Interview

Pfarrer Schießler feiert Zwölf-Stunden-Messe: "Bescheiden, aber feierlich!"

Die Christmetten in Sankt Maximilian sind berühmt – und übervoll. Weil das heuer nicht geht, feiert Pfarrer Rainer Maria Schießler an Heiligabend ab 12 Uhr eine Zwölf-Stunden-Messe.
| Irene Kleber
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Pfarrer Rainer Maria Schießler lässt an Heiligabend zwölf Mal 100 Menschen in seine Kirche St. Maximilian.
Pfarrer Rainer Maria Schießler lässt an Heiligabend zwölf Mal 100 Menschen in seine Kirche St. Maximilian. © Sigi Müller

München - Die Christmetten bei Münchens bekanntestem Pfarrer Rainer Maria Schießler (60) sind legendär. 1.200 und mehr Menschen füllen seine Maximilianskirche im Glockenbachviertel normalerweise an Heiligabend. Familien, Senioren, junge Leute, Hunde. Nicht nur die Münchner kommen in Scharen, sondern auch Kirchgänger aus der ganzen Republik.

12 Stunden Weihnachtsgottesdienst an Heiligabend?

Dieses Jahr? Geht das nicht, zum ersten Mal. Aber der Pfarrer und seine Gemeinde haben eine Idee gehabt, die in die Zeit passt: ein Weihnachtsgottesdienst, der ganz einfach zwölf Stunden dauert! Die AZ hat nachgefragt.

AZ: Herr Pfarrer, im Ernst, Sie wollen zwölf Stunden am Stück Christmette feiern?
PFARRER RAINER MARIA SCHIESSLER: Ein Mal im Jahr muss ich ja was arbeiten, gell? Nein wirklich, wir können ja heuer nicht 1.000 Leute gleichzeitig in die Kirche lassen, aber wir können zwölf Mal 100 hereinlassen, also teilen wir das eben auf.

Wie soll denn das gehen, per Online-Ticket?
Nein, ganz einfach. Wir haben beim Drogeriemarkt so Gluppal, also kleine Wäscheklammern, gekauft. Am Eingang nimmt sich jeder eins, steckt sich's an - und wenn keine Gluppal mehr im Korb sind, sind die Plätze voll. Dann muss man halt noch eine Runde spazieren gehen und warten. Jeder muss mitspielen, dann funktioniert's.

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Und die Gluppal gibt man beim Rausgehen dann wieder ab?
Genau, dann werden die desinfiziert, kommen wieder in den Korb rein, und weiter geht's.

Abstand, Abstand, Abstand: So sieht es derzeit in St. Maximilian aus.
Abstand, Abstand, Abstand: So sieht es derzeit in St. Maximilian aus. © Sigi Müller

Wie haben Sie das drinnen organisiert?
Wir haben die Bänke rausgenommen und stattdessen um die 150 Stühle reingestellt, da kann sich jeder einen nehmen und sich hinsetzen, wo er will, Familien zusammen, Einzelne mit Abstand ein bissl weiter weg. Dann gibt's eine Umluftheizung und wir lüften halt viel. Bei der Kälte wird sowieso keiner Ewigkeiten bleiben. So werden auch wieder Plätze frei.

Dazwischen stehen jetzt auch noch Fichten im Kirchenschiff, ist auf Ihrer Webseite zu lesen.
Wir haben den Weihnachtswald mit 70 Fichten in die Kirche geholt, die Bäume mussten aus dem Wald sowieso rausgeholt werden, weil es zu eng für sie geworden ist. Da kommen Lichter dran, schaut schee aus, stimmungsvoll!

Im Corona-Jahr ist "eh alles überall anders"

Sie wollen aber nicht zwölf Stunden am Stück predigen, oder?
Ich bin die ganzen zwölf Stunden da, aber ich teile mir die Predigten mit meinem Pfarrvikar Dr. Michael Shin. Wir machen ab 12 Uhr immer eine Stunde Messe, eine Stunde Musik, bis Mitternacht.

Glauben Sie nicht, dass sich trotzdem um 22 Uhr alles vor der Kirchentür drängelt, wie alle Jahre?
Nein. Weil es keinen Teil des Tages geben wird, der wichtiger ist als der andere, die Hochämter finden dieses Jahr auch nicht statt, weil das alles zu eng wäre. Jede Stunde ist gleich bescheiden, aber feierlich! Und wieso soll man die Feststunde eigentlich immer nachts feiern? Ich kann ja auch um 16 Uhr gehen, oder mit den Kindern schon mittags. Heuer ist eh alles überall anders. Also stellen wir uns in der Kirche eben auch um. Übrigens haben wir auch unsere Krippe auseinandergenommen.

Schießlers Bitte: Geht dieses Jahr in eure Wohnsitz-Pfarreien 

Ihre weltgrößte Indoor-Krippe?
Ja, die hat ja früher den ganzen Altarraum ausgefüllt. Jetzt haben wir die 30 lebensgroßen Figuren in der ganzen Kirche verteilt, damit sie überall angeschaut werden können. Die tragen jetzt auch alle Mundschutz.

Wer, die Krippenfiguren?
Ja, eine Dame hat für alle Figuren Masken genäht. So ist das halt 2020. In der Kirche müssen die Leute ja auch die Masken auflassen. Wichtig ist dieses Jahr auch, dass die Auswärtigen diesmal nicht kommen.

Pfarrer Schießler in St. Maximilian.
Pfarrer Schießler in St. Maximilian. © Sigi Müller

Die Nicht-Münchner meinen Sie? Die sollen dieses Jahr wegbleiben?
Es tut mir weh, das sagen zu müssen, aber ich mach's: Bitte bleibt's zuhause, geht dieses Jahr in euren Wohnsitz-Pfarreien in den Gottesdienst. Niemand soll heuer auf die Reise gehen, auch nicht zu unserer Kirche.

Ein Chor singt für die Gottesdienstbesucher

Von wo kommen die Leute denn in normalen Jahren an Heiligabend angereist?
Ach! Von überall. Bis aus Rheinland-Pfalz kommen sie angefahren. Da sind auch Großeltern dabei, die ihre studierenden Enkel in München besuchen kommen - und was nicht alles. Wir haben uns an Weihnachten ja gar nicht retten können normalerweise. Wie die Daltons haben wir die Klingelbeutel weggeschleppt.

Darf man eigentlich singen bei Ihnen in der Kirche?
Wir teilen keine Liederbücher aus, und wir werden nicht auffordern zum Singen! Aber wenn jemand leise mitsingt, können wir das natürlich nicht verhindern. Es ist ja für den Chor schon so, dass wir statt 100 maximal zwölf Sänger singen lassen dürfen, mit drei Meter Abstand zueinander und fünf Meter Abstand zu den Leuten.

Kein gemeinsames Stille Nacht also, diesmal.
Die Musik - wir haben ja viele Künstler eingeladen, Musik zu machen - wird wunderbar sein. Auch lauschen kann ja beseelen.

Pfarrer Rainer Maria Schießlers Wünsche für 2021

Was wünschen Sie sich für 2021, Herr Pfarrer?
Das, was sich alle wünschen: Dass wir rauskommen aus diesem Gefängnis, das dieses Virus über die ganze Welt gebracht hat. Dass wir mit Geduld an die Lösung der Krise herangehen. Dass wir solidarisch bereit sind, auf möglichst viel zu verzichten, damit wir möglichst wenige Opfer zu beklagen haben. Ich wünsche mir, dass ein Licht am Ende des Tunnels immer heller wird.

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