OB-Wahl in München: Der verrückteste Wahlabend – und plötzlich ist alles offen

Der verrückteste Wahlabend, den München je gesehen hat. Am Ende stand ein Verlierer, der die meisten Stimmen geholt hatte. Dieter Reiters Abwärtsspirale dreht sich dermaßen schnell, dass man sich aktuell nicht vorstellen kann, wie er sie stoppen soll. Plötzlich scheint alles möglich.
Wie riskant die Selbstverzwergung der SPD, die wirklich alles auf ihr vermeintlich letztes Zugpferd ausgerichtet hatte, war, ist vielen in der Partei erst in der letzten Woche aufgegangen, als es plötzlich so lichterloh brannte, dass ein beliebter OB binnen weniger Tage auf Platz 2 bei jenen zurückfallen konnte, die erst am Sonntag ins Wahllokal gingen. Nur die Briefwähler (von denen viele schon abgestimmt hatten, als die ersten Skandale aufploppten) retteten Reiter als Erstplatzierten über die Ziellinie.
Glaubwürdigkeit gerät ins Wanken
Seine Beliebtheit war nie darauf gebaut, dass ihn jemand für besonders visionär halten würde oder dass er jemand wäre, der abendfüllend Menschen in seinen Bann ziehen könnte. Reiters Kapital war stets ein anderes: seine Glaubwürdigkeit. Seine Beliebtheit in der Stadt fußte auf dem Gefühl, dass er ein anständiger, ein ganz normaler Münchner sei, gemeinhin: anders als „die da oben“. Weil man ihm das abnahm, durfte Reiter auch stets die Schuld bei anderen suchen – der Stadtverwaltung, den Stadträten, den Gerichten, denen da in Berlin. Man nahm ihm ab, der „OB der kleinen Leute“ sein zu wollen.
Doch für so jemanden ist es besonders gefährlich, wenn das Image Kratzer bekommt, er plötzlich als abgehobener Großkopferter gilt. Ohne Genehmigung über Jahre Zehntausende Euro einfahren , behaupten, kein Aufsichtsrat des FC Bayern zu sein, obwohl man schon gewählt ist, Kritiker verhöhnen, wohl bald Dienstbezüge gekürzt bekommen: All das kam offenbar bei sehr vielen sehr schlecht an.
Zumal der Wahlkampf schon zuvor nicht gezündet hatte. Die Eisbachwelle als Riesen-Thema? Die einen fanden es nervig und überzogen, für die anderen lieferte Reiter keine Ergebnisse. Tempo 50 zurück auf der Landshuter Allee? Stoppten die Gerichte schnell. Der Kampf um bezahlbaren Neubau? Quasi eingestellt. Neue Ideen? Gab‘s gar nicht. Auf Podien kamen andere Kandidaten besser an. Das war eh
wenig. Und dann kam es noch schlimmer.
Er wäre ein beschädigter OB
Der große Profiteur ist Dominik Krause. Ausgerechnet der mit gerade mal 35 jüngste Kandidat machte den ernsthaftesten Wahlkampf. Seine Zustimmung ist nicht hoch genug einzuschätzen, weil der grüne Höhenflug allgemein als beendet galt. Krause erreicht jene Milieus – gut ausgebildet, jung, sich als weltoffen verstehend – die sehr groß in dieser Stadt sind und die beiden anderen aufgegeben haben. Autofahrer, Autofahrer, Autofahrer – und Sicherheit und Sauberkeit: Es scheint, dass viele in der Stadt andere Themen (und ein offenes gesellschaftliches Klima und einen jüngeren Auftritt) besser und wichtiger finden.
All das heißt nicht, dass Reiter nicht in zwei Wochen wieder OB wird. Viele CSU-Wähler könnten jetzt für ihn stimmen, er bleibt Favorit. Doch es wäre ein erheblich beschädigter OB, der mit komplizierten Stadtrats-Mehrheiten eine Stadt regieren müsste, die sehr viel weniger Geld auskommen muss als in seinen ersten zwölf Amtsjahren.