"Nach Corona um 6": Intensivkrankenschwester schildert ihren Pandemie-Alltag

Der Stadtspaziergänger hat Krankenschwester Marina Kerkmann getroffen und sie auf eine Intensivstation begleitet. Sigi Müller appelliert an unsere Geduld.
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Im Frühjahr als "Heldin" gefeiert, jetzt wieder extrem gefordert: Marina Kerkmann, Fachkrankenschwester für Anästhesie und Intensivmedizin im Klinikum Großhadern.
Im Frühjahr als "Heldin" gefeiert, jetzt wieder extrem gefordert: Marina Kerkmann, Fachkrankenschwester für Anästhesie und Intensivmedizin im Klinikum Großhadern. © Sigi Müller

München - Wir leben gerade in einer schwierigen Zeit, und ich denke, die nächsten Monate werden nicht einfacher. Lassen wir das Jahr einfach mal Revue passieren. "Im letzten Winter hörten wir zum ersten Mal von einem Virus in China namens Corona. Es hörte sich bedrohlich an, aber China ist ja weit weg", erinnert sich Marina Kerkmann, Fachkrankenschwester für Anästhesie und Intensivmedizin und Stationsleiterin auf der herzchirurgischen Intensivstation im Klinikum Großhadern.

Nach dem chinesischen Neujahrsfest im Januar traten kurz darauf die ersten Covid-19-Fälle in Italien auf. Man nimmt an, dass nach der Rückkehr aus ihrem Heimatland viele bereits infizierte chinesische Textilfacharbeiter auf diesem Weg Covid-19 nach Europa brachten. Nach Italien folgten Spanien, Frankreich. Skiorte wie Ischgl und St. Anton trugen dann dazu bei, Corona über ganz Europa zu verbreiten. "Es war nur eine Frage der Zeit, wann Corona auch uns erreichen würde", sagt Kerkmann.

Viele Betten für schwersterkrankte Covid-19-Patienten wurden geschaffen. "Die herzchirurgische Intensivstation wurde aufgrund der maximalen Versorgungsmöglichkeiten mit zwölf Betten ausgestattet", erzählt sie weiter. "Als die Entscheidung fiel, dass wir zur Covid-19-Station umstrukturiert werden sollten, ging erst mal Angst bei den Mitarbeitern um. Es blieben Fragen: Wie aggressiv ist das Virus, gefährden wir unsere Kinder, Eltern, Angehörige? Viele Kollegen hatten monatelang keinen Kontakt zu ihren Eltern, um sie nicht zu gefährden. Freunde distanzierten sich - aus Angst, angesteckt zu werden."

Coronavirus: Die große Angst ist mittlerweile gewichen

Ich wollte einfach einmal mit jemanden reden, der die Zeit damals hautnah erlebt hat und einmal die Sicht auf Corona von pflegerischer Seite erfahren. Drei Jahre dauerte die Ausbildung von Marina Kerkmann zur Krankenpflegerin und noch einmal zwei Jahre die Intensivausbildung. "Permanente Weiterbildung ist selbstverständlich", sagt sie.

Die große Angst ist mittlerweile gewichen. Man hat festgestellt, dass und wie man sich schützen kann. "Im Frühjahr gab es auf unserer Station nicht eine Ansteckung seitens des Personals, nach und nach bekam man alles in den Griff", erinnert sich die Krankenschwester. "Jetzt wisse man, dass der Keim extrem empfindlich sei und Wasser und Seife reichten, ihn zu zerstören."

Apparate-Medizin, die Leben rettet: ein Platz in einem Intensivzimmer.
Apparate-Medizin, die Leben rettet: ein Platz in einem Intensivzimmer. © Sigi Müller

Vor einer Woche, als ich Marina Kerkmann besuchte, war die Station noch nicht wieder mit Covid-Patienten belegt, sondern mit Herzpatienten. Sobald der Ernstfall eintritt, stehen zwölf Intensivbetten zur Verfügung, die Herzpatienten werden verlegt. Zwölf Betten beziehungsweise Räume mit allen benötigten Geräten und gut geschultem und hoch qualifiziertem Personal. Ein gutes Gefühl, dass es Menschen gibt, die sich trotz ihrer berechtigten Angst, um uns kümmern.

Krankenpflege: Die Helden waren schnell vergessen

12- bis 14-Stunden-Arbeitstage waren damals, im Frühjahr, keine Seltenheit für Marina Kerkmann. Und zu Recht wurden sie alle als Helden gefeiert. Sie bekamen Pakete mit Essen, Blumen, Post von Kindern und Erwachsenen, die sich für ihren Einsatz bedankten.

"Wir bekamen zum ersten Mal das Gefühl, dass man uns wahrnimmt", erzählt sie. Dann kam der Sommer. Man glaubte, Corona soweit im Griff zu haben, und die Helden waren schnell vergessen. Als sie jetzt warnstreikten, um auf die lange bekannten Missstände bei der Bezahlung aufmerksam zu machen, hörte man oft: Muss das gerade jetzt sein?

Marina Kerkmann zeigt ein Beatmungsgerät: Für Covid-Patienten mit sehr schweren Verläufen ist es oft die letzte Chance.
Marina Kerkmann zeigt ein Beatmungsgerät: Für Covid-Patienten mit sehr schweren Verläufen ist es oft die letzte Chance. © Sigi Müller

Und jetzt - jetzt steigen die Zahlen der Ansteckungen, der Corona-Erkrankungen und Todesfälle wieder, und selbstverständlich erwarten wir wieder heldenhafte Leistungen von den Pflegern und Ärzten. Diese Menschen freilich können Corona nicht verhindern, das können nur wir alle zusammen.

Verbreitung des Virus: Wir alle sind irgendwie schuld

Sind bei Ihnen, im Laufe des Sommers, auch alle möglichen Verschwörungstheorien angekommen? Eine der verrücktesten war für mich ein 30-minütiges Video, in dem ein Fußballprofi erklärt, warum Masken nicht helfen. Wir haben hervorragende Virologen, die einen guten Job machen. Würden Sie diese zur Mannschaftsaufstellung für das nächste Bayern-Spiel befragen? Oder würden Sie sich von einem Fußballprofi operieren lassen?

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Eine breite Aggression macht sich derzeit gerade breit, jeder weiß, dass die anderen schuld sind. Die Jungen, die feiern, die Leute am Skilift, die Hochzeiter, die Demonstranten - und der Rest auch. Das stimmt irgendwie ja auch: Wir alle sind irgendwie schuld, dass sich das Virus verbreitet. Wir alle vermissen Dinge, die wir sonst so gerne getan haben und die derzeit einfach nicht möglich sind.

Wir brauchen aber eigentlich nur etwas Geduld. Und müssen diesen Winter hinter uns bringen. Nächstes Jahr wird es ziemlich sicher Impfstoffe geben - und wir werden Stück für Stück wieder in die Normalität zurückkehren. Tragen wir doch einfach die Maske, ob wir davon überzeugt sind oder nicht. Nein, wir sterben nicht dran. Und ja: Sie helfen wirklich! Halten wir uns einfach an die AHA-Regeln.

Nach Corona um 6 Uhr auf der Theresienwiese

Bei den ganzen Mails, die in den letzten Monaten kamen, erinnere ich mich an eine besonders. Ich erhielt sie gleich mehrfach: "Als die Pest damals besiegt war, hat man Orgien gefeiert. Weiß jemand, ob schon was geplant ist?"

Es müssen ja nicht gleich Orgien sein, aber wollen wir es nicht machen wie der brave Soldat Schwejk, der sich "nach dem Krieg um 6" verabredete? Treffen wir uns doch alle nach Corona um 6 Uhr auf der Theresienwiese und feiern, was das Zeug hält. Drei Tage am Stück, wenn wir's durchstehen. Lassen Sie uns dann wieder alles tun, was im Moment gerade nicht möglich ist. Vielleicht feiern wir das größte Fest, das München je gesehen hat. Aber eben erst nach Corona. Um 6.

In diesem Sinne eine schöne Woche,
Ihr Sigi Müller

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