Nach Grippe-Impfung: Bub (10) für immer gelähmt

Gut vier Wochen nachdem ihn seine Kinderärztin geimpft hat, ist der kleine Arian gelähmt. Die AZ hat die Familie besucht. Hier erzählt sie ihre traurige Geschichte
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Arian T.
jot Arian T.

Gut vier Wochen nachdem ihn seine Kinderärztin geimpft hat, ist der kleine Arian gelähmt. Ein Martyrium beginnt. Die AZ hat die Familie besucht. Hier erzählt sie ihre traurige Geschichte

Von John Schneider

Der kleine Pikser sollte ihn vor einer Grippe schützen. Doch bei Arian T. (Namen geändert) sorgte die Impfung seiner Kinderärztin für eine bösartige Rückenmarksentzündung mit furchtbaren Folgen. Der Zehnjährige, früher ein leidenschaftlicher Fußballer, sitzt im Rollstuhl. Wohl für immer. Die AZ hat die Familie in Kleinhadern besucht.

Arian, sein Bruder Florin (7) und die Eltern Ana (34) und Avni T. (37) wohnen im vierten Stock eines Mehrfamilienhauses. Der Aufzug hält auf halber Treppe. Das war bislang kein Problem. Für den Rollstuhlfahrer Arian ist es eins geworden.

Der kleine Bayern-Fan trägt ein Ribéry-Shirt. Im Rollstuhl kommt er an die Wohnungstür und begrüßt den Besucher per Handschlag. Er lächelt schüchtern. Arians Vater Avni T., gebürtiger Mazedonier, ist Industrie-Schlosser und lebt seit 1989 in München, seine Frau seit 2000. Arian wurde im Pasinger Krankenhaus geboren. Seit seiner Geburt wird er von derselben Kinderärztin betreut, die ihn vor anderthalb Jahren geimpft hat.

AZ: Was genau ist am 2. November 2010 geschehen?

AVNI T. (Vater): Beide Kinder waren in der Praxis. Florin sollte untersucht werden. Die Ärztin hat dann Grippeschutz-Impfungen für beide gemacht. Wie immer.

Wann tauchten die ersten Symptome der Rückenmarks-Entzündung auf?

AVNI T.: 17 Tage später saßen wir abends hier im Wohnzimmer. Dann wollte Arian aufstehen.

ARIAN: Ich wollte aufs Klo. Ich hatte ein Kribbeln in beiden Beinen, dann bin hingefallen.

AVNI T.: Am nächsten Tag sind wir zur Kinderärztin. Sie hat nur gesagt, es sei nichts gebrochen, hat ihm eine Salbe verschrieben und uns heim geschickt. Eine Woche später konnte er seinen linken Fuß nicht mehr spüren. Am nächsten Tag sind wir wieder zur Ärztin. Sie hat uns zum Kinder-Orthopäden überwiesen. Der hat gleich gemerkt, dass es (er pausiert) ... diese Myelitis transversa ist.

Eine Myelitis transversa oder Querschnittsmyelitis ist eine Entzündung des Rückenmarks, die zur Querschnittslähmung führen kann. Ursache der seltenen Krankheit (bis zu fünf Fälle pro einer Million Menschen und Jahr) sind Bakterien und Viren.

 


AVNI T.: Danach blieb Arian im Krankenhaus. Das war der 29. November. Am nächsten Morgen fing er an, seine Stabilität zu verlieren.

ARIAN: Ich konnte nicht mehr stehen.

Was hast du gespürt?

ARIAN: Ich konnte beide Beine nicht kontrollieren.

MUTTER ANA: Das war die Sache mit den Hausschuhen.

ARIAN: Ich wollte meine Hausschuhe anziehen, und das ging auf einmal nicht mehr.

AVNI: Ab da wurde es von Tag zu Tag schlimmer. Nach zwei Tagen konnte er gar nicht mehr gehen.

Wann haben Sie erfahren, dass die Impfung die Ursache sein könnte?

AVNI T.: Das hat der Arzt im Krankenhaus gesagt.

Und dass eine Querschnittslähmung droht?

Das haben sie nach einer Kernspintomographie gesagt. Die Entzündung wurde immer schlimmer.

Wie haben Sie reagiert?

Wer Kinder hat, kann verstehen, was wir durchgemacht haben. Es ist schwer zu begreifen, wenn so etwas passiert.

Und Arian?

AVNI T.: Arian hat gefragt: Wo sind meine Beine? Wenn man seine Beine nicht spürt, denkt man, sie sind weg.

Seitdem ist Arian keinen Schritt mehr gelaufen?

Nein. Es ist noch schlimmer geworden. Die Entzündung ging rauf bis zum Hals. Arian konnte nur noch seinen linken Arm bewegen. Das ist besser geworden in der Klinik in Vogtareuth. Da waren wir sieben Monate. Die Entzündung ist zurückgegangen bis zur Mitte des Rückgrats. Aber in der rechten Hand fehlt die Sensibilität. Er spürt nicht, wenn er sich da verletzt.

Gibt es Hoffnung, dass Arian gesund wird?

Die Ärzte sagen, dass die Medizin vielleicht in zehn, 20 Jahren so weit ist. Für mich ist das keine reale Hoffnung.

 

Arian geht noch auf dieselbe Grundschule in der Nähe der Wohnung und bringt weiter gute Noten nach Hause. Mathe und Deutsch sind seine Lieblingsfächer. Sein Problem: die Barrieren für Rollstuhlfahrer.

AVNI T.: Das war auch ein Horror. Sein Klassenzimmer ist im zweiten Stock. Ich habe Arian vom September bis Januar hoch und runter getragen. Erst dann haben wir Hilfe bekommen. Wir sind jetzt auch gezwungen, ihn künftig auf ein privates, barrierefreies Gymnasium zu schicken.

Was hat sich noch verändert?

AVNI T.: Nicht ist mehr, wie es war. Wir können nichts mehr unternehmen wie früher.

Was war das?

Fußball spielen, schwimmen.

Und nun?

Wenn ich ehrlich bin, ich habe auch keine Lust mehr, raus zu gehen. Der kleine Sohn spielt dann Fußball – und der andere schaut nur zu. Das tut mir weh.

ANA T.: Mit ihm ins Kino zu gehen, geht auch nicht. Er darf nur zwei, drei Stunden raus, dann muss er nach Hause, um Wasser abzulassen.

Myelitis transversa führt oft zu Problemen bei Harnblasen- und Enddarmentleerung.


Beim Interview ist Anwalt Jürgen Klass dabei. Er hat für Arian eine Klage gegen die Kinderärztin ausgearbeitet. Es geht um 300000 Euro Schmerzensgeld und die Feststellung, dass die Ärztin die Folgekosten der Behandlung tragen muss. Klass kritisiert, dass Arian geimpft wurde, obwohl er gerade eine Erkältung hinter sich hatte. Das Risiko, sagt er, sei „unter Kinderärzten nicht so bekannt”.

Hätten Sie die Kinder impfen lassen, wenn Sie von dem Risiko gewusst hätten?

AVNI T.: Nein, hätte ich nicht. Es ging ja nur um eine Grippe.

Hat sich die Kinderärztin bei Ihnen gemeldet?

Ja, ich habe aber nicht mit ihr gesprochen. Sie hat zwei Tage, nachdem es passiert ist, angerufen. Aber wir waren nicht zu Hause, wir waren im Krankenhaus. Seitdem nicht mehr.

ANWALT KLASS: Die Betreuung kostet Geld. Jeder Urlaub kostet künftig extra Geld. Alles ist teurer. Die Familie hat bislang keine großartige Unterstützung erhalten. Weder ein behindertengerechtes Auto noch eine neue Wohnung.

Haben Sie einen Pflegedienst?

AVNI T.: Das macht alles meine Frau. Arian bekam einen Rollstuhl und ein Gerät, an dem er eine Stunde pro Tag stehen muss, um den Kreislauf in Bewegung zu bringen.

ARIAN: Davon kriege ich immer Bauchschmerzen.

Das dringendste Problem?

AVNI T.: Die Wohnung. Arian will ja auch mal raus. Und wenn ich nicht da bin, muss meine Frau seine 40 Kilo tragen. Noch geht das. Aber was wird später?

Tiefe Traurigkeit ist spürbar. Trotzdem lächelt Arian zum Abschied wieder. Sieht tapfer aus.

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