Comeback der Pussycat Dolls: München erlebt Glamour, Feuer und viel Warten

Schon beim U-Bahnhof Olympiazentrum wird rasch klar, wo sich die Spreu vom Weizen trennt. Man erkennt die eindeutigen Pussycat-Dolls-Fans sofort daran, dass sie genauso aussehen wollen wie die Pussycat Dolls selbst: Die Frauen tragen schwarze Lederhotpants, knappe Tops und hohe Stiefel, dazu sorgfältig gezogene Lidstriche, glänzende Lippen und Frisuren, die vermutlich mehr Vorbereitung verlangten als manche Bühnenshow. Viel Haut wird gezeigt und noch mehr Selbstbewusstsein. Beim Fußmarsch zum Event werden noch ein paar Alkopops und Radler aus der Dose vernichtet, um die Vorfreude angenehm angeheitert zu erhalten.
Auch in der Halle selbst entdeckt man in den Reihen, Gängen und der Arena überall ein bisschen Scherzinger, ein bisschen Roberts und ein bisschen Wyatt. Dazwischen stehen die männlichen Begleiter, modisch meist etwas weniger entschlossen; ihre Garderobe hat vermutlich deutlich weniger Vorbereitungszeit beansprucht: Jeans, T-Shirt, fertig – man überlässt den großen Auftritt galant den Damen, die heute sowieso in der Überzahl sind.
Pussycat Dolls bringen Olympiahalle zum Beben
8500 Menschen sind gekommen, und die haben offenbar nicht vor, still herumzustehen. Wie viele Leute in die Olympiahalle passen, hängt bekanntlich davon ab, was man vorher hineinstellt; heute ragt ein Laufsteg weit ins Publikum, weshalb die Halle angenehm voll wirkt, ohne dass man einander auf den Füßen steht. Platz zum Tanzen wäre also schon mal da.

Und dann kommt Lil’ Kim. Wobei „Vorband“ in diesem Fall halt nicht der korrekte Begriff ist. Schließlich hat sie Hip-Hop-Geschichte geschrieben und wurde an der Seite von The Notorious B.I.G. bekannt, den sie auch gebührend mit Videoeinspielungen auf den großen Leinwänden feiert. Mit ihrer selbstbestimmten Sexualität, ihren extravaganten Looks und einem Rap-Stil, der sich um Zurückhaltung nie besonders geschert hat, ebnete sie vielen Künstlerinnen den Weg, die heute die Charts beherrschen. Niemals rappte sie als Objekt männlicher Fantasien, sondern stets als Frau, die selbst sagt, wen und was sie möchte – und wen und was nicht.
Rap-Ikone Lil' Kim wird zur Vorband
In München genügt bei jedem ihrer Songs ein Basslauf oder der Hauch eines Beats, schon erkennt die Lil’-Kim-Fraktion die Nummer am ersten Wummern aus den Boxen. Noch ehe Normalsterbliche eine Melodie ausmachen können, werden Arme hochgerissen und Texte mitgerappt. Bei „Lady Marmalade“ verwandelt sich der Saal endgültig in einen einzigen
Chor. Die Halle ist euphorisiert, als hätten sich Doja Cat, Ikkimel und Cardi B unangekündigt zum gemeinsamen Klassentreffen verabredet. Lil’ Kim grinst, rappt und nimmt den Jubel entgegen, während der DJ ununterbrochen vom Auditorium einfordert, „some noise“ für die Künstlerin zu machen. Selten hat ein Support-Act derart abgeräumt.
Dann allerdings geschieht erst einmal: nichts. Vierzig Minuten Pause können sich ziehen, zumal es nicht viel zu tun gibt. Der Merch-Stand bietet langweilige, überteuerte T-Shirts feil und Pussycat-Dolls-Jutetaschen für 35 Euro – der Umsatz hält sich verständlicherweise in Grenzen. Eine knappe Dreiviertelstunde ist eine erstaunlich lange Zeit, und irgendwann fragt man sich, worauf eigentlich gewartet wird. Lil’ Kim hatte weder Instrumente noch aufwendige Requisiten auf der Bühne, die nun unter Einsatz muskulöser Roadies fortgetragen werden müssten, und die Show der Pussycat Dolls steht im Hintergrund längst fix und fertig bereit.
Natürlich braucht auch eine perfekt organisierte Produktion ihre Umbauzeit, ihre letzten Checks und vermutlich Dinge, von denen der gewöhnliche Konzertbesucher nichts versteht. Die Vermutung, der entscheidende technische Handgriff bestehe darin, irgendwann auf „Start“ zu drücken, liegt allerdings nahe. Die Instrumentaltracks kommen schließlich weitgehend aus der Konserve, was freilich nix macht. Denn als es kurz vor 21 Uhr endlich losgeht, liefern die drei Grazien samt Tänzerinnen und Tänzern eine derart präzise, temporeiche und meisterhaft inszenierte Show mit schnellen Kostümwechseln, Feuerfontänen, glitzernden Silberbadeanzügen, Glamour und Strahlkraft ab, dass niemand eine Band im Hintergrund vermisst. Amerikaner können einfach Showbiz.

Pussycat Dolls in neuer Konstellation: Nicht alle Mitglieder mehr dabei
2010 hatte sich die Girlgroup getrennt, im März dieses Jahres ihr Comeback angekündigt, diesmal als Trio. Gut zwei Stunden lang geht die Post ab. Die bunte Palette ihrer Songs wird mit enormem Tempo präsentiert, keine wichtige Nummer fehlt. „Buttons“ und „I Don’t Need a Man“ sind logischerweise mit dabei, auch das Debütalbum „PCD“ von 2005 kommt angemessen zum Zuge. Eine junge Dame mit pink leuchtenden Teufelshörnchen auf dem Kopf bemerkt fachmännisch: „Die beiden blonden Sängerinnen haben exakt die gleiche Beinlänge.“
Ein besonders berührender Moment gehört Ashley Roberts, die an diesem Abend ihren 45. Geburtstag feiert, was unglaublich ist, da die Dolls ihre junge, feminine Präsenz weiß Gott nicht verloren haben. Frontfrau Nicole
Scherzinger stimmt a cappella das traditionelle „Happy Birthday“ an, Tausende aus dem Publikum singen mit. Für einen Augenblick verliert selbst die große Olympiahalle etwas von ihrer Größe und wirkt beinahe familiär.
Ursprünge im Burlesque
Dann wirbelt die Stimmung weiter bis 22 Uhr. Die Bühnenkünstlerinnen geben sich mit köstlicher Selbstverständlichkeit den Verführungskünsten einer Tabledance-Show hin, Stoffe wirbeln und fliegen, manchmal fahren Säulen, Sockel oder LED-Treppen aus dem Bühneninneren empor. Im Mittelpunkt steht vor allem Scherzinger – optisch wie gesanglich.
Die Geschichte der Pussycat Dolls begann vor etwas über dreißig Jahren als Burlesque-Truppe der Choreografin Robin Antin; Christina Applegate war an den frühen Anfängen beteiligt. Später traten große Namen wie Scarlett Johansson, Gwen Stefani, Carmen Electra und Christina Aguilera mit den Dolls auf. Wer damals in Hollywood etwas auf sich hielt, wollte offenbar wenigstens einmal dabei sein. Später gab es Turbulenzen, Unstimmigkeiten in der Band, Trennungen, abgesagte Tourneen – und schließlich das große Comeback zu dritt. Und wer die Scherzingerin noch mal live erleben möchte: Am Donnerstag wird sie beim HeidiFest im Hofbräuhaus erscheinen, vermutlich diesmal nicht im Badeanzug, sondern in Glitzertracht.