Nach 112 Jahren: Münchner Herrenausstatter Hirmer geht neue Wege

Früher gab es für viele bei Hirmer nur den Anzug für die Hochzeit oder das Vorstellungsgespräch. Jetzt setzt Münchens traditionsreicher Herrenausstatter auf bunte Sakkos, lässige Jeans und sogar Tattoos. Das steckt hinter dem überraschenden Imagewechsel.
von  Niclas Vaccalluzzo
Neue Verkaufsflächen, jüngere Marken und mehr Erlebnisse: Das Hirmer-Stammhaus will moderner werden.
Neue Verkaufsflächen, jüngere Marken und mehr Erlebnisse: Das Hirmer-Stammhaus will moderner werden. © Daniel von Loeper

"Früher kaufte ein Kunde seinen ersten Anzug bei Hirmer – und kam danach jahrelang nicht wieder", erzählt Kilian Trossbach, Chefeinkäufer des Münchner Traditionsunternehmens. Der Herrenausstatter in der Kaufingerstraße will sich aus der Schublade für besondere Anlässe und strikte Modekonventionen befreien.

Gesucht ist der "moderne Gentleman", wie Hirmer-Geschäftsführer Gerhard Kränzle ihn nennt. Wie dieser neue Hirmer-Kunde aussehen soll, erklären er und Trossbach am vergangenen Freitag. Das 112 Jahre alte Modehaus will jünger, moderner und "progressiver" werden.

Wandel im Hirmer-Stammhaus: "Den Kunden inspirieren"

Der Familienbetrieb setzt auf jüngere Marken, neue Stilrichtungen und eine "inspirierende Präsentation". Statt Anzüge nebeneinander aufzureihen, zeigen neu gestaltete Flächen, wie sich verschiedene Kleidungsstücke kombinieren lassen. Zur weiten Jeans kommen etwa ein buntes Sakko und ein gestreiftes Hemd. Ergänzt wird das Sortiment durch Lifestyle-Produkte wie Spirituosen oder Bildbände.

Das zeigt sich nicht nur im Stammhaus selbst. Hirmer wagt sich dafür sogar aus der Kaufingerstraße ins hippe Glockenbachviertel. Dort gibt es an diesem Wochenende einen Pop-up-Kiosk anlässlich der Vorstellung eines neuen Stilmagazins – und wer möchte, kann sich sogar ein kleines Tattoo stechen lassen.

"Den Kunden inspirieren", nennt Trossbach das Ziel. "Tradition und Moderne mischen", beschreibt Kränzle die neue Richtung. Hirmer will dabei nicht mit seiner Geschichte brechen. Das Traditionshaus möchte zeigen, dass ein klassischer Look längst nicht mehr von Kopf bis Fuß aus Anzug, Hemd und Krawatte bestehen muss.

Der Kunde wird jünger – zumindest sein Outfit

Der Kundenstamm sei im Schnitt bereits fünf Jahre jünger geworden. Das Ziel bestehe allerdings nicht darin, ausschließlich junge Männer anzulocken. Vielmehr zeige sich, dass auch ältere Kunden sich inzwischen jünger kleideten, sagt Kränzle.

Neuer Kurs bei Hirmer: Geschäftsführer Gerhard Kränzle (r.) und Chefeinkäufer Kilian Trossbach wollen das Münchner Traditionshaus jünger und moderner machen.
Neuer Kurs bei Hirmer: Geschäftsführer Gerhard Kränzle (r.) und Chefeinkäufer Kilian Trossbach wollen das Münchner Traditionshaus jünger und moderner machen. © Daniel von Loeper

Und noch etwas fällt im klassischen Herrenmodehaus auf: Zwischen Sakkos und Hosen entdeckt die AZ Röcke und Damen-Jacketts. Ganz neu sei das nicht, erklärt Trossbach. In der Trachtenabteilung habe das Unternehmen schon vor einigen Jahren begonnen, Damenmode anzubieten. Weil das gut funktionierte, kamen nach und nach weitere Stücke hinzu. Inzwischen finden sich einzelne Kleidungsstücke für Frauen auch in anderen Bereichen.

Neue Führung, neue Richtung

Die Pläne für die Neuorientierung gibt es bereits seit 2024. Damals stieg Kränzle auch in die Geschäftsführung ein. Ein größerer Wasserschaden im Frühjahr verzögerte den Zeitplan nach Angaben des Unternehmens um etwa fünf Monate.

Gleichzeitig hat sich im Gesellschafterkreis etwas verändert. In diesem Jahr ist Christian Hirmer aus dem Gesellschafterkreis des Familienkonzerns ausgeschieden. Nach früheren Angaben des Unternehmens gehören diesem nun Ulrich Hirmer, Ferdinand Hirmer und Dr. Annette Hirmer an.

Die Zahlen stimmen bisher

Wirtschaftlich scheint der neue Kurs aufzugehen. Während viele Händler mit einem schwierigen Marktumfeld kämpfen, hat Hirmer nach eigenen Angaben seinen Umsatz 2025 um 2,9 Prozent gesteigert. Das Unternehmen verzeichnete dabei 1,2 Millionen Besucher. Im laufenden Jahr 2026 liegt das Umsatzplus bislang bei 3,4 Prozent – bei 1,4 Millionen Besuchern. Einen Vergleich mit der Zeit vor der Corona-Pandemie zieht die Geschäftsführung nicht. Von den damaligen Einbrüchen habe sich das Unternehmen aber gut erholt.

Zwischen Hochzeit, Vorstellungsgespräch und Abifeier soll es künftig also noch mehr Gründe geben, das Stammhaus zu besuchen. Der moderne Mann trägt vielleicht weiterhin einen Anzug. Aber eben nicht mehr nur.

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