Nach 56 Jahren: Stararchitekt bangt um Zuhause nach Mietstreit um Schuhregal
Der bundesweit bekannte Münchner Architekt Stephan Braunfels (76) war am Dienstagmorgen zwar nicht siegessicher. Doch er hoffte doch sehr auf ein Urteil zu seinen Gunsten. "Ich denke, dass die Richterin die Räumungsklage abweisen wird", sagte er kurz nach acht Uhr morgens, als er durch die Sicherheitsschleuse des Münchner Amtsgerichts in der Pacellistraße 5 ging.
Am Ende ist Braunfels erleichtert, auch wenn er die Urteilsverkündung gar nicht live miterleben konnte. Denn die Türen am Haupteingang des Gerichtsgebäudes wurden leicht verspätet aufgesperrt, sodass der Architekt die Verkündung verpasste. Die junge Richterin sagte mit wallender Robe im Vorbeigehen nur: "Die Klage ist abgewiesen" und eilte zum nächsten Termin.

Die Klage, das war, nun ja, am Ende womöglich ein plumper Entmietungsversuch. Braunfels wohnt seit 56 Jahren in der Veterinärstraße, östlich hinter der Ludwig-Maximilians-Universität nahe des Englischen Gartens. Und er sollte Ende März 2026 ausziehen. Grund war am Ende ein altes Schuhregal, das vor der Eingangstüre stand. Es wirkte auf Braunfels von Beginn an wie ein Vorwand.
Eine schlimme Vorstellung für Mieter: Auszug nach 56 Jahren
Der Architekt, der die Münchner Pinakothek der Moderne entwarf, wüsste nicht so recht, wohin er ziehen sollte nach so langer Zeit. Er ist zwar beruflich immer noch aktiv, doch auch längst im Rentenalter. Und zu welchem Preis eigentlich? "Heute könnte ich mir die Miete hier im Viertel kaum leisten", sagt er. Damals, 1970, sei er für 400 Deutsche Mark monatlich eingezogen. "Aber das war nicht wenig Geld", betont Braunfels, damals gerade einmal 20 Jahre alt.
Nach so langer Zeit zahle er eine dementsprechend relativ niedrige Miete, deutlich unter dem aktuellen Marktwert. "Man könnte sagen, ich habe mir diesen niedrigen Mietzins ermietet", so nennt er es, im Sinne von: erarbeitet. Braunfels hat mal nachgerechnet: "Ich habe schließlich über 56 Jahre hinweg mehr als 500.000 Euro an meine Vermieter überwiesen", betont er. Das sei doch nicht wenig Geld.
Prinz Luitpold von Bayern war mal Mitbewohner von Braunfels
Anfang der 70er habe er sogar Mitbewohner einziehen lassen, um ein paar Mark zu sparen, alles in Abstimmung mit dem damaligen Eigentümer. Einer seiner Mitbewohner sei Prinz Luitpold von Bayern gewesen. Braunfels lebte dort später mit seiner ganzen Familie. "Meine zwei Töchter sind hier aufgewachsen", sagt er.
Die Wohnung im 4. Obergeschoss – oder im 5. Stock inklusive Hochparterre –, aus der er die Alpen und die Zugspitze sehen kann, ist voller solcher Eindrücke und Erinnerungen. Drei Viertel seines Lebens sind schließlich in der Veterinärstraße vergangen. Er möchte hier unbedingt weiterwohnen.
Die letzte Episode und Erinnerung, die Braunfels an seine jahrzehntelange Bleibe hat, ist nur leider weniger schön. Als zunächst sein Vermieter nach mehr als 50 Jahren Mietverhältnis starb, entschlossen sich die Erben, die Immobilie in Münchner Bestlage zu verkaufen. Den Zuschlag erhielt 2022 die Rock Capital Group. Während der Pandemie könnte das relativ "günstig" gewesen sein. Hört man sich in der Branche um, ist die Rede von etwa zehn Millionen Euro.
Die Mieter nutzten jahrzehntelang den Dachboden als Keller
Der offizielle Eigentümer ist seither eine Untergesellschaft von Rock Capital: Die Veterinär Grundbesitz GmbH & Co. KG. Nun nahmen die Konflikte ihren Lauf. Zuerst musste der Dachboden ausgeräumt werden, den alle Mieter als Lager nutzten. "Der Keller war schon immer etwas feucht", sagt Braunfels. Daher habe sich jahrzehntelang niemand für Kellerabteile interessiert.
Doch nach der Räumung des Dachbodens seien alle Gegenstände in den Keller gewandert. Laut Braunfels waren alle Abteile schnell ausgebucht. Er selbst bekam keines, trotz Anspruch im Mietvertrag. Er lagerte einige Kartons auf einem alten Schuhregal vor seiner Wohnungstür. Der Vermieter schickte ihm nun nach einer Begehung im April 2025 eine Abmahnung, als Braunfels im Urlaub gewesen sei. Er solle die Kartons aus dem Gang räumen. Nach einer zweiten Abmahnung habe er das zügig erledigt.
Kündigung, obwohl der Architekt wie aufgefordert den Gang freiräumt
Nach einigen seltsamen Gesprächen mit den neuen Eigentümern, wie es Braunfels beschreibt, erhielt er am Ende unter anderem wegen des Schuhregals im Gang, das wegen der weggeräumten Kartons deutlich sichtbar wurde, eine ordentliche Kündigung zum 31. März 2026. Braunfels saß die Sache erst einmal aus.
Es kam zu einer Güteverhandlung im Juli 2026. Ohne Einigung. Braunfels hatte Zeichnungen aus dem Jahr 2023 ausfindig gemacht, wonach der Eigentümer das Apartment des Architekten plus das Dachgeschoss zur Maisonette umbauen wolle. Er zeigte sie damals der Richterin. Der Anwalt des Eigentümers argumentierte, dass diese Pläne veraltet seien.
Braunfels glaubt bis heute, dass weiterhin dieser Plan grundsätzlich besteht und ein neu entstandenes Penthouse mit dann geschätzten 200 Quadratmetern für bis zu fünf Millionen Euro verkauft werden könnte. Fünf Millionen für ein Apartment? "Die Summe wäre drin. Der Quadratmeter kostet im Viertel bis zu 30.000 Euro", sagt Braunfels.
Eine Kündigung ist wegen eines Regals nicht gerechtfertigt, so das Gericht
Die Richterin wies nun also die Räumungsklage am Dienstag ab. Sie sei unbegründet und nicht überzeugend, steht später in der schriftlichen Urteilsverkündung. Das Gericht sehe in dem Abstellen des Schuhregals vor der Haustür "keinen derart schweren Pflichtenverstoß, als dass eine ordentliche Kündigung gerechtfertigt wäre."
Architekt Braunfels kann also weiterhin in der Veterinärstraße wohnen – zumindest vorerst. Noch könnte sein Vermieter, die Veterinär Grundbesitz GmbH, in Berufung gehen.
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