Nach Polizeischuss in Schwabing: Münchner Linke besucht 14-Jährigen und berichtet von ganz anderem Tathergang
Update, 19. August, 22.47 Uhr: Offenbar gibt es eine zweite Version des Vorfalls, der sich am Dienstagabend in Schwabing ereignet hat. Laut einer Pressemitteilung hat der Kreissprecher der Linken München, Johannes König, die Familie des verletzten 14-Jährigen bei der Intensivstation des LMU-Klinikums besucht. Dabei berichteten ihm die Angehörigen, dass die Polizei zwar das Handy ihres Sohnes beschlagnahmt hatte, sie selbst jedoch nicht durch die Behörden kontaktiert worden seien – stattdessen hätten sie auf eigene Faust suchen müssen.
Nach Angaben des 14-Jährigen habe dieser die vermeintliche Waffe bereits zu Boden gelegt und mehrfach darauf hingewiesen, dass es sich um keine echte Pistole handele, bevor die Polizei das Feuer auf ihn eröffnete und ihn anschließend – obwohl er bereits schwerverletzt am Boden lag – mit Handschellen und einem Schmerzgriff fixierte.
Diese Version gab am frühen Mittwochabend auch das Kurdische Zentrum München an, welches ein Gespräch mit der Familie des angeschossenen Jungen führte und im Anschluss eine Pressemitteilung veröffentlichte.
"Die Familie weist die bisherige Darstellung der Polizei und der Medien entschieden zurück", heißt es in der Mitteilung. Der 14-Jährige habe eine Spielzeugwaffe mit sich geführt, um sich mit Freunden einen Spaß zu erlauben. Als die Polizei ihn aufforderte, das Objekt abzulegen, habe er das Spielzeug sofort auf den Boden geworfen und lautstark gerufen: "Es ist eine Spielzeugwaffe! Nicht schießen!"
"Was hier passiert ist, darf nicht als bedauerlicher Einzelfall abgetan werden. Der Beamte hat die Lage fatal falsch eingeschätzt – und selbst als von einer akuten Bedrohung längst keine Rede mehr sein konnte, offenbar völlig unverhältnismäßig gehandelt. Das reiht sich ein in eine Serie von Fällen, in denen bayerische Polizeibeamt*innen potentiell oder tatsächlich tödliche Gewalt angewendet haben, obwohl es vermeidbar gewesen wäre", kritisiert Linken-Politiker König den Einsatz der Polizei in der Pressemitteilung scharf und fordert nun eine lückenlose und unabhängige Aufklärung.
Update, 19. August, 11.36 Uhr: Bei der Person, die am Dienstagabend im Rahmen eines Polizeieinsatzes durch Schusswaffengebrauch niedergeschossen wurde, handelt es sich um einen Jugendlichen im Alter von 14 Jahren. Laut Angaben der Polizei stammt er aus dem Landkreis Miesbach und besitzt die türkische Staatsbürgerschaft. Wie die Beamten am Mittwoch mitteilen, soll der Jugendliche einen waffenähnlichen Gegenstand in der Hand gehalten haben. Für die Polizei sah es so aus, als ob der 14-Jährige die mögliche Waffe durchladen würde. Daraufhin erfolgte die Schussabgabe. Der Jugendliche wurde schwer verletzt und befinde sich aktuell aber in einem stabilen Zustand in der Klinik.
Zum Ablauf des Geschehens gibt die Polizei bekannt, dass am Dienstag gegen 17.15 Uhr ein Passant den Polizeinotruf informierte und eine verdächtige männliche, etwa 20-jährige Person meldete, die im Bereich des U-Bahnhofs Hohenzollernplatz mit einer schwarzen Schusswaffe offen hantiert haben soll. Die Person sei dann in einen Linienbus Richtung Kurfürstenplatz gestiegen.
Gegenstand gezogen und Nachladebewegung getätigt
Im Anschluss an diese Meldung seien zahlreiche zivile und uniformierte Einsatzkräfte zur Fahndung nach dem Mann eingesetzt worden. Gegen 17.30 Uhr erkannten dann zwei zivile Einsatzkräfte im Rahmen der Fahndung die beschriebene Person gemeinsam mit einer Begleitperson im Bereich der Kreuzung Herzogstraße und Belgradstraße. Beide Personen bewegten sich laut Aussagen der Polizei in Richtung einer Tramhaltestelle. Die beiden Einsatzkräfte folgten.
Nach bisherigen Erkenntnissen der Polizei soll die verdächtige Person einen waffenähnlichen Gegenstand aus der Hose gezogen und eine Bewegung gemacht haben, als würde sie eine Waffe durchladen. Die Einsatzkräfte forderten demnach die verdächtige Person lautstark auf, die Waffe fallen zu lassen. Diese soll sich mit erhobener Waffe zu den Polizeibeamten umgedreht haben, woraufhin ein Polizeibeamter einen Schuss abgab.
Dadurch wurde die verdächtige Person am Oberkörper getroffen. Die Einsatzkräfte leisteten bis zum Eintreffen des verständigten Notarztes unverzüglich Erste Hilfe. Der Rettungsdienst brachte den Verletzten zur weiteren Behandlung in ein Krankenhaus. Nach aktuellen Erkenntnissen befindet er sich in einem stabilen Zustand. Die weibliche Begleitperson im ähnlichen Alter wurde nicht verletzt.
Das ist über den 14-Jährigen bekannt
Die verletzte Person konnte erst im Laufe der Nacht im Krankenhaus identifiziert werden, es handelt sich nach bisherigen Erkenntnissen um einen 14-jährigen türkischen Schüler aus dem Landkreis Miesbach. Laut Polizei und Zeugen solle der Teenager älter ausgesehen haben. Der Jugendliche soll polizei-bekannt sein, unter anderem wegen eines Körperverletzungsdelikts. Er sei 2023 mit seinen Eltern eingereist und es sei Asyl beantragt worden. Die Abschiebung sei allerdings angedroht.
14-Jähriger soll mit Softair-Pistole gezielt haben
Der bei dem Verletzten sichergestellte waffenähnliche Gegenstand sehe laut Angaben der Polizei einer echten Waffe täuschend ähnlich. Nur an der Mündung mit roter Umrandung sei erkennbar, dass es sich um eine Softair-Waffe handele. Vor allem sei der Gegenstand auf die Entfernung kaum als Softair-Waffe erkennbar gewesen. Ob es eine erlaubnisfreie Softair-Waffe handelte oder ob auch hierfür eine Lizenz nötig gewesen wäre, sei jetzt Gegenstand der weiteren Ermittlungen.

Der Bereich um den Einsatzort wurde umgehend weiträumig abgesperrt. Hierbei wurde auch der öffentliche Personennahverkehr beeinträchtigt.
Vor Ort führten die Einsatzkräfte umfangreiche Sicherungsmaßnahmen durch. Dabei wurden unter anderem Videoaufzeichnungen gesichert, Zeugen und Anwohner wurden befragt. Auch eine Drohne war hier zur Fertigung von Übersichtsaufnahmen im Einsatz.
Nach Abschluss aller polizeilichen Maßnahmen vor Ort wurden die Verkehrssperren gegen 22.15 Uhr aufgehoben. Die weiteren Ermittlungen zur Rechtmäßigkeit des polizeilichen Schusswaffengebrauchs führt das Sachgebiet 131 des Bayerischen Landeskriminalamts unter Sachleitung der Staatsanwaltschaft München I. Die Staatsanwaltschaft hat ein Vorermittlungsverfahren eingeleitet. Das Kommissariat 24 der Münchner Kriminalpolizei ermittelt weiter.
Polizei bittet um Hilfe
Wer hat am 18. August 2026 zwischen etwa 17.15 Uhr und 17.40 Uhr im Bereich der Herzogstraße, der Belgradstraße oder an der Haltestelle Clemensstraße Wahrnehmungen gemacht, die im Zusammenhang mit diesem Vorfall stehen könnten? Personen, die sachdienliche Hinweise geben können, werden gebeten, sich mit dem Polizeipräsidium München (Telefon 089/2910-0) oder mit jeder anderen Polizeidienststelle in Verbindung zu setzen.
Update, 19. August, 10.01 Uhr: Am Morgen nach den Ereignissen in Schwabing sind viele Fragen offen. Auf Anfrage der Abendzeitung kann die Polizei noch keine weiteren Erkenntnisse zu Identität und der Echtheit der Waffe machen. Im Laufe des Tages werden aber weitere Informationen in der Sache erwartet.
Update, 18. August, 21.38 Uhr: Nachdem ein Mann in München durch einen Schuss aus einer Polizeiwaffe schwer verletzt und in ein Krankenhaus gebracht worden ist, wird nun untersucht, ob es sich bei dem pistolenähnlichen Gegenstand, den der Verletzte bei sich trug, um eine echte Waffe handelte. Der Gegenstand wurde laut Polizei sichergestellt. Darüber berichtete die Deutsche Presse-Agentur (dpa) am Abend.
Auch die Identität sei noch ungeklärt. Er habe keine Ausweisdokumente bei sich getragen. Es soll voraussichtlich bis Mittwoch dauern, bis der identifiziert werden könne, teilte man der dpa mit.
Das Gelände war zeitweise weiträumig gesperrt. Der Einsatz hatte auch Auswirkungen auf den Tramverkehr. Die Polizei sprach laut der dpa von "erheblichen Verkehrsbehinderungen".
Erstmeldung, 18. August: Es ist 17.13 Uhr, als bei der Polizei etliche Notrufe aus Schwabing eingehen. "Ein Mann fuchtelt mit einer schwarzen Pistole herum!", melden die Augenzeugen aus dieser eigentlich so gediegenen Ecke der Stadt. Etliche Polizeistreifen rasen herbei. Vor der Belgradstraße 22, an der Ecke zur Clemensstraße, schießen sie auf den Mann und stoppen ihn so.
Der Tatort wird weiträumig abgesperrt bis hoch zum Café Tante Emma geht die Sperrung. Dort erzählt ein Gast der AZ: "Wir haben um Viertel nach fünf einen Knall gehört. Ich wollte zu meinem Freund noch sagen: Das klang wie ein Schuss. Da ging gleich danach schon massenhaft Blaulicht los."
Der Tramverkehr ist unterbrochen, die Spurensicherung ist vor Ort. Auch Beamte des Landeskriminalamts sind da, die in solchen Fällen routinemäßig überprüfen, ob der Schusswaffengebrauch der Polizisten rechtmäßig war. Ein Krankenwagen ist zu sehen, später meldet die Polizei, der Mann sei schwer verletzt in eine Klinik gebracht worden.
In Schwabing bleiben die Nachbarn schockiert zurück. Mit so einem Zwischenfall hat hier im Viertel niemand gerechnet.
Ob der Mann die Waffe gegen die Polizei gerichtet hat oder ob er einer Aufforderung der Beamten nicht nachgekommen ist, seine Waffe niederzulegen, das sei nun Teil der weiteren Ermittlungen, hieß es am Abend von der Polizei.
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