Interview

Neue Grünen-Chefs im Interview: "Ganz München gewinnen!"

Die neuen Grünen-Chefs erklären, warum sie an vier Direktmandate glauben, wo die Partei besser werden muss - und wetten ein Tragerl Helles gegen die AZ.
| Felix Müller
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Guter Dinge: Ursula Harper und Joel Keilhauer beim Besuch der AZ-Redaktion in Sendling.
Guter Dinge: Ursula Harper und Joel Keilhauer beim Besuch der AZ-Redaktion in Sendling. © Sigi Müller

Der Job ist ein Schleudersitz: Seit Jahren wechseln die Grünen-Chefs ständig durch. Jetzt sind also Ursula Harper (54) und Joel Keilhauer (28) dran. Keilhauer, was? Harper, wer? Beide kommen gut gelaunt in die AZ-Redaktion.

Die Münchner Grünen haben sehr viel Selbstvertrauen getankt in den vergangenen Jahren. Im AZ-Interview beantworten die neuen Chefs Fragen zur Verkehrswende in München, ihrer politischen Zukunft und ihrem Führungsstil.

AZ: Frau Harper, Herr Keilhauer, selbst Münchner Politik-Insider müssen Ihre Namen erstmal googeln. Nachteil oder Chance für Ihre neue Aufgabe, dass Sie kein Mensch kennt?
JOEL KEILHAUER: Ich glaube, für den Anfang ist das ein Vorteil. Wir können unsere Themen rüberbringen ohne dass da vieles drüberschwebt. So ein politischer Neuling bin ich auch nicht. Ich bin seit elf Jahren auf ganz verschiedenen Ebenen bei den Grünen aktiv.
URSULA HARPER: Es mag ein bisschen ein Nachteil sein, weil wir nicht so schnell in die Zeitung kommen. Dass ich erst vier Jahre bei den Grünen bin, hat aber auch Vorteile. Ich habe viel mitbekommen, bringe den Basis-Gedanken mit. Aber in der Öffentlichkeit stehen natürlich erstmal die Stadtratsfraktion und unsere Bürgermeisterin Katrin Habenschaden.

Grünen-Chefs wollen es langsam angehen lassen

Sie sehen Ihre Rolle als Parteichefs gar nicht öffentlich?
HARPER: Doch. Aber es ist nicht unser Stil, ständig mit Knallern aufzufallen. Ich finde es angenehm, dass wir es erstmal langsam angehen können.
KEILHAUER: Wir sind regelmäßig im Austausch mit der Stadtratsfraktion. Was Öffentlichkeitsarbeit angeht, sollten wir Grüne mit einer starken Stimme sprechen.

Das war in der Vergangenheit nicht immer so zwischen Partei und Fraktion.
KEILHAUER: Zuletzt schon, nachdem Dominik Krause auf beiden Seiten führende Funktionen hatte. Und wir werden das weiter schaffen.

Harper: "Auf den Tisch hauen ist nicht so meine Sache"

Werden Sie auch auf den Tisch hauen und sagen: Frau Bürgermeisterin, bis hierher, weiter geht die Partei nicht mit?
HARPER: Auf den Tisch zu hauen ist nicht so meine Sache. Aber wenn es nötig ist, werden wir selbstverständlich widersprechen - es geht uns aber zuvorderst um eine konstruktive Zusammenarbeit.

Einer Ihrer vielen Vorgänger, hat vom Terminkalender eines Managers zum Gehalt eines Praktikanten gesprochen. Warum tun Sie sich dieses Amt an?
HARPER: Ich bin eine begeisterte Grüne und es ist eine tolle Aufgabe.

Würden Sie ein Tragerl Münchner Helles mit uns wetten, dass Sie anders als all Ihre Vorgänger auch nach zweieinhalb Jahren noch im Amt sind?
HARPER: Wenn die Partei mich lässt, will ich das länger machen. Es hatte ja ganz verschiedene, oft persönlich-familiäre Gründe, dass so viele Vorsitzende wieder aufgehört haben.

Duo hofft auf lange politische Zukunft

Sie, Herr Keilhauer, sind ja noch etwas jünger. Werden Sie die neue Katharina Schulze und nutzen den Posten als Sprungbrett nach ganz oben?
KEILHAUER: Ich bin Joel Keilhauer und möchte nicht irgendwer Neues werden. Die Wette mit dem Kasten Bier gehe ich ein. Ich kann mir sehr gut vorstellen, das länger zu machen - wenn die Partei mich lässt. Wir haben parteiintern sehr viel, was wir angehen müssen.

Also ist bei den Vorgängern sehr viel liegengeblieben.
HARPER: Nein, das würde ich nicht sagen. Es ging einfach zu schnell. Wir Grüne haben uns binnen kürzester Zeit mehr als verdoppelt. Die Strukturen dafür zu verändern, kann man nicht in einem halben Jahr abarbeiten.

Die Grünen als Konsens-Partei?

Warum treten so viele den Münchner Grünen bei?
KEILHAUER: Die Fridays-for-Future-Demos haben es doch gezeigt: Klima ist kein Rand-Thema mehr, das ist total angekommen. Dazu gehören natürlich auch Verkehrs- und Sozialpolitik. Und: Die Grünen haben in München einen großartigen Landtags- und Kommunalwahlkampf hingelegt.

Stört Sie, dass die Grünen zu einer Konsens-Partei geworden sind? Inhaltliche Debatten nehmen wir kaum mehr wahr.
KEILHAUER: Inhaltliche Debatten finden bei den Grünen immer und zu jedem Thema statt. Wir sind keine Von-oben-herab-Partei.

Der Start von Grün-Rot im Rathaus war atmosphärisch recht holprig, die "Bild" veröffentlichte dieser Tage eine "Loser-Liste" mit all den Themen, bei denen sich die Grünen nicht durchsetzen konnten. Ihr Eindruck von der Koalition?
HARPER: Der Koalitionsvertrag ist super-grün, auch die Schanigärten, die Radwege, all das verbinden die Münchnerinnen und Münchner doch mit den Grünen. Die SPD hat manchmal noch die schnellere Verbindung zur Presse, die Darstellung nach außen müssen wir noch verbessern.

Grüne Ideen sind in der Gesellschaft angekommen

Rot-Grün war einst unter Christian Ude ein Generationsprojekt der Münchner Alt-68er, hat die Stadt liberaler gemacht. Kann auch Grün-Rot ein solches Projekt werden, das die Stadt verändert?
HARPER: Viele Inhalte, die Grüne damals durchgesetzt haben, sind heute Mainstream. Jetzt sehe ich unsere Rolle vor allem in einer grünen Stadt, einer neuen Klima-Politik.

Ihr Gefühl: Heißt die Oberbürgermeisterin in sechs Jahren Katrin Habenschaden?
KEILHAUER: Wir werden alles dafür geben.

Manchmal genervt, dass die Münchner Grünen abseits der Verkehrspolitik heute jede Radikalität vermissen lassen?
HARPER: Parteien sollten konstruktiv arbeiten. Mit dem Begriff radikal habe ich ein Problem. Die Grünen haben sich nicht verändert. Die Gesellschaft hat sich verändert - sie findet unsere Ideen nicht mehr radikal.

Keilhauer: "Das Ausschankverbot nach 22 Uhr ist unsinnig"

Die Grünen verstehen sich immer noch als Bürgerrechtspartei. Das ist uns bei den Debatten um die Münchner Corona-Regeln aber nicht aufgefallen.
KEILHAUER: Insgesamt sind die Einschränkungen wichtig und richtig. Das Ausschankverbot ab 22 Uhr aber können wir zum Beispiel in keiner Weise nachvollziehen. Wir schicken jetzt die Leute aus einem kontrollierten Umfeld nach Hause, dass sie sich da treffen? Das ist doch unsinnig!

Sie sehen sich da also noch als kritische Partei?
KEILHAUER: Wir schauen jeden Einzelfall genau an, eruieren das. Aktionistisch Verbote zu erlassen bringt doch nichts.

Forderung nach besserer Radinfrastruktur in München

Zum Radentscheid: Wäre in Zeiten der Haushaltskrise nicht das richtige Signal, auch hier ernsthaft zu schauen, wo man ein bisschen dünner auftragen und Geld sparen kann?
HARPER: Der Radentscheid ist das erfolgreichste Bürgerbegehren aller Zeiten in München und Bayern. Der Wunsch der Münchnerinnen und Münchner nach einer besseren Radinfrastruktur ist also riesig und wir setzen das jetzt um. Es fahren in Corona-Zeiten viel, viel mehr Leute Rad. Es geht doch auch um Kinder, die zur Schule fahren, um Senioren. Wir machen das sicherer für diese Menschen.

Keine Autotunnel mehr zu bauen ist bei uns angekommen. Aber wo wollen die Grünen denn noch sparen?
KEILHAUER: Da wollen wir den Haushaltsgesprächen im Rathaus nicht vorgreifen. Aber natürlich kann und muss noch mehr gespart werden, etwa, indem Bauprojekte verschoben werden.

Die Grünen haben noch nie auch nur einen Bundestagswahlkreis in Bayern gewonnen. Nun geben Sie als Ziel aus, alle vier Wahlkreise in der Stadt zu gewinnen. Haben Münchens Grüne ein Größenwahn-Problem?
HARPER: Bei mir in Moosach hieß es vor der Landtagswahl: Ihr seid ja verrückt, wenn ihr glaubt, hier ein Direktmandat zu holen. Dann haben wir es aber auch geschafft. Wir wollten optimistisch sein. Aber auch ganz realistisch können wir gewinnen.
KEILHAUER: Wir haben die Europa-, die Landtags-, die Stadtratswahl gewonnen. Natürlich muss auch unser Anspruch sein, bei der Bundestagswahl stärkste Kraft in München zu werden.

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Verkehrswende mit günstigerem ÖPNV

Haben Sie manchmal Sorge, dass der Grünen-Hype zu Ende gehen könnte - weil viele Münchner andere Sorgen kriegen könnten als Klima-Demo, Pop-up-Radwege, teures Bio-Essen in der Kantine?
KEILHAUER: Ökologisches und Soziales schließen sich ja nicht aus. Das Soziale muss mitgedacht werden. Menschen mit weniger Geld sind von Umwelteinflüssen viel stärker belastet, sie leben an den stark befahrenen, verpesteten Straßen. Und zum Verkehr: Eine Streifenkarte in München kostet heute doppelt so viel wie vor 20 Jahren, die Kosten fürs Parken sind praktisch nicht verändert worden. Von den Menschen mit niedrigem Einkommen besitzt die Hälfte kein Auto. Deshalb ist eine Verkehrswende mit günstigem ÖPNV und guter Radinfrastruktur aktive Klimapolitik und Sozialpolitik.

Das Soziale verbindet aber kein Wähler mit Ihnen.
HARPER: Wir haben bei den Grünen viele, die ein sehr soziales Profil haben. Wenn Sie in der AZ von anstehenden Umverteilungskämpfen in München schreiben, muss ich sagen: Der Begriff Kampf gefällt mir nicht, aber um Umverteilung geht es uns Grünen ständig.

"Das Bäume pflanzen als so bürgerlich gilt, macht mich wütend"

Ach ja?
HARPER: Wenn wir Straßenraum den Radlern geben, verteilen wir um. Bei den Schanigärten können zwei Leute nicht mehr parken und dafür können da 40 Bier trinken. Das ist doch auch Umverteilung. Und dass Bäume pflanzen immer als so bürgerlich gilt, das macht mich richtig wütend.

Einen Baum zu pflanzen finden Sie besonders revolutionär?
HARPER: Wer sich zum Beispiel nicht mehr leisten kann, wegzufahren, für den ist es doch besonders wichtig, dass vor seiner Haustür Bäume sind. Dann ist es schöner und es wird im Sommer nicht so heiß. Sie sehen: Die ökologische Frage ist sehr oft auch eine soziale Frage.

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