Psyche in Corona-Zeiten: Kinderseelen am Limit

In der Corona-Pandemie sind immer mehr Jüngere enormen psychischen Belastungen ausgesetzt - das zeigt sich auch in übervollen Kliniken.
| Leonie Meltzer, Lisa Marie Albrecht
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Ängste, Bauchschmerzen, Rückzug: All das können Anzeichen für eine psychische Überlastung bei Kindern sein. Es gilt: aufmerksam sein!
Ängste, Bauchschmerzen, Rückzug: All das können Anzeichen für eine psychische Überlastung bei Kindern sein. Es gilt: aufmerksam sein! © picture alliance/dpa

München - Angst, Depressionen, Zwangsstörungen: Die Corona-Pandemie zeigt nicht nur die Strukturprobleme des Gesundheitssystems auf, sondern führt auch zu einer starken Zunahme psychischer Belastungen bei Kindern und Jugendlichen.

Mehr Heranwachsende in Psychotherapie

Die Krankenkasse Barmer fand erst kürzlich heraus, dass allein im ersten Halbjahr 2020 die Zahl der bayerischen Heranwachsenden bis einschließlich 24 Jahren, die in Psychotherapie waren, um 6,5 Prozent gegenüber 2019 anstieg - konkret: von 46.673 auf 49.706. Im Vergleichszeitraum der ersten Halbjahre 2018 und 2019 betrug der Anstieg nur 1,5 Prozent.

Auch in der bayerischen Kinder- und Jugendpsychiatrie ist das zu spüren: Gerd Schulte-Körne, Direktor der Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des LMU-Klinikums München, sagt der AZ, alle 40 Betten der Einrichtung seien überbelegt.

Die Anfragen bezüglich Behandlungsplätzen haben ihm zufolge extrem zugenommen - und würden weiter ansteigen. Viele Eltern riefen an, und nach stationären Behandlungsmöglichkeiten für ihre Kinder mit psychischen Erkrankungen fragen.

Gerd Schulte-Körne.
Gerd Schulte-Körne. © privat

"Wir versuchen alles so gut es geht, aber die Wartezeiten sind mittlerweile lang", sagt er. "Wir haben einen wahnsinnigen Druck." Selbst in den Intensivstationen gebe es Wartezeiten. "Das gab es früher nicht."

"Dass sich psychische Erkrankungen manifestieren, dauert Monate"

Die Folgen von Homeschooling, sozialer Isolation, der Wegfall des Schulsports, von Jugendclubs und Treffpunkten, die Belastungen innerhalb der Familien seien nun mit zeitlicher Verzögerung spürbar. "Dass sich psychische Erkrankungen manifestieren, dauert Monate. Seit dem zweiten Lockdown im Herbst nehmen psychische Erkrankungen kontinuierlich zu", so der Direktor.

Häufige psychische Erkrankungen im Jugendalter seien derzeit Essstörungen und Depression, so Schulte-Körne. Das bestätigt auch Dominik A. Ewald, Landesvorsitzender des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte in Bayern, der AZ. "In allen kinder- und jugendpsychiatrischen Einrichtungen in Bayern verzeichnen wir eine deutliche Zunahme von Essstörungen", sagt er.

Angst vor Quarantäne und dem Alleinsein

Auch Angststörungen kommen jetzt häufiger vor. "Jugendliche berichten, dass sie viel isolierter, öfter alleine sind und ihren Gedanken nachhängen", so Schulte-Körne. Oft sei ihnen dabei gar nicht unbedingt bewusst, dass sie psychisch erkrankt sind.

Die Angst vor Quarantäne und davor, mit der Familie über einen längeren Zeitraum auf engem Raum leben zu müssen, werde häufig genannt, berichtet der Kinder- und Jugendarzt Ewald. Psychische Erkrankungen könnten dabei schon im Grundschulalter auftreten.

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Das Problem kennt man auch auf Bundesebene: Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) kritisierte die politische Vernachlässigung von Kindern und Jugendlichen während der Pandemie scharf.

"Die Kinder- und Jugendpsychiatrien sind voll"

"Kinder und Jugendliche wurden in der Pandemie von Anfang an massiv vernachlässigt. In der ersten Phase waren die pauschalen Einschränkungen wie Schul- und Kitaschließungen noch nachvollziehbar. Aber inzwischen haben wir gelernt, dass Kinder die Infektion deutlich weniger weitertragen und selbst deutlich seltener erkranken als Erwachsene", sagte BVKJ-Sprecher Jakob Maske der "Rheinischen Post".

Und er geht sogar noch weiter: "Es gibt psychiatrische Erkrankungen in einem Ausmaß, wie wir es noch nie erlebt haben. Die Kinder- und Jugendpsychiatrien sind voll, dort findet eine Triage statt. Wer nicht suizidgefährdet ist und 'nur' eine Depression hat, wird gar nicht mehr aufgenommen."

Therapeuten fordern Ausbau personeller und finanzieller Kapazitäten

Dies sei in München nicht der Fall, sagt Schulte-Körne vom LMU-Klinikum. Jemand, der akut krank sei oder sich in einer lebensbedrohenden Krise befinde, werde immer behandelt.

Allerdings, so berichtet Kinderarzt Ewald, gebe es in seiner Praxis durchaus mehr Kinder auch mit Suizidgedanken, die er in einem "normalen Setting" besser versorgt gewusst hätte. Die Therapeuten fordern dringend den Ausbau personeller und finanzieller Kapazitäten.


Psychische Probleme: Hier finden Betroffene Hilfe

Wenn die psychische Belastung zu groß wird, sollten sich Kinder und Jugendliche unbedingt Hilfe suchen: Eine Sofort-Unterstützung bieten rund um die Uhr, anonym und kostenlos etwa die Telefonseelsorge: Telefon 0800/111 02 22 oder die Krisendienste Bayern: Telefon 0800/655 3000.

Spezielle Anlaufstelle für Kinder und Jugendliche in der Corona-Krise ist die Webseite corona-und-du.info vom LMU-Klinikum für Kinder- und Jugendpsychiatrie und der Beisheim Stiftung.

Beratung zu psychischen Problemen für Jüngere bietet zudem auch die entsprechende Stelle beim Münchner Gesundheitsreferat: SG Seelische Gesundheit, Telefon 089 233 66933 (Montag, Dienstag, Donnerstag, Freitag 9 bis 12 Uhr; Montag, Mittwoch 14 bis 16 Uhr).

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