Paar mindert Miete und wird rausgeklagt

Zwei Münchner ziehen nach Burghausen, weil ihr Haus mit giftigem Parkettkleber verseucht ist. Jetzt sollen sie die Miete nachzahlen und müssen das Haus räumen
| Jasmin Menrad
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Die Möbel möchte das Paar nicht mitnehmen. Sie fürchten, dass sie verseucht sind.
Gregor Feindt 2 Die Möbel möchte das Paar nicht mitnehmen. Sie fürchten, dass sie verseucht sind.
Ein Gutachter der Vermieterin stemmt im Oktober 2010 den Parkettboden auf, um die Schadstoffbelastung zu messen.
privat 2 Ein Gutachter der Vermieterin stemmt im Oktober 2010 den Parkettboden auf, um die Schadstoffbelastung zu messen.

Harlaching - Es stinkt durchdringend nach Teer. Im Schlafzimmer von Marion Stein und Michael Bauer ist es am schlimmsten. Der Teergeruch, das ist Parkettkleber, der mit polycyclischen aromatischen Kohlenwasserstoffen (kurz PAK) und Naphthalin belastet ist. Das ist krebserregend.

2002 zieht das Paar in die Doppelhaushälfte in Harlaching. Weil’s ein wenig müffelt, lüften sie oft. Erst acht Jahre später finden sie den Grund: Es ist der Parkettboden, der den Geruch absondert. Um sich zu beruhigen, beauftragen sie die Gesellschaft für Umweltchemie mit einer Analyse. Das Ergebnis: Der Parkettkleber ist sehr hoch mit krebserregenden Stoffen belastet. Das Paar packt sein Bettzeug und zieht mit einer Matratze auf den Speicher.

Am 21. September 2010 schicken sie ihrer Vermieterin die Ergebnisse der Analyse. Vier Tage später wird es kalt und das Paar fährt ins 117 Kilometer entfernte Burghausen. Dort hat die Mutter von Marion Stein eine Ferienwohnung. Das Paar lebt bis heute dort. „Das Haus hat meine Frau krank gemacht“, sagt Michael Bauer. Marion Bauer leidet unter Hautreizungen, hat Probleme mit den Schleimhäuten.

Michael Bauer, der an der Volkshochschule Computer-Kurse gegeben hat, arbeitet inzwischen als Semmelkurier. Er kann nicht täglich zweimal 117 Kilometer nach München fahren. Seine Frau, die als Webdesignerin gearbeitet hat, ist jetzt als 400 Euro-Kraft in einer Kantine beschäftigt.

Mittlerweile ist die schmucke Doppelhaushälfte ein Fall fürs Gericht: Es geht um Mietnachzahlungen und die Räumung. Gutachter schätzen den Parkettkleber als gesundheitsgefährdend ein. Der Kleber ist außer in Küche und Bad überall verwendet worden. Das Paar mindert nach Beratung durch den Mieterverein, die Mieterberatungsstelle der Landeshauptstadt und einem Anwalt die Miete um 90 Prozent, dann um 100. Die Computerspezialisten sind überzeugt, dass die Wohnung unbewohnbar ist. Deshalb bleiben sie in Burghausen. Das Gericht, glauben sie, wird ihnen Recht geben.

Im Oktober 2010 lässt die Vermieterin den Parkettboden aufstemmen und einen weiteren Gutachter kommen. Die Belastung ist jetzt noch höher. Die Vermieterin sichert dem Paar zu, dass sie einen neuen Boden bekommen, lässt die Räume vermessen, sucht einen Fußboden aus. Doch bis heute ist nichts passiert. Stattdessen wird ihnen am Morgen des 15. Dezember 2010 die fristlose Kündigung zugestellt. Grund: Sie sind mit den Mietzahlungen im Verzug. „Wir sind noch nie jemandem die Miete schuldig geblieben“, sagt Bauer.

Am 11. Juni 2012 treffen sich Mieter und Vermieter vor dem Amtsgericht. Völlig überraschend für die Mieter gibt der Richter der Vermieterin Recht: Michael Bauer und Marion Stein werden verurteilt, das Haus zu räumen und knapp 14000 Euro an Miete nachzuzahlen. Denn das Gericht ist der Ansicht, dass eine Mietminderung von 30 Prozent angemessen ist. Der Richter gibt an, dass der hohe Gehalt an krebserregenden Stoffen darauf zurückzuführen sei, dass das Haus unbewohnt ist und nicht genügend gelüftet wird. Als Mängelbeseitigung schlägt er vor, dass die Vermieterin über mehrere Wochen oder gar Monate intensiv lüften soll.

Der Anwalt der Vermieterin schreibt der AZ, dass in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg unzählige Parkettböden mit diesem Kleber verlegt worden sind. Und auch in der Nachbarschaft der Familie seien eine ganze Reihe baugleicher Häuser, in denen der Kleber verwendet wurde. „Eine Nachbarin lässt ihr Haus seit zwei Jahren leer stehen, wegen dem Kleber“, sagt Bauer.

Jetzt müssen Michael Bauer und Marion Stein bis zum 23. Januar das Haus räumen. Die vergifteten Möbel wollen sie nicht mitnehmen. Bisher haben sie keine bezahlbare Wohnung in München gefunden und müssen in Burghausen bleiben.

 

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