"Ohne Unterstützung würde ich gar nicht mehr leben"

Auch im reichen München gibt es sie: die armen Alten. Warum einer wie Helmut Heller dazu gehört, wie das Sozialsystem der Stadt hilft – und warum das ohne Hilfsvereine trotzdem nicht reicht.
| Irene Kleber
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314,10 Euro Rente, dazu Grundsicherung. Zum Leben bleiben 384 Euro.
314,10 Euro Rente, dazu Grundsicherung. Zum Leben bleiben 384 Euro.

München - Vielleicht wäre es anders gelaufen für Hermann Heller, wäre er an einem anderen Ort geboren worden, hätte seinen Wunschberuf gelernt, hätte Wurzeln geschlagen, irgendwann, irgendwo.

Aber es war nun mal wie es war, und so lebt er heute, 78 Jahre alt, mit allerschmalstem Geldbeutel in einer winzigen Sozialwohnung im Münchner Osten. Hermann Heller gehört zu den Münchnern, die in Altersarmut leben. Einer von den alten Menschen, die man allzugern wegblendet an der Isar, weil Münchens Wohlstand und Glamour die Armut überstrahlt.

In einem Heim für Buben nahm das Schicksal seinen Lauf

Dabei sind es nicht wenige, denen es geht wie ihm – und es werden immer mehr: Allein 14.750 Rentner haben vergangenes Jahr Sozialhilfe von der Stadt bekommen, die sogenannte "Grundsicherung", die immerhin sicherstellt, dass nach Abzug von Warmmiete samt Strom 430 Euro monatlich zum Leben bleiben.

Da sind die mehreren tausend Alten längst nicht mitgerechnet, die solche Hilfe aus Scham gar nicht erst beantragen.

Hermann Heller, 1938 geboren, ist als Vertriebenen-Kind in einem Dorf in der Eifel aufgewachsen. Er habe Installateur werden wollen, sagt er, es habe aber keine Lehrstelle gegeben, wo die Familie lebte. Also schickten ihn die Eltern in ein Heim für Buben, wo er Universal-Fräser lernen sollte.

Es sei da "furchtbar" gewesen, erzählt er. "Die haben uns Kinder den ganzen Tag im Dunklen, im Staub und in der Kälte arbeiten lassen." Aber heimholen wollten die Eltern ihn auch nicht mehr.

"Der Hilfsarbeiter ist ja immer der Dumme"

Als 14-Jähriger läuft er weg, allein auf sich gestellt und ohne Ausbildungsabschluss. Findet Tagelöhner-Arbeit in einem Kohlebergwerk im Ruhrgebiet, schlägt sich durch als Gelegenheits-Fräser. Landet schließlich in München, wo er erst als Tellerwäscher im noblen Hotel "Vier Jahreszeiten" anheuert – "für Kost, Logis und ein ganz kleines Taschengeld". Und später als Maurer-Helfer auf verschiedenen Baustellen in und um München.

Er habe nie eine eigene Wohnung gehabt, sagt er, "ich habe immer da Arbeit gesucht, wo es einen Schlafplatz gab, im Hotel oder in einer Wohnbaracke auf dem Bau." Zu dritt in der Kammer, Essen irgendwo an einem Imbiss.

Sozialversichert? "Schon, aber halt für kein großes Geld". Eine Frau, Familie? "Hätte ich schon gerne gehabt. Aber wie hätten meine Kinder denn leben sollen, ohne Zuhause, mit meinem kleinen Taschengeld." So erschöpft, wie er immer gewesen sei. "Das ist schon ein hartes Leben, wenn du immer die schwersten Sachen schleppen musst. Der Hilfsarbeiter ist ja immer Dumme."

Er habe halt von Tag zu Tag gelebt, nie perspektivisch, nie auf ein großes Ziel hin ausgerichtet. "Das war nicht so klug", sagt Hermann Heller im Rückblick, "aber das habe ich zu spät gemerkt." Viel zu spät.

Hellers Rente beträgt gerade einmal 314,10 Euro

Als er Mitte 50 wird, gibt es keine Arbeit mehr für ihn auf dem Bau und damit auch keine Möglichkeit mehr, zu wohnen. Er geht zum Sozialamt und hat Glück. Sein Sachbearbeiter besorgt ihm eine kleine Wohnung, Arbeitslosengeld und später Sozilahilfe. "Das war eine große Hilfe für mich." Heller will gern noch als Gartenhelfer anheuern. Dann kommt der Schlaganfall. Er kann seither den linken Arm kaum mehr bewegen.

314,10 Euro – so hoch ist seine monatliche Rente heute. Mit der "Grundsicherung" der Stadt kommt er auf 644,26 Euro, und wenn Miete, Nebenkosten, Strom und Telefon bezahlt sind, bleiben Helmut Heller genau noch 384 Euro zum Leben.

Für jemanden, der nie geübt hat, für sich zu kochen, der allein lebt und der sich jetzt, im Alter, nicht mehr gut bewegen kann, ist das Überleben damit nur schwer zu meistern. Heller frühstückt an einem Imbiss, macht sich abends eine Konserve warm und wäscht, weil die Maschine gerade kaputt ist, seine Wäsche irgendwie mit der heilen Hand. "Mein Rente-Geld ist meistens am 22. aufgebraucht."

Und dann? Hat er das unglaubliche Glück, auf helfende Hände getroffen zu sein. Der Münchner Verein "Lichtblick Seniorenhilfe" (siehe unten) hat sich seiner angenommen. Dank dessen Unterstützung kann Hermann Heller täglich Mittagessen gehen, darf zu Ausflügen mitfahren und hat kürzlich neue Schuhe und einen Fernseher gestiftet bekommen. "Wenn ich diese lieben Helfer nicht hätte, würde ich gar nicht mehr leben."

Sein Rat an die jungen Leute heute? Hermann Heller schaut in seine Hände, atmet tief ein und sagt: "Wenn du nichts kannst, dann wirst du nichts. Sie sollen etwas lernen. Das ist das Wichtigste. Etwas lernen."

314,10 Euro Rente, dazu Grundsicherung. Zum Leben bleiben 384 Euro.
314,10 Euro Rente, dazu Grundsicherung. Zum Leben bleiben 384 Euro.

314,10 Euro Rente, dazu Grundsicherung. Zum Leben bleiben 384 Euro.


Lichtblick Seniorenhilfe: Hier bekommen Rentner Hilfe

Ein Segen für Rentner, die in finanzieller Not sind, ist der Verein „Lichtblick Seniorenhilfe“, den die Münchnerin Lydia Staltner vor 14 Jahren gegründet hat. Er finanziert sich aus Spenden (ohne staatliche Fördermittel).

Rund 8.000 Senioren bekommen hier regelmäßig Unterstützung – etwa für Medikamente, Lebensmittel, Kleidung, eine Brille, Ausflüge, Reparaturen oder eine Patenschaft in Höhe von 35 Euro, mit der sie sich kleine Wünsche erfüllen können.

Bedürftige melden sich im Büro in der Balanstraße 45 unter 089/ 67 97 10 10.

Spendenkonto: Stadtsparkasse München, IBAN: DE20 7015 0000 0000 3005 09; BIC: SSKMDEMM

www.lichtblick-sen.de

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