Bis zu 36 Stunden Wartezeit – Notaufnahme in Harlaching atmet endlich auf

Stundenlanges Warten, überlastetes Personal, frustrierte Patienten: Die Notaufnahmen der München Klinik standen massiv unter Druck. In Harlaching zeigt ein neues Konzept Wirkung. In 80 Prozent der Fälle müssen Patienten inzwischen nicht mehr warten. 
von  Christina Hertel
Im Jahr 2024 ist das Harlachinger Krankenhaus an 213 Tagen abgemeldet gewesen und konnte nicht mehr vom Rettungsdienst angefahren werden. Das ist nun anders.
Im Jahr 2024 ist das Harlachinger Krankenhaus an 213 Tagen abgemeldet gewesen und konnte nicht mehr vom Rettungsdienst angefahren werden. Das ist nun anders. © Bernd Wackerbauer

Vor zwei Jahren wollte Florian Lemmink seinen Job als Leiter der Notaufnahme im städtischen Klinikum in Bogenhausen am liebsten hinschmeißen. Elektriker werden, das hätte er sich sehr gut vorstellen können, erzählt er. "Die Arbeit in einer Notaufnahme ist brutal."

Etwa 150.000 Patienten kommen jedes Jahr in eine der vier städtischen Notfallzentren in Schwabing, Bogenhausen, Harlaching und Neuperlach. Rund 100.000 Patienten werden ambulant behandelt und können die Klinik gleich wieder verlassen.

Wobei gleich nicht ganz stimmt. Denn: Bis die Patienten einen Arzt sehen, vergehen gefühlte Ewigkeiten: 2024 warteten Patienten in den Notaufnahmen der städtischen Krankenhäuser im Median mehr als fünf Stunden. Sogar bis zu 36 Stunden mussten manche ausharren, schildert Lemmink.

Er zeigt ein Foto einer langen Schlange in einem dunklen Krankenhausflur. Irgendwo ganz am Ende sitze die Pflegekraft, die mit den Schmerzen und dem Frust all dieser Menschen umgehen müsse.

Wie die München Klinik die Notaufnahme in Harlaching verändert

"Ich habe mir oft gedacht: Bin ich eigentlich bescheuert, mir das anzutun?", sagt Lemmink. Warum er doch nicht kündigte? Warum er zwei Jahre später all das bei einer Pressekonferenz im städtischen Klinikum Harlaching erzählen kann?

Das hat viel mit zwei Männern zu tun: Dr. Götz Brodermann, dem Geschäftsführer, und Dr. Tim Flasbeck, dem Direktor der Notfallmedizin bei der München Klinik. Die beiden kennen sich noch aus ihrer gemeinsamen Zeit in Brandenburg.

Florian Lemmink leitet die Notaufnahme in Bogenhausen. Er ist oft frustriert von seinem Job gewesen. Das hat sich verändert.
Florian Lemmink leitet die Notaufnahme in Bogenhausen. Er ist oft frustriert von seinem Job gewesen. Das hat sich verändert. © Bernd Wackerbauer

Bis 2024 leitete Brodermann das Klinikum in Cottbus. Schon bevor er nach München wechselte, habe man sich erzählt, dass Brodermann es geschafft habe, dass es in der Notaufnahme in Cottbus keine Wartezeit gebe, erzählt Lemmink. "Ich habe es nicht geglaubt."

Mehrmals sei er nach Cottbus gereist, habe mit Pflegern gesprochen und jedes Mal sei das Wartezimmer tatsächlich leer gewesen. Und noch etwas Erstaunliches habe er dort erfahren: Für freie Pfleger-Stellen in der Cottbusser Notaufnahme gebe es eine Warteliste. In den Notaufnahmen der München Klinik hingegen seien die Fluktuation und die Rate der Krankmeldungen hoch.

Er habe Brodermann "angebettelt", Dr. Flasbeck, der damals die Notaufnahme in Cottbus leitete, nach München zu holen, erzählt Lemmink. Das Abwerben klappte. Und inzwischen kann die München Klinik die ersten Erfolge vermelden: Zumindest in Harlaching müssen Patienten in 80 Prozent aller Fälle nicht warten – obwohl in die Notaufnahme derzeit sogar rund 20 Prozent mehr Patienten kommen, nämlich 100 bis 130 am Tag, etwa 40.000 im Jahr. So schildert es die Klinikleitung.

Dr. Tim Flasbeck hat früher auch in Cottbus gearbeitet. Jetzt soll er die Notaufnahmen in München neu strukturieren.
Dr. Tim Flasbeck hat früher auch in Cottbus gearbeitet. Jetzt soll er die Notaufnahmen in München neu strukturieren. © Bernd Wackerbauer

Und tatsächlich ist zumindest an diesem Dienstagvormittag das Wartezimmer in Harlaching leer. Nur Dr. Flasbeck und Florian Lemmink sitzen darin, um für Fotos zu posieren. Wie ist das gelungen?

Neues Konzept: So will Harlaching Wartezeiten vermeiden

Lemmink, der daran mitarbeitete, die neue Notaufnahme in Harlaching aufzubauen, erklärt das Ganze so: In Harlaching finden jeden Tag Schulungen für Ärzte und Pfleger statt – alle sollen gleich kompetent sein, keiner soll sich überfordert fühlen. Außerdem gebe es nun in der Notaufnahme einen sogenannten Flow-Manager. Dieser soll darauf achten, dass die Arbeit unter dem Personal in etwa gleich verteilt ist. Und: Jeder Patient werde einmal in der Stunde mit dem Chefarzt besprochen.

Hausarzt statt Notaufnahme: Erste Einschätzung direkt am Eingang

Das sind nicht die einzigen Veränderungen: Gleich am Eingang der Notaufnahme dürfen die Patienten ihr Leiden einer Pflegekraft schildern, die eine erste Einschätzung abgibt und sortiert. Weniger ernste Fälle kann sie direkt zu einem Hausarzt schicken, der auf demselben Krankenhausflur seine Praxis hat.

Alle, die eigentlich bloß einen Hausarzt bräuchten, dort hinzuschicken, klappt laut Dr. Flasbeck noch nicht ganz, weil die Praxis nicht immer besetzt sei. Ziel sei deshalb, mit weiteren Hausärzten zusammenzuarbeiten, sagt Flasbeck. Und zwar über Telemedizin, also in einer Videosprechstunde. Das solle gewährleisten, dass rund um die Uhr ein Hausarzt für das Harlachinger Krankenhaus ansprechbar sei.

Klinikchef Dr. Götz Brodermann hat früher das Krankenhaus in Cottbus geleitet. Dort hat er eine neue Notaufnahme aufgebaut.
Klinikchef Dr. Götz Brodermann hat früher das Krankenhaus in Cottbus geleitet. Dort hat er eine neue Notaufnahme aufgebaut. © Bernd Wackerbauer

Noch ein weiteres Nadelöhr hat die Klinikleitung in Harlaching beseitigt: Nach der ersten Behandlung in der Notaufnahme kann es oft lange dauern, bis eine Station einen Patienten aufnehmen kann. Für Pfleger bedeute das, so erklärt es Lemmink: immer wieder müssten sie auf den Stationen anrufen, fragen, ob ein Bett frei ist. Zeitaufwendig und nervig klingt das.

Um das abzumildern, hat das Harlachinger Krankenhaus eine sogenannte Holding aufgebaut, ein Bereich mit acht Betten und acht Sitzplätzen, wo sich die Patienten aufhalten können, bis auf einer Station ein Zimmer für sie hergerichtet ist.

Wartezeit halbiert: Notaufnahme in Harlaching meldet sich seltener ab

Ganz ohne Wartezeit geht es im Harlachinger Krankenhaus trotzdem noch nicht. Im Median ist jedoch nach eigenen Angaben halbiert worden: auf 2,9 Stunden.

Und noch eine weitere Zahl belegt die Veränderung: Wenn eine Notaufnahme überlastet ist, kann sie sich abmelden. Rettungswagen können sie dann in der Regel nicht mehr anfahren. 2024 war die Harlachinger Notaufnahme an 213 Tagen abgemeldet, 2026 nur noch an 77 Tagen.

Doch am Ziel sei die München Klinik noch nicht, sagt Geschäftsführer Brodermann: "Unser klares Ziel sind null Prozent Abmeldungen und null Prozent Wartezeit, wir wollen immer offen sein und die Menschen immer versorgen."

München Klinik will das Konzept auf weitere Standorte übertragen

Als Nächstes will die München Klinik das Konzept aus Harlaching auf ihre anderen Standorte übertragen. Lemmink weiß: "Für die Mitarbeiter ist das eine extreme Belastung." Sie müssten nun erst einmal alle doppelt so viel arbeiten.

Und doch klingt er stolz, wenn er von dem neuen Konzept in Harlaching erzählt: "Wir haben hier richtig etwas gerissen." Und kündigen? Elektriker werden? Solche Gedanken habe er heute nicht mehr.

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