höchstgeschwindigkeit. Am Dienstag wurde der Chip von Google dem Deutschen Museum als Exponat übergeben.
| Helena Ott
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Der Sycamore Prozessor: klein aber wertvoll.
Der Sycamore Prozessor: klein aber wertvoll. © Daniel von Loeper

München - Als der Quantencomputer ankommt, zieht Luise Allendorf-Hoefer blaue Gummihandschuhe an. Der Beutel, den sie aufschneidet, ist nicht größer als ein Gefrierbeutel. Darunter ein zweiter und ein dritter. Sie stößt auf eine kleine stoßfeste Transportbox aus Kunststoff, das alles sieht man im Video, das sie nun abspielt. In der Kunststoffbox liegt er: Der erste Prozessor, der schneller ist als herkömmliche Supercomputer, die mit Nullen und Einsen rechnen.

Quantenprozessor "Sycamore kommt aus Google-Forschungslabor in Santa Barbara

Das ganze Ding ist nicht größer als eine Speicherkarte für die Kamera. Luise Allendorf-Hoefer kann ihn zwischen Daumen und Zeigefinger in die Hand nehmen und in die Kameras der Fotografen im Ehrensaal halten. Sie ist die Elektronik-Kuratorin des Deutschen Museums und stellt das neue Exponat von Mittwoch an in der Abteilung "Museumsgeschichte" aus.

Zuvor ist der Quantenprozessor "Sycamore", übersetzt Bergahorn, weit gereist. Er kommt aus einem Google-Forschungslabor in Santa Barbara in Kalifornien.

Von links: Heckl, Hartmann, Allendorf-Hoefer, Holfelder und Neven.
Von links: Heckl, Hartmann, Allendorf-Hoefer, Holfelder und Neven. © Daniel von Loeper

Am Dienstag wurde er von zwei Google-Informatikern an das Deutsche Museum übergeben. "Wir sind stolz, als erstes Museum auf der ganzen Erde diesen Prozessor ausstellen zu können", sagt Generaldirektor Wolfgang M. Heckl.

Exponat in vielen Museen gefragt

Der Biophysiker blickt zu Hartmut Neven im Publikum. Zehn Jahre lang hat der Informatiker bei Google an der Entwicklung des Prozessors mitgearbeitet. Heute gibt es zehn Exemplare. Aber warum bekommt Deutschland, warum München so ein seltenes Exponat? Das sei der Verdienst von Luise Allendorf-Hoefer, die bei Google angefragt habe, sagt Neven - und der Tatsache, dass Münchner Google-Standort ist. Mittlerweile hätten weitere Museen auf der ganz Welt nach einem Exponat gefragt.

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Das Interesse ist so groß, weil der Prozessor eine Art Meilenstein in der Physik und Informatik ist. 2019 gelang es, mit dem Quantencomputer eine Rechenaufgabe zu lösen, für die ein herkömmlicher Supercomputer 10.000 Jahre gebraucht hätte. Der Sycamore brauchte weniger als drei Minuten, erklärt Hartmut Neven. Der Google-Informatiker passt nicht ins Bild eines Klischee-Informatikers.

Statt blasser Haut und schwarzem Band-T-Shirt steht er mit silber-glitzernden Sneakers und Regenbogen-Pullover mit ausladenden Ärmeln auf der Bühne im Ehrensaal. Aber es passt zu seinem Forschungsobjekt. Das ist auch speziell. "Die werden in naher Zukunft nicht in Handys und Tablets verbaut sein", sagt er. Der Quantencomputer sei ein hoch spezialisiertes Werkzeug: für bestimmte Aufgaben unschlagbar, für andere ungeeignet.

Prozessor funktioniert nur bei -273 Grad Celsius

Fortschritte erhoffen sich Quanteninformatiker bis zum nächsten Jahrzehnt bei der Lösung komplexer Probleme -wie etwa Computer darauf zu trainieren, Menschen zu erkennen, für das autonome Fahren. Oder in der Berechnung von Wetterphänomenen und in der Medizin.

Hartmut Neven hat an der Entwicklung des Prozessors mitgearbeitet.
Hartmut Neven hat an der Entwicklung des Prozessors mitgearbeitet. © Daniel von Loeper

Ob der Chip im Deutschen Museum in Betrieb genommen wird? "Nein, das würde unseren Besucherinnen und Besuchern wohl nicht gefallen", sagt Museumsdirektor Heckl. Denn der Prozessor funktioniere nur bei -273 Grad Celsius. Bei Google wurde deshalb einen riesigen Kühlschrank gebaut. Hartmut Neven zeigt ein Foto: Von dem kleinen Chip ist nichts mehr zu sehen. Stattdessen ein enormer Wust an Kabeln, Schaltern und ein futuristisch anmutendes Kühlsystem.

Luise Allendorf-Hoefer und ihr Team haben ihr neues Exponat aus Silizium intensiv gewogen und vermessen. Wie viel das Deutsche Museum für den Quantenprozessor gezahlt hat, will hier niemand verraten, nur dass die Entwicklung um die 100 Millionen Euro gekostet habe. Münchner Museumsbesucher können sich das Ergebnis jetzt jedenfalls im inaktiven Zustand ansehen. Und sich dabei fragen, wie unser Leben in zehn Jahren mit mehr Einsatz von Künstlicher Intelligenz und Hochleistungsrechnern aussehen wird.

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