Sticker-Jagd in München: WM-Boom trifft auf leere Regale

In München sorgt die WM 2026 für ein regelrechtes Panini-Fieber: Kioske melden Lieferengpässe, Sammler organisieren Tauschtreffen im Park, Paare entdecken das Album als gemeinsame Freizeitbeschäftigung – und sogar eine eigene App soll beim Sticker-Tausch helfen.
Leonhard Pangratz |
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Panini-Bilder sind zur WM heiß begehrt. An vielen Orten sind sie ausverkauft und die Kollektion ist nicht ganz aktuell. Serge Gnabry ist zum Beispiel kein Teil des Kaders.
Panini-Bilder sind zur WM heiß begehrt. An vielen Orten sind sie ausverkauft und die Kollektion ist nicht ganz aktuell. Serge Gnabry ist zum Beispiel kein Teil des Kaders. © Leonhard Pangratz

Mitte Juni kommt es in Schweinfurt zu einem außergewöhnlichen Zwischenfall: Ein Mann stiehlt aus einer Tankstelle Panini-Sticker im Wert von rund 40 Euro. Als eine Mitarbeiterin ihn verfolgt, schlägt ihr der Täter mit der Faust ins Gesicht.
Die Polizei konnte inzwischen einen Verdächtigen festnehmen und Beweismaterial sicherstellen. Der Diebstahl zeigt: Die WM-Sammelbilder sind derart begehrt, dass manche dafür auch Grenzen überschreiten.

Ganz so schlimm ist es in München nicht, das WM-Aus der deutschen Mannschaft hat Sammler und Sammlerinnen hart getroffen. Eine davon ist Katharina Harbs. Die 27-Jährige sammelt mit ihrem Freund die Sticker zur Weltmeisterschaft. "Ich finde es sehr schade, da hätte definitiv mehr gehen können. Aus unserer Perspektive ändert das aber nichts am Sammeln", sagt sie zur AZ. "Es ist ja das große Ganze mit allen Mannschaften, die im Heft vertreten sind."

Anni, Maxi und Dominique (v.l.) treffen sich zum Stickertauschen am Viktualienmarkt.
Anni, Maxi und Dominique (v.l.) treffen sich zum Stickertauschen am Viktualienmarkt. © Leonhard Pangratz

2030 geht die Panini-Ära zu Ende

Von anderen Panini-Fans habe sie jedoch schon gehört, dass die Sticker hauptsächlich vor den Turnieren gefragt seien und die Nachfrage zum Start sinken würde. Dieses Jahr sei es ihrer Meinung nach aber anders. "Man bekommt jetzt sehr viel über Instagram und TikTok mit. Das gab es so früher nicht so extrem", erklärt Harbs.

Die Leute seien auch immer noch am Kartentauschen interessiert und würden dafür immer noch nach WhatsApp-Gruppen suchen. "Ich glaube, bei vielen geht es vor allem darum, dieses Heft vollzumachen. Es ist schließlich das vorletzte Panini-Heft zur WM." Nach der WM 2030 übernimmt der US-Hersteller Fanatics die Sticker-Lizenz, für Sammler geht damit eine Ära zu Ende.
Michael Roller betreibt einen Kiosk am Rotkreuzplatz und beobachtet den Ansturm auf die Sticker täglich. "Die Nachfrage ist groß, vor allem bei jüngeren Kindern", erzählt er. Im Vergleich zur WM 2022 sei die Nachfrage wahrscheinlich noch höher. Das Problem: "Wir werden nicht regelmäßig beliefert. Zwischendrin sind uns die Sticker auch schon ausgegangen." Aktuell versuche Roller, über zwei Lieferanten an neue Ware zu kommen, es sei aber sehr schwierig.

"Es liegt keine künstliche Verknappung seitens Panini vor"

Hawar Sifo Allu berichtet Ähnliches. Gemeinsam mit seinem Bruder betreibt er einen Kiosk in der Zenettistraße. Die Sticker-Nachfrage sei auch hier deutlich nach oben gegangen. "In den letzten Wochen waren die Sticker kaum lieferbar. Wir waren teilweise ausverkauft", sagt der junge Mann. Bis zu 20 Kunden am Tag hätten nach den WM-Bildchen gefragt, die meisten würden direkt zehn bis 15 Packs kaufen. "Immer mehr Leute wollen die Sticker. Ich gehe davon aus, dass einfach alles ausverkauft ist."

Im Kiosk von Hawar Sifo Allu ist die heiße Ware zumindest ab und zu verfügbar.
Im Kiosk von Hawar Sifo Allu ist die heiße Ware zumindest ab und zu verfügbar. © Leonhard Pangratz

Der Hersteller Panini weist derweil die Verantwortung für die Engpässe von sich. Das Problem sei laut einer Sprecherin die "außergewöhnlich hohe Nachfrage". Teilweise seien die Sticker direkt nach einer Nachlieferung schon wieder vergriffen. "Panini produziert die Sticker-Kollektion fortlaufend nach und liefert täglich zusätzliche Ware in den Markt aus", heißt es. "Es liegt keine künstliche Verknappung seitens Panini vor." Die hohe Nachfrage sei schlicht Ausdruck der Begeisterung für die WM.
Zugleich verweist Panini auf "besondere Rahmenbedingungen". Durch die späten Qualifikationsspiele hätten die Teilnehmerländer erst spät festgestanden, der Zeitraum bis zum Verkaufsstart sei für die Produktion daher sehr kurz gewesen. "Die Resonanz von Fans, Sammlern und Handelspartnern ist außerordentlich positiv", verteidigt sich Panini. Man arbeite daran, die Verfügbarkeit weiter zu verbessern.

Tauschtreffen im Luitpoldpark und Stickersammeln in der Partnerschaft

Um sich nicht ausschließlich auf neue Lieferungen zu verlassen, werden auch Katharina Harbs und ihr Freund Laurin Ernst aktiv. Die beiden haben über die letzten Wochen drei Tauschtreffen im Luitpoldpark via Instagram organisiert.
Beim ersten Mal kamen zunächst 30 Sammler, bei den weiteren Treffen seien es um die 100 Menschen gewesen. "Anfangs waren es hauptsächlich junge Erwachsene, danach waren auch viele Kinder dabei", sagt Harbs.

Im Sammelfieber: Katharina Harbs und ihr Freund Laurin Ernst haben schon drei Tauschtreffen veranstaltet.
Im Sammelfieber: Katharina Harbs und ihr Freund Laurin Ernst haben schon drei Tauschtreffen veranstaltet. © Katharina Harbs

Sie hat dabei auch ein neues Phänomen beobachtet: Immer mehr Paare entdecken das Stickersammeln für sich. Bei ihr und ihrem Freund sei es genauso. "Wir machen das Album zusammen, das ist eine kleine Couple-Aktivität für uns", verrät die 27-Jährige. Vorher habe sie nie Sticker gesammelt, sei aber über TikTok auf das Thema gestoßen. "Ich wollte meinen Freund dann mit dem Album überraschen." Die Überraschung glückt, das Sammeln beginnt. Für Laurin Ernst liegt die Faszination hauptsächlich in den Erinnerungen an frühere Alben und Turniere. Katharina Harbs genießt dagegen die gemeinsame Zeit beim Tauschen, Sortieren und Einkleben.

Kioskbetreiber Michael Roller tut sich aktuell schwer damit, an neue Sammelbilder zu kommen.
Kioskbetreiber Michael Roller tut sich aktuell schwer damit, an neue Sammelbilder zu kommen. © Leonhard Pangratz

Die beiden haben ihre WM-Sticker bei verschiedenen Kiosken gekauft. "Bei Supermärkten war es teilweise echt schwierig, überhaupt Bilder zu bekommen. Aktuell gibt es dort auch gar keine mehr", sagt Harbs. Sie bekomme auch immer wieder Anfragen, wo es denn noch Sticker zu kaufen gebe.
Das junge Paar hat Glück, ihr Album ist inzwischen schon fast voll. Über 200 Euro habe das Sammeln bisher gekostet, Harbs findet den Preis in Ordnung. "Wir haben gar nicht so viel ausgegeben, haben aber vor allem durch Tauschen echt viele Sticker bekommen." Manche seien ihnen sogar geschenkt worden. "Bei den Treffen war immer gute Stimmung, die Leute haben sich auch gegenseitig unterstützt. Das Sammeln verbindet alle miteinander."

Eine App zum Stickersammeln

Das Paar wird zwar kein viertes Treffen veranstalten, Katharina Harbs hat aber einen Tipp für alle, bei denen noch größere Lücken im Heft klaffen. "Bei einem Treffen habe ich zwei Jungs kennengelernt, die eine App zum Stickersammeln entwickelt haben. Dort kann man auch nach Tauschpartnern suchen.“
Die Anwendung heißt "Swap & Stick", ist bisher aber nur für Apple-Geräte verfügbar. Sollten genügend Nutzer interessiert sein, wollen die Gründer auch eine Android-Version entwickeln. Den persönlichen Austausch können Apps jedoch nicht ersetzen, findet Harbs. "Das ist schon was Besonderes." Ein zusätzlicher Vorteil vom Sammeln und Tauschen: Das Album wird voller – ganz ohne Überfall und Faustschläge.

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