Nach fast hundert Jahren: Münchner Kult-Laden muss für immer schließen - ein letzter Besuch
Zwischen Café Puck und Katzentempel in der Türkenstraße liegt der legendäre Traditionsladen Suckfüll. Nach 94 Jahren macht das familiär geführte Eisen- und Haushaltswarengeschäft in der Maxvorstadt Mitte Juli dicht. Der exakte Tag steht noch nicht fest.
An der Kasse geht es seit der Schließungs-Ankündigung rund. Es ist Räumungsverkauf. Vielen Kunden stehen zum Abschied die Tränen in den Augen: "Manche Stammkunden weinen", sagt Monika Suckfüll, die Frau des Inhabers, die gerade ein Set Messer abkassiert. Denn Suckfüll ist ein Stück Uni-Viertel. "Viele unserer Kunden kennen wir schon 30 Jahre. Sie fühlen sich bei uns persönlich wahrgenommen, im Gegensatz zum Einkauf bei einer großen Kette," ist ihr Eindruck.
Im familiär geführten Laden gibt es oft einen Plausch
"Wir sprechen hier nicht nur über Schrauben, sondern auch über die Enkelkinder und die Familiengeschichte", sagt Monika Suckfüll. Ihr Ehemann, Inhaber Wolfgang Suckfüll (62), erklärt zum tragischen Aus: "Wir sind hier absolut menschlich – und ein Ankerpunkt für die Bewohner der Maxvorstadt. Aber es hilft ja nichts!"

Die Atmosphäre ist ein wenig altmodisch und schräg
Mäusefallen, Fußabstreifer und gute Töpfe aus Gusseisen hat Til Marschner aus Schwabing bei Suckfüll schon gekauft: "Total schade, dass es mit diesem Relikt zu Ende geht. Die Atmosphäre ist ein wenig altmodisch und schräg", das gefällt dem Mediziner.
Im Grunde sei Suckfüll wie Kustermann, aber "nicht ganz so hochpreisig". Die plötzliche Schließung bedauert er. Zuletzt haben ihm die Problemlöser von Suckfüll mit einem Schloss für die Kellertür geholfen – und mit einem Duschkopf. Was der Münchner vermissen wird: "Die Verkäufer sind eigene Typen und eher neutral. Sie sind nicht drauf bedacht einem etwas anzudrehen, wie woanders", so der Familienvater.

Eine traurige Kundin aus dem Lehel ist auf dem Weg zur Kasse: "Dass es hier Schrauben einzeln gibt, ist einmalig! Im Baumarkt muss ich 100 Schrauben kaufen, obwohl ich nur vier brauche." Sie erwirbt beim aktuellen Räumungsverkauf "auf Reserve" drei Leuchtstoffröhren für ihren Bad-Spiegelschrank. "Wenn ich diese Röhren um die Ecke nicht mehr bekomme, brauche ich ja einen neuen Schrank", sagt sie bitter.

Großvater Karl hat den Laden vor über 90 Jahren gegründet
Eine Ära geht zu Ende: Wolfgang Suckfülls Großvater Karl hat das Geschäft 1932 gegründet. Sein Vater hatte es weitergeführt. Für den aktuellen Inhaber ist es ein "eisiger Abschied": "Schon als Kind habe ich immer mitgeholfen. Als Schüler hatte ich Ferienjobs im Verkauf. Es hat mir immer Spaß gemacht", erklärt der gelernte Einzelhandelskaufmann und studierte Betriebswirt.

Die Krux: Die Umsätze sind zurückgegangen – bei steigenden Kosten
Doch die Zeiten für den Einzelhandel sind hart: "Der Zirkus begann mit Corona", sagt Wolfgang Suckfüll. "Uns hat man den Laden dreieinhalb Monate zugemacht und Amazon durfte liefern". In den letzten Jahren seien die Umsätze kontinuierlich zurückgegangen, bei deutlich steigenden Kosten für Energie, Personal und mehr. "Es gibt eine anhaltende Kaufzurückhaltung, mit online veränderte Einkaufsgewohnheiten, außerdem machen uns Supermärkte mit Haushaltswaren und Baumärkte mit Werkzeugen Konkurrenz", analysiert er.
Sein Lichtblick: Ein Büro bleibt im Haus – für das Objektgeschäft, das sind Schließanlagen, Briefkästen und Klingelanlagen mit Service und Montage, die Suckfüll in seinem Haus von 1888 in der Türkenstraße 31 weiterführt.
Ein Problem: Die Türkenstraße ist nur einspurig befahrbar
Für seinen etwas schrägen und verwinkelten Traditionsladen gibt es keine Rettung. Als Pech kam dazu, dass vor der Suckfüll-Tür in der Türkenstraße seit mehr als vier Jahren eine Baustelle ist. Vier große Wohnhäuser wurden abgerissen – und werden gerade neu gebaut. Die enge Türkenstraße ist seit Langem nur einspurig befahrbar. Legat Living errichtet gegenüber von Suckfüll die "Max Höfe". Für Bauarbeiter sind Parkzonen reserviert. "Wo aber parken meine Kunden?", beschwert sich der Ladeninhaber in dritter Generation. Mehr als 15 Angestellte muss er schweren Herzens entlassen.

Der Einzelhändler ist wütend auf die Stadt – wegen fehlender Parkplätze bleiben Kunden weg
Früher seien die Mehrheit der Kunden Handwerksbetriebe aus der Maxvorstadt, wie Schreiner, gewesen. Die seien inzwischen jedoch abgewandert. Eine Wut hat der Einzelhändler auf die Stadt München. Denn wegen fehlender Parkplätze blieben Suckfüll die Stammkunden weg. "Viele Schanigärten in der Türkenstraße geben natürlich eine schöne Atmosphäre für Studenten, für Gewerbetreibende sind sie unmöglich", schimpft Suckfüll. Aus den teureren Vierteln Bogenhausen und Lehel kamen die Leute, sehr viele auch aus dem Münchner Speckgürtel. "Doch die sagen mir unisono, dass sie nicht mehr mit dem Auto in die Stadt fahren", hat er erfahren.

Baustellen haben sich geschäftsschädigend ausgewirkt
Ihn ärgert, dass die Baustelle am Oskar-von-Miller-Ring-Tunnel "ein halbes Jahr fertig war und die Straße nicht aufgemacht wurde", so der Mann. Vom März bis Ende September 2025 habe ihm dazu eine "typische Bummelbaustelle" für eine Verkehrsinsel die Zufahrt an der Gabelsbergerstraße versperrt: "An dieser Baustelle passierte die ersten drei Monate gar nichts, dann drei Tage Arbeit, zwei Wochen wieder nichts. Das habe ich genau beobachtet", sagt Suckfüll.

Die S-Bahn-Stammstreckensperrung an den vier Samstagen vor Weihnachten 2025 habe ihm das Weihnachtsgeschäft komplett verhagelt – so wie weiteren Geschäften in der Stadt: "Wer kann sich so etwas ausdenken?", fragt sich der 62-Jährige.

Diese Verbundenheit ist etwas Besonderes!
Ständig spazieren Stammkunden zur Tür herein. "Kommen Sie zurecht?", erkundigt sich Verkäuferin Claudia Gries (61) bei einer Frau, die sich massive Hackbretter aus Akazienholz ansieht und Mörser aus Granit – alles um 30 Prozent reduziert. "Ich habe zuhause einen kleinen Mörser für Gewürze", erzählt ihr die Angestellte. Seit 32 Jahren arbeitet Claudia Gries bei Suckfüll. Ihre Mutter hat schon im Laden gearbeitet. Ab August möchte die zierliche Frau gezwungenermaßen in Frührente gehen.
"Wir sind eine Anlaufstelle für viele ältere Leute, die fehlen wird – aber auch für die Jungen, die Studenten. Viele Kunden kenne ich seit 30 Jahren – mit ihren Familien. Wir haben uns einfach Zeit genommen zum Reden, was einen psychologischen Effekt hat", so die Verkäuferin: "Diese Verbundenheit ist etwas Besonderes!", weiß sie genau. Dass dieser Lebensabschnitt nun vorbei ist, mache sie "sehr traurig".

Hitler-Attentäter Georg Elser soll hier Schrauben gekauft haben

Ihr Kollege, Schrauben-Fachmann Martin Auer-Kutschinski (58), ist Maxvorstädter durch und durch – und Akademiker, mit einem Magister in Geschichte. Er verrät der Abendzeitung zum Abschied die historische Bedeutung des legendären Eisenwaren-Ladens: "Es heißt, dass Georg Elser hier die Schrauben gekauft hat, für sein Bombenattentat auf Adolf Hitler im Bürgerbräukeller."
Der zukünftige Mieter steht noch nicht fest
Was mit dem großen Laden in der Türkenstraße in Zukunft passiert, ist noch unklar. Wolfgang Suckfüll würde ja gerne eine Buchhandlung in seinen Räumen mitten im Uni-Viertel sehen. "Doch die kann wahrscheinlich die ortsübliche Miete nicht bezahlen", seufzt er.
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