MVG-Streik trifft nicht alle gleich: Frust bei Pendlern, Flaute bei Bäckereien

Der Lenker schlackert hin und her, die Frau hat sichtlich Mühe, voranzukommen. Der Hinterreifen ihres blauen Radls ist platt. Angestrengt tritt sie in die Pedale und kämpft sich über den Asphalt der Gebsattelstraße in Richtung Ostbahnhof.
Vermutlich geht es ihr an diesem Montagmorgen wie vielen anderen Münchnerinnen und Münchnern: Der Warnstreik im öffentlichen Nahverkehr zwingt sie, schnell eine Lösung zu finden – fernab von U-Bahn, Tram und Bus.
Warnstreik bei der MVG: Münchner müssen auf Rad, Taxi und Co. ausweichen
Die Gewerkschaft Verdi hatte zum ganztägigen Streik im kommunalen ÖPNV aufgerufen. In München waren U-Bahn, Tram sowie Buslinien der MVG bis einschließlich der Linie 199 betroffen. Der Ausfall begann um 3.30 Uhr am Montag und endet am Dienstagmorgen um 3.30 Uhr.

In den Tarifverhandlungen, die in allen 16 Bundesländern meist mit den kommunalen Arbeitgeberverbänden geführt werden, fordert Verdi insbesondere deutlich bessere Arbeitsbedingungen – etwa durch kürzere Wochenarbeitszeit und Schichtzeiten, längere Ruhezeiten, aber auch höhere Zuschläge für Nacht- und Wochenendschichten. In ganz Deutschland legen ÖPNV-Beschäftigte die Arbeit am Montag nieder – auch die Mitarbeiter der MVG. Das zwingt viele Münchner, kreativ zu werden, um in die Arbeit, zum Arzt oder zu sonstigen Terminen zu gelangen. Am Ostbahnhof, um kurz nach acht Uhr, wird das konkret.
46-Jährige Pendlerin am Ostbahnhof: "Das passt ja wieder ins Bild"
Eine Frau steht vor dem Bahnhofsgebäude und wartet – in der einen Hand einen Kaffeebecher, in der anderen eine Bäckertüte. "Als ich am Freitag davon gehört habe, dass nichts fährt, hab ich mir gedacht: Schön, das passt ja wieder ins Bild." Die 46-Jährige aus Unterhaching hat an diesem Tag gleich vier Termine, verteilt in der ganzen Stadt. "Morgen wäre besser gewesen, da hätte ich keinen gehabt, aber das kann man sich eben nicht immer aussuchen", sagt die Beamtin und lacht. Zum Glück hat die Pendlerin schon eine Lösung gefunden. Ein Kollege kann sie am Ostbahnhof abholen und ins Olympia-Einkaufszentrum zu ihrem ersten Termin fahren. Der zusätzliche Aufwand nervt, trotzdem kann sie die Streikenden gut verstehen: "Ich kenne Leute, die im öffentlichen Nahverkehr unterwegs sind, und ich weiß, dass die immer schon sehr schlechte Arbeitsbedingungen hatten."

Während die Frau auf ihren Kollegen wartet, ziehen im Minutentakt Taxis an ihr vorbei. Sie bremsen, halten kurz und schwärmen sofort wieder aus – schon besetzt mit dem nächsten Fahrgast.
Auch am Hauptbahnhof suchen viele Menschen nach Alternativen für ihre gewohnten Wege. Die U-Bahn-Zugänge sind gesperrt, davor steht die U-Bahnwache. Immer wieder bleiben Passanten stehen, überrascht darüber, dass "wirklich gar nichts" fährt, wie ihnen die Wachleute erklären. Das stimmt nicht ganz. Etwa die Hälfte der Busse fährt, weil auch private Unternehmen für die MVG unterwegs sind, erklärt ein Sprecher der MVG auf Anfrage. Die Tram 20 kann bis in den Abend hinein fahren.
Adriaan Andringa kommt die Treppe zur Oberfläche hoch. Kopfhörer in den Ohren, Rucksack auf dem Rücken und auf dem Weg zur Arbeit. Der selbstständige Berater bleibt gelassen. "Dann bin ich heute halt fünf Minuten später da", sagt er und lacht. Mit der S-Bahn ist er bis zum Hauptbahnhof gefahren, jetzt geht er zu Fuß Richtung Königsplatz. Normalerweise nimmt er die U2.

Weniger gelassen wirkt Rashid Mahmood. Der 52-Jährige irrt an der Oberfläche zwischen den Tramhaltestellen umher und sucht nach einer Alternative, um schnellstmöglich in die Arbeit zu kommen. "Ich bin Kellner und muss zum Hohenzollernplatz", sagt er zur AZ. Jeden Tag fahre er von Taufkirchen aus die Strecke. Auch sonst habe Mahmood Schwierigkeiten wegen der Unzuverlässigkeit der S-Bahn, aber mit dem Streik, sei es noch schlechter. Verständnis für die Situation hat er keine. Zu groß sei die Einschränkung: "Für mich ist das nervig."

Rischart-Mitarbeiterin in Filiale im U-Bahn-Untergrund: "Hier ist nix los"
Während an der Oberfläche die Menschen durch die Straßen eilen, wirkt es an den U-Bahnsteigen fast wie ausgestorben. Nur vereinzelt sitzen Menschen ratlos auf den Bänken und scrollen in ihren Handys nach Ersatz. Am Marienplatz bestätigt eine Anzeige, was die leeren Gleise bereits verraten: "Derzeit kein Zugbetrieb". Gleichzeitig geben die großen Leinwände an der Tunnelwand eine falsche Hoffnung. "U-Bahn fährt ein!", steht dort in großen Lettern. Doch seit Stunden fährt hier nichts.

Direkt daneben kämpfen die Verkäufer des Rischarts mit der gähnenden Leere am Bahnsteig. "Hier ist nix los", klagt Verkäuferin Clara. "Das ist schlecht für den Umsatz." Und die Zeit vergehe deutlich langsamer als sonst, erzählt sie. Um kurz vor zehn Uhr ist die Theke noch voll bestückt: Frischgebackenes Brot, Sandwiches, Krapfen, Nussschnecken und Croissants reihen sich aneinander. Ob das alles heute noch verkauft wird?

Ganz in der Nähe, in der Ludwigstraße, herrscht dafür umso regeres Treiben: Etliche Menschen hetzen zu Fuß zwischen Marienplatz und Münchner Freiheit auf der Ludwig- und Leopoldstraße. Unter ihnen Student Adrian Massier. Der 22-Jährige kommt gerade von der Universität. "Ich muss bis Garching Hochbrück." Eigentlich nimmt er dafür immer die U6. Heute ist das keine Option. Trotzdem zeigt er sich den Streikenden wohlgesonnen. Ihn nervt etwas ganz anderes: "Mich stört, dass die Universität nicht darauf reagiert. Wir haben heute eine Klausur geschrieben und da wurde nicht viel Rücksicht darauf genommen."

Fast zeitgleich im Osten der Stadt: Rund 100 Streikende versammeln sich zur Kundgebung. Knallgelbe Verdi-Warnwesten leuchten im Grau des Morgens, Fahnen flattern in der kalten Luft.
Unter ihnen Tramfahrer Emanuel. "Ich mache meinen Job wirklich sehr gerne. Ich bin leidenschaftlicher Straßenbahnfahrer. Aber nach langen Diensten merkt man abends einfach, wie erschöpft man ist", sagt er. Gemeinsam mit seinen Kolleginnen und Kollegen fordert er längere Ruhezeiten zwischen den Diensten, kürzere Arbeitstage und bessere Bezahlung.
Auch Busfahrer Valentin Edimo ist gekommen. Der 57-Jährige erhofft sich mehr Geld. "Ich streike für bessere Arbeitskonditionen. Wie jeder weiß: Das Leben ist teuer geworden, und mit diesem Lohn kommt man nicht zurecht."

Weitere Warnstreiks angekündigt – ein "Juchee" für Taxler?
Bis zur nächsten Verhandlungsrunde im Tarifstreit mit den Verkehrsunternehmen am 13. Februar verkündet die Gewerkschaft weitere Warnstreiks in Bayern. Für die Münchner und Münchnerinnen könnte also bald Runde Zwei folgen.
Ob die Münchner Taxler bei der Nachricht "Juchee" rufen? Eher nicht. Laut Alex Haselo (45), den die AZ am Odeonsplatz trifft, bringt der Streik am Montag zwar rund 20 Prozent mehr Umsatz ein, aber auch mehr Ärger. "Bei jeder Fahrt steht man im Stau", sagt er und zuckt mit den Schultern.

Dann muss er schon weiter. Ein Fahrgast hat sich auf seinen Beifahrersitz plumpsen lassen. Alex Haselo drückt aufs Gas – und rauscht vorbei an wartenden Passanten und Radlern, die sich mit teils platten Reifen über den Asphalt mühen.