Proberaum-Not in München: Wo sollen Bands noch üben?

In München gibt es zu wenige Proberäume. Mit der Schließung des Fat Cat fällt bald ein wichtiger Ort für Kulturschaffende weg. Betreiber und Musiker erzählen, was die Szene braucht.
Veronika Beck, Maja Aralica |
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Musikerin Caro Kelley hat sich ihren Proberaum im Fat Cat im Alten Gasteig nach ihrem eigenen Geschmack eingerichtet. "Das hier ist der beste Raum, den ich je hatte – und jetzt verschwindet er" , sagt sie. Wegen Sanierungsarbeiten endet die Zwischennutzung. Doch viele Musiker wissen nicht, wo sie in München künftig proben können.
Musikerin Caro Kelley hat sich ihren Proberaum im Fat Cat im Alten Gasteig nach ihrem eigenen Geschmack eingerichtet. "Das hier ist der beste Raum, den ich je hatte – und jetzt verschwindet er" , sagt sie. Wegen Sanierungsarbeiten endet die Zwischennutzung. Doch viele Musiker wissen nicht, wo sie in München künftig proben können. © ma

Proberäume sind essenziell für Musikerinnen und Musiker: Hier können sie ungestört üben, haben Platz für ihre Instrumente und einen Raum, um sich kreativ auszuprobieren. Viele der heute erfolgreichsten Bands probten in einfachen Räumen, Kellern, Dachböden oder Garagen. Aus Letzterem entwickelte sich sogar eine eigene Genrebezeichnung.

Doch gerade in München wird es zunehmend schwerer, geeignete Räume zu finden. Die meisten Menschen leben in Wohnungen, die zu klein sind, und müssen Rücksicht auf ihre Nachbarn nehmen. Die einzige Alternative sind Proberäume zur Miete, doch die sind ein rares Gut.

"Dass das Fat Cat verschwindet, ist ein Desaster"

Im Fat Cat im Alten Gasteig gibt es über 200 Proberäume, Ateliers und Büros, die von Musikern und freischaffenden Künstlern gemietet werden. Eine von ihnen ist die Musikerin Caro Kelley. Seit fast zwei Jahren macht sie hier hauptberuflich Musik und gibt Unterricht. Den 22 Quadratmeter großen Raum hat sie nach ihrem eigenen Geschmack eingerichtet. An der rechten Wand steht ein dunkles Klavier, am Fenster eine geblümte Couch, an der gegenüberliegenden Wand ein kleiner weißer Schreibtisch. Pastellfarben ziehen sich als Farbschema durch den Raum. Hier bewahrt Kelley ihr Equipment auf, ihren Merch und Instrumente ihrer Band – und zahlt monatlich 295 Euro.

Doch schon Ende September muss sie den Raum aufgeben, denn der Alte Gasteig, der als Zwischennutzung Fat Cat heißt, wird umgebaut. "Es ist ein Desaster", sagt Kelley über das Ende der Zwischennutzung. "Das hier ist der beste Raum, den ich je hatte – und jetzt verschwindet er."

Bunt und gemütlich: Caro Kelleys Proberaum im Fat Cat.
Bunt und gemütlich: Caro Kelleys Proberaum im Fat Cat. © ma

Von der Stadtpolitik fühlt sich die 34-Jährige im Stich gelassen. "Es wirkt, als wäre niemand wirklich daran interessiert, eine Lösung zu finden", sagt sie. Gerade sei sie auf der Suche nach Alternativen, doch bisher hatte sie keinen Erfolg. "Es gibt zu wenige Proberäume in München", sagt sie.

 

Dass Kelley ausziehen muss, hat für sie weitreichende Folgen. Vor allem für ihre Schüler. Künftig wird sie bei ihnen zu Hause unterrichten, jene, die außerhalb der Stadt wohnen, wird sie abgeben müssen.

Sie wünscht sich, dass die Stadtpolitik Kulturschaffende mehr unterstützt. "Sie wollen Kultur, aber bitte leise, billig und auf eigene Kosten. Ich würde mir wünschen, dass man eines der vielen leer stehenden Gebäude nimmt und das Konzept des Fat Cat übernimmt", sagt Kelley. "Wenn man leer stehende Kaufhäuser, Bürogebäude oder das Funkhaus nicht abreißt, warum füllt man sie nicht mit Kultur?" Kelley ist überzeugt: "Wenn wir wollen, dass Kunst überlebt, dann brauchen wir Räume, um sie zu schaffen."

"Ich habe in einem Krematorium geprobt"

Ganz ohne städtische Förderung entstand 2009 der Rockpalast in Giesing. Er liegt in einer unterirdischen Parkgarage nahe des Wettersteinplatzes. Die Betreiber Martin Schmid und Werner Pfanz kennen das Dilemma fehlender Proberäume aus eigener Erfahrung. Zu Zeiten ihrer Rockband suchten auch sie lange nach einem Ort zum Musizieren. Als eine Theatergruppe die Räume in der Tiefgarage nicht mehr benötigte, übernahm zunächst Martins Band die abgeschotteten Räumlichkeiten. Der Vermieter, selbst musikbegeistert, ließ die Garage schallisolieren, sodass Proben ohne Beschwerden aus der Nachbarschaft möglich wurden.

Heute ist die Nachfrage groß, der Rockpalast wird deshalb gerade erweitert. Hier proben nicht nur klassische Rockbands, sondern auch eine Opernsängerin, eine brasilianische Samba-Gruppe und ein Chor. Schlagzeuge, Verstärker, Mikrofone und Mischpulte stehen bereit. Musiker können feste Zeitfenster buchen oder spontan für einige Stunden einen Raum mieten. Im Gemeinschaftsraum mit großem Tisch und Getränkeautomat herrscht eine fast familiäre Atmosphäre.

Unabhängigkeit ist ihnen wichtig

Auffällig ist die entspannte Stimmung. Der Umgang ist nicht nur freundlich, sondern beinahe freundschaftlich. Schnell wird deutlich, dass es den Betreibern nicht darum geht, aus der Raumnot Profit zu schlagen, sondern eine faire Lösung anzubieten. Das zeigt sich auch im Preis: Die Räume können bereits ab sieben Euro pro Stunde gemietet werden. Bewusst verzichten Schmid und Pfanz auf städtische Förderung – ihre Unabhängigkeit ist ihnen wichtig.

Die Band "Life On Wheels" probt im Giesinger Rockpalast.
Die Band "Life On Wheels" probt im Giesinger Rockpalast. © Life On Wheels

Jeden Dienstag probt hier auch die Münchner Balkan-Rock-Band "Life On Wheels". Bevor sie im Rockpalast ihren festen Platz fand, spielte die Band an den unterschiedlichsten Orten. "Ich habe mal im Krematorium eines Krankenhauses musiziert", erzählt Bassist Alex. Neben Kellern und Studentenwohnheimen fanden die Musiker immer wieder provisorische Unterschlüpfe.

Solche Geschichten dürften vielen Münchner Musikerinnen und Musikern bekannt vorkommen. Der Bedarf an Proberäumen ist groß, das Angebot knapp. Im Umland gibt es zwar Alternativen, doch sie sind oft ausgebucht, teuer oder in schlechtem Zustand. Immer wieder versucht auch die Stadt, das Problem zumindest punktuell zu entschärfen. Doch meist bleiben es temporäre Lösungen und Zwischennutzungen, wie zuletzt beim Fat Cat.

"Pop wird anders behandelt als Hochkultur"

Bereits vor mehr als 40 Jahren machte das Feierwerk mit einer öffentlichen Bandprobe vor dem Rathaus auf den Mangel aufmerksam. Die Situation war 1983 mit ausschlaggebend für die Gründung des gemeinnützigen Vereins. "Viel verändert hat sich seitdem jedoch nicht", sagt Jacob Döring von der Feierwerk Fachstelle Pop. Zwar wurden in einigen Einrichtungen des Feierwerks Proberäume integriert, etwa in der Südpolstation in Neuperlach oder der Funkstation in Freimann. Auch ein städtischer Mietzuschuss für Proberäume geht auf die Arbeit der Fachstelle zurück. Doch auf diesen kann man sich nur alle drei Jahre bewerben, zudem müssen Bands ihre Professionalität durch Arbeitsproben nachweisen – gerade für junge Gruppen eine hohe Hürde.

Der Proberaum in der Südpolstation vom Feierwerk in Neuperlach.
Der Proberaum in der Südpolstation vom Feierwerk in Neuperlach. © Feierwerk

"Ein weiteres Problem ist die unterschiedliche Behandlung von Popkultur und Hochkultur", sagt Döring. "Ein Streichquartett findet vermutlich leichter einen Raum als eine Punkrockband." Als mögliche Alternative werden immer wieder leer stehende Schulen oder Bürogebäude genannt. In der Praxis scheitert das jedoch oft am Aufwand: Instrumente müssten transportiert, Räume jedes Mal neu aufgebaut und anschließend wieder komplett geräumt werden. Um den Bedarf nachhaltig zu decken, bräuchte es langfristige Lösungen.

Aus Sicht von Feierwerk und Rockpalast als auch Musikerin Caro Kelley müsste die Stadt ganze Gebäude dauerhaft zur Verfügung stellen. Andernfalls, so die Befürchtung, bleibt das Problem privaten Investoren überlassen – mit ungewisser Aussicht darauf, ob Proberäume am Ende bezahlbar bleiben. 

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