Peter Punk und der Piratengreis

Magersucht und Jugendwahn: Schorsch Kamerun präsentiert in den Kammerspielen seine ganz spezielle Musical-Version von „Peter Pan“
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Walter Hess als Karl Lagerfeld in "Peter Pan" von Schorsch Kamerun an den Kammerspielen.
Andrea Huber Kammerspiele Walter Hess als Karl Lagerfeld in "Peter Pan" von Schorsch Kamerun an den Kammerspielen.

Magersucht und Jugendwahn: Schorsch Kamerun präsentiert in den Kammerspielen seine ganz spezielle Musical-Version von „Peter Pan“

Immer, wenn einer von uns im Niemalsland atmet, stirbt ein Erwachsener“, freut sich Peter Pan, „deswegen atme ich absichtlich schnell, nämlich 16 mal in der Sekunde. Aus Rache bring ich sie um, so schnell wie möglich.“ In Schorsch Kameruns Version von „Peter Pan“, nach den Geschichten von James M. Barrie, geht’s radikal zu. Plakativ offenbart uns der Regisseur – und Sänger der Punkband „Die goldenen Zitronen“ – wie sehnsuchtsvoller, krankhafter Jugendwahn ausschaut.

Peter Pan (Bernd Moss) überredet das Mädchen Wendy Darling (Wiebke Puls) mit ihm in die alterungsfreie Zone zu kommen. Sie steigt aus ihrem Bett und schlüpft in die Projektionsfläche hinter der Bühne. Auf der Leinwand läuft ein Film, in dem Pan und Wendy über den Marienplatz, die Frauenkirche und die Allianz Arena fliegen. Dann werden die Aufnahmen schriller. Videokünstler Jo Schramm lässt verzerrte Filmsequenzen über die Leinwand flimmern. Exzessive Partys, schräger Elektrosound, Regenbogenfarben, Schaumkanonen, eine sich übergebene Frau – den Zuschauern wird beinahe schlecht und schwindelig.

Die Projektionsfläche verschwindet. Das Niemalsland kommt zum Vorschein und die Punk-Show beginnt. Mal ist die Bühne in Nebel gehüllt und die agierenden Figuren leuchten sich mit Taschenlampen ins Gesicht. Mal tupfen Projektionen Farben und Formen auf das Niemalsland und seine Bewohner.

Dazu zählt die toupierte Elfe Tinker Bell im rosa Tutu und „Miss“-Scherpe über dem Leib, Indianer mit Pappschildchen am Kopf und durchgestylte Piraten. Die Zeit (René Dumont) stattete Kostümbildnerin Maren Geers mit einem gletscherfarbenen Kleidchen aus. Der Saum und der explodierte Mozartzopf stehen auf Sturm.

Das Bühnenbild konzipierte Constanze Kümmel als Welt mit zwei Etagen. Oben lebt der böse Captain Hook (Walter Hess), unten, in einer Art Höhle, befinden sich Pan und seine Freunde. Dramaturg Malte Jelden macht Pans Elfe Tinker Bell (Tabea Bettin) zur eifersüchtigen Rivalin von Wendy. Beide Frauen sehnen sich nach Pans Nähe. Doch der sieht Frauen höchstens als Mutter – niemals als Geliebte. „Niemand soll ein Mann aus mir machen“, sagt er.

Captain Hook erscheint als Karl-Lagerfeld-Verschnitt. Eitel und mitten im „For ever young“-Wahn. Der „anorektische Piratengreis“ fürchtet Die Zeit. Sie verfolgt in und zischt im Rhythmus des Uhrentickens: „Krieg dich. Krieg dich. Krieg dich.“

An Hook rauschen Wörter wie Fashion, Stil, Ruhm und Anarchie vorbei. Verzweifelt schreit er: „Ich bin das Original. Ich bin der Trendsetter.“ Die Kinder im Publikum sind verwirrt. Das Stück ist „ab neun Jahre“, aber sie verstehen die gesellschaftskritischen Anspielungen nicht.

Nach 80 Minuten sitzen die Hauptdarsteller beisammen. Wendy redet ihnen ins Gewissen: „Irgendwann muss man doch mal real werden. Yes we can!“ Sie möchte zurück nach Hause, möchte sich weiter entwickeln. Die Reise ins Niemalsland war eine wilde, aufregende Zeit, die aber eines Tages – wie auch im echten Leben – einmal zu Ende geht. Dorina Herbst

Peter Pan, Münchner Kammerspiele, Neues Haus, Falckenbergstraße 2, Termine: 17./18.11. & 1./9./10./16.12 20 Uhr, 23./30.11. & 14./26.12. 15 Uhr, 23.11. & 26.12 19 Uhr, Tel. 233 966 00

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