100 Jahre Maria Endres: Warum ihre Küche in Waldtrudering seit vier Jahrzehnten unverändert ist

Maria Endres hat das Unaussprechliche überlebt und in München ihre kleine Idylle gefunden. Nun wird sie 100 Jahre alt. 
Nadine Bachmeier |
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Wie in einer Zeitkapsel: Maria Endres in ihrer Küche in Waldtrudering. Hier hat sich seit 40 Jahren nichts verändert.
Wie in einer Zeitkapsel: Maria Endres in ihrer Küche in Waldtrudering. Hier hat sich seit 40 Jahren nichts verändert. © Walter Endres

In der kleinen Küche ihres Häuschens in Waldtrudering sitzt Maria Endres auf einem ihrer Stühle am Küchentisch und lacht.
Die sehr kleine, sehr dünne Frau lacht viel. Mal über sich selbst, weil sie eine Frage nicht richtig verstanden hat. Mal, weil sie so ungeschickt ist und sich in den vergangenen Jahren nacheinander beide Arme und den Oberschenkelhalsknochen gebrochen hat.

Mal, weil sie sich freut, dass ihre Enkelin sie besucht und über ihre Vergangenheit redet. Mal, um ihre Unsicherheit wegzulachen, weil sie sich an etwas nicht mehr so genau erinnert. Das sei ihr verziehen, denn wer will ihr an ihrem 100. Geburtstag einen Vorwurf machen, dass sie sich nicht mehr im Detail an ihr ganzes Leben erinnert?

Maria Endres vor mehr als 70 Jahren, kurz nach der Hochzeit.
Maria Endres vor mehr als 70 Jahren, kurz nach der Hochzeit. © Walter Endres.

In ihrer Küche in Waldtrudering hat sich seit 40 Jahren nichts verändert

An vieles kann sie sich noch erinnern. An die Kindheit in Galizien, die Zeit im KZ Dachau, wie sie der Krieg in der Ukraine beschäftigt. Während sie erzählt, wird spürbar, wie viel Weltgeschichte sich in den Erinnerungen der kleinen, runzligen Frau verdichtet. Und man wundert sich bei jedem Wort, dass sie noch so herzhaft lachen kann.

Die Küche ist wie eine kleine Zeitkapsel. In den vergangenen 40 Jahren hat sich hier nichts verändert. Die Eckbank, die Stühle, die Vorhänge, die kleine Küchenzeile und das Buffet. Alles steht hier am selben Platz, wie in den vergangenen Jahrzehnten.

Ob der 24. November wirklich ihr Geburtstag ist, kann heute niemand mehr beantworten.

Hier fühlt sich Maria, Marika oder Marie wohl. Welcher der drei Namen ihr richtiger ist? Das weiß sie selbst nicht mehr 100-prozentig – aber auch sonst niemand auf der Welt.

Ob der 24. November wirklich ihr Geburtstag ist, kann heute auch niemand mehr beantworten. Das hat nichts mit ihrem schlechten Gedächtnis zu tun, sondern mit ihrer Geschichte: Die fing auf einem landwirtschaftlichen Anwesen im Königreich Galizien an.
Jedoch nicht das Galizien in Spanien, sondern die nördlichste Bastion des Habsburgerreichs, die mit Ende des Ersten Weltkriegs an Polen fiel. "Ziemlich sicher ist der Geburtstag am 24. November. Zumindest laut Geburtsurkunde", sagt Sohn Walter Endres.

Ob sie vielleicht doch ein paar Tage früher oder später geboren wurde? Der Einzige, der das mit Sicherheit sagen könnte, ist Jan Cieply. Der hatte seine Tochter auf der Gemeinde in Sanok angemeldet, als er in der Gegend war.

In Odrzechowa ging sie zur Schule. Nach vier Jahren musste sie ab 1936 auf dem elterlichen Anwesen mitanpacken. Die Geschwister Stefan und Katharina waren noch zu klein zum Helfen – Nikolai, Michael, Stefania und Helga noch nicht geboren.

Garten-Idylle: Maria Endres 1964 mit ihren Kindern Walter und Angelika.
Garten-Idylle: Maria Endres 1964 mit ihren Kindern Walter und Angelika. © Walter Endres

"Die haben uns die frisch gesteckten Rüben aus dem Boden weggegessen"

Sie erzählt vom "Blitzkrieg", als die Deutschen am 1. September 1939 Polen überfielen. Vom Vater, der eingezogen wurde, aber nach wenigen Wochen wieder nach Hause kam, weil der Krieg verloren war. Von da an lebte sie im "Generalgouvernement für die besetzten polnischen Gebiete".
Mit 16 Jahren erlebte sie, wie ihre Heimat zum Durchgangsgebiet für Nachschub und Soldaten im Krieg Nazi-Deutschlands gegen die Sowjetunion wurde. "Die haben uns die frisch gesteckten Rüben aus dem Boden weggegessen", erzählt sie.

"Das ist das erste Bild, das ich von dir kenne", sagt Sohn Walter, als er das Foto seiner 17 Jahre alten Mutter auf dem Ausweis sieht, den ihr die Nazis nach einer Bauchtyphusimpfung ausgestellt haben.

Mit diesem Ausweis wurde aus Marika "Maria". "Sie hat uns früher immer wieder erzählt, dass ihr Name auch Marie gewesen sein könnte", sagt Sohn Walter. Die Nazis hätten es damals nicht so genau genommen, erzählt sie selbst.

Ich hatte Glück

Den ersten Arbeitgebern in Bayern ist sie zu dünn

Mit diesem Ausweis im Gepäck kam sie vor 83 Jahren in einem Haushalt am Starnberger See an. In Deutschland wurden Arbeitskräfte knapp. Einer aus der Familie musste deshalb nach Deutschland – das Los fiel auf sie.

"Denen war ich zu dünn", sagt die zierliche kleine Frau, lacht und tätschelt ihren nicht vorhandenen Bauch. Deshalb wurde sie in einen Haushalt in Waldtrudering versetzt.
I

mmer wieder musste sie sich beim Arbeitsamt melden. Eines Tages wurde die Tochter des Arbeitgebers allein nach Hause geschickt.
Maria steht auf und geht zu ihrem Wohnzimmerschrank. Sie öffnet eine der Türen. Ihr Lachen ist eingefroren, als sie ihren KZ-Ausweis aus einem der Fächer holt.

Im KZ Dachau muss sie "Wintertests" über sich ergehen lassen

Sie erzählt, dass sie ins KZ Dachau gebracht wurde. Fingerabdrücke, ein Foto, eine Einstufung als "fremdvölkische" Arbeitskraft – der Ausweis sieht aus wie neu, obwohl er über 80 Jahre alt ist. "Wintertests" habe man gemacht. Sie erzählt, wie sie sich als junge Frau im Schnee ausziehen musste. Dass es eiskalt war. Sie erzählt, dass sie Glück hatte.

Das Glück, dass ihr Martyrium nach fünf Wochen beendet wurde. Ihr Arbeitgeber hatte Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, um sie zurückzuholen.

Erzählen, was passiert ist, durfte sie nicht. Sie musste eine Stillschweigenserklärung unterzeichnen. Hätte sie jemandem davon berichtet, hätte man sie dafür hinrichten können. Den Rest des Jahres 1944 verbrachte sie aufgrund der Versuche im KZ mit einer Magenerkrankung.
Heute darf sie darüber sprechen. Die Erklärung war mit Ende des Krieges nichtig. Man merkt, dass das Erlebte auch nach über 80 Jahren schwer auf ihr lastet.

Maria Endres vor dem Wohnzimmerschrank, in dem sie ihre Dokumente aufbewahrt.
Maria Endres vor dem Wohnzimmerschrank, in dem sie ihre Dokumente aufbewahrt. © Walter Endres

Warum ist sie in Deutschland geblieben?

Die Dokumente aus dieser Zeit liegen sorgfältig verwahrt in ihrem Schrank. Dort findet sich die Kennkarte, mit der sie nach Deutschland kam. Der KZ-Ausweis, ein Arbeitsbuch für Ausländer, ihr "Persilschein" und eine Karte, die sie als "Displaced Person" auszeichnet. Ihr Sohn erzählt von den Arolsen Archives, in denen sie ein Jahr älter gemacht wurde. Während er davon spricht, merkt man, dass sie diesen Teil der Geschichte nicht versteht.

Warum sie in Deutschland geblieben und nicht zu ihrem Onkel in die USA emigriert ist? Warum sie nicht zurück zu den Eltern gegangen ist, die auf Betreiben der UdSSR in die Kern-Ukraine umgesiedelt wurden? Was sie in Waldtrudering gehalten hat? Auf die Fragen lacht sie und winkt ab.
Ob es ihr Mann war? "Ich weiß nicht genau, wann sie meinen Vater Walter kennengelernt hat, aber seine Adoptivmutter war häufiger in dem Haushalt, in dem meine Mutter arbeitete", erzählt der Sohn.

1952 heiraten Maria Cieply und Walter Endres. Das Paar bekommt zwei Kinder. Seit 1996 ist Maria Endres Witwe.
1952 heiraten Maria Cieply und Walter Endres. Das Paar bekommt zwei Kinder. Seit 1996 ist Maria Endres Witwe. © Walter Endres

Ihre Schildkröten Lemi und Belinda sind auch schon 70 - mindestens

Geheiratet wurde am 14. März 1952, Sohn Walter junior kam im Juli 1956, Tochter Angelika 1961 zur Welt. Das kleine Häuschen in Waldtrudering wurde durch verschiedene Erweiterungen immer größer.

Die Jahre vergingen und Walter senior und Maria führten ein beschauliches Pensionärs-Dasein verbunden mit der einen oder anderen Reise. Ihre Leidenschaft galt und gilt dem Garten: Rosenbögen, Gemüsebeet und mittendrin ihre griechischen Landschildkröten Lemi und Belinda.

Die beiden überwintern im Keller, den Sommer über leben sie im Garten. Über 70 Jahre sind sie sicherlich alt – viel wahrscheinlicher sind sie noch älter als ihre nun 100-jährige Besitzerin.

Man merkt, wie der Krieg in der Ukraine sie bedrückt

Maria hat sich ihr kleines Idyll in Waldtrudering eingerichtet. Den Haushalt schafft sie seit Jahren nicht mehr ganz allein. Tochter Angelika ist deshalb bei ihr eingezogen und hilft mal beim Kuchenbacken oder Rauswischen. Das mit dem Duschen in der Badewanne, das klappt auch nicht mehr so gut wie früher, dafür kommt der Pflegedienst.
Die handwerklichen Arbeiten macht seit jeher Sohn Walter. Sein Vater, Walter senior, ist bereits seit knapp 30 Jahren tot.

Maria lacht, als ihr Sohn sagt, dass in der Küche mal etwas gemacht werden müsste. Sie erzählt von den Verwandten in Amerika und hört zu, als Walter vom Cousin in der Ukraine erzählt.

Wie der den Krieg dort erlebt. Man merkt, wie der Krieg sie bedrückt. Woran sie denkt? Sie lacht nur und winkt ab, während sie in ihrer kleinen Zeitkapsel sitzt, in der sie sich wohlfühlt.

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