Nach 35 Jahren ist Schluss: Kult-Laden in München verlässt die Sendlinger Straße
Räumungsverkauf – bis zu 70 Prozent Rabatt. Kare zieht sich nach 35 Jahren zurück aus der Münchner City. Die gute Nachricht ist: Kein Mitarbeiter wird gekündigt.
Die vier Angestellten des Kare City Studios in der Sendlinger Straße wechseln ins riesige Kare Kraftwerk – ins Obersendlinger Design-Möbelhaus im alten Heizkraftwerk mit Alpenblick an der Drygalski-Allee.

Opulentes Design: verrückte Vasen, bunte Buchstützen
1991 war Eröffnung. Bis Ende des Sommers ist jetzt in der Altstadt Schlussverkauf: Zebra-Hocker, Teller mit Goldrand, verrückte Vasen und quietschbunte Buchstützen wollen verkauft werden.
Von der Fußgängerzone nahe Sendlinger Tor purzeln Stammkunden und Passanten in den ungewöhnlichen Wohn-Laden, bis zur Decke ausstaffiert mit extravaganten Dekoartikeln: opulent bedruckte Sofakissen mit Motiven wie Pfau, Affe oder Kakadu – typisch Kare eben.

Seit 22 Jahren verkauft Mitarbeiterin Stephanie Reiter bei Kare. Sie stellt fest: "Die Kunden sind traurig. Sie sagen: Was ? Dann gibt es euch nicht mehr in der Innenstadt? Doch bei Kare ist 'online' so explodiert, dass man über die Standorte nachdenken muss", so die Frau.
Der Modeladen Stierblut gehörte dazu
Sie hat früher daneben, im Modeladen Stierblut gearbeitet, der zu Kare gehörte: "Kunden werden jetzt eine kleine Reise auf sich nehmen müssen, auch die Gay-Community. Es sind viele homosexuelle Menschen in München, die eine Affinität zu ausgefallenem Wohnen haben", meint die Schwester von Kare-Mitinhaber Jürgen Reiter. Zum Abschied meint sie: "Es war eine wunderbare Zeit. Zu Hause habe ich kaum etwas anderes als Kare. Es passt zu mir."

Die kleinen Möbelläden sind eingegangen
Auf den 380 Quadratmetern Ladenfläche steht ein schwerer weißer Kickertisch, von 599 auf 419 Euro herabgesetzt. Es gibt Beistelltische, Sofaelemente, ein brauner Dackelkopf aus Porzellan an der Wand. "Die Zeiten sind hart. Kare ist eine Institution für verrückte Dinge, teils schrill, teils extravagant, für diese große Fülle und Buntheit", erklärt Filialleiter Martin Obermayr (58). Seit dem Jahr 2000 arbeitet er in der Sendlinger Straße:
Mit ein Grund für die Schließung: die hohen Mieten
"Es ist schade. Noch nie habe ich hier so viel Leerstand erlebt und über eine so lange Zeit. Das liegt an den hohen Mieten", beklagt er. Der Innenstadt fehle es immer mehr an Vielfalt: "Die meisten kleinen Möbelläden sind eingegangen", hat er beobachtet.

Obermayr berät Stammkundin Marlene Koenen aus Sendling, die heute eine Eckcouch für ihr Wohnzimmer kauft, dazu vier Essteller. Die frühere Psychiatrieschwester im Krankenhaus Haar sagt: "Ich bin traurig, dass hier Schluss ist. Dieser Laden ist gemütlich. Ich komme seit 20 Jahren und kenne alle Verkäufer", sagt sie: "Für jeden Geschmack ist etwas da, wobei pinkfarbene plüschige Hocker eher etwas für Junge sind".
Wird vermisst: das "Hübsche" in der Sendlinger Straße
Wenn sie auf die Fußgängerzone blickt, denkt sie: "Nur noch Süßbuden, Kuchen und Fressbuden, wo früher hübsche Läden waren, wie ein Dessousgeschäft, in dem zwei ältere Damen mich mit Ruhe und Zeit, so wie früher bedient haben. Das Hübsche in der Sendlinger Straße fehlt!"

Kunde Mike Appiah, der in Garching Eventmanager ist, hat in seiner Wohnung sehr viel von Kare stehen: "Ein großes Foto von einem Mercedes, einen Glastisch mit goldenem Rand. Seit ewigen Zeiten kaufe ich hier Deko-Zeug, ich mag den Stil. Diese Dinge sieht man nirgends anders."

Tatsächlich gibt es Kare nicht in den Großstädten Hamburg, Frankfurt oder Berlin, sondern nur in München. 1981, als Münchner BWL-Studenten, haben die Freunde Jürgen Reiter und Peter Schönhofen angefangen, ihre eigenen Möbel zu bauen. In einer Zeit, in der das Wohnen noch schrecklich konventionell war.

Dieses Jahr steigt die Feier zum 45. Jubiläum
Nach 45 Jahren ist das inhabergeführte Unternehmen international: nach Wien, Los Angeles, Miami, Bogotá, Caracas oder Santiago de Chile ist Kare expandiert. 2026 wird das Jubiläum des Münchner Unternehmens gefeiert – mit den mutigen Farben und Mottos wie "niemals langweilig" und "immer voller Fantasie".

Aus dem Glockenbachviertel hat Mitarbeiter Lutz Niessen (62) bislang fünf Minuten mit dem Fahrrad zum Kare City Store gebraucht. "Das Betriebsklima hier war sehr familiär", erklärt er – und ergänzt: "Ich liebe Glas." Privat hat er eine Vasensammlung, zu der das Kare-Sortiment doch beigetragen hat. Seine berufliche Zukunft im riesigen Kare Kraftwerk sieht Niessen positiv: "Das ist das Ding. So ein Möbelhaus ist einmalig in Europa."

