Interview

Bald wieder Polarlichter in Bayern? Das ist Harald Leschs Prognose

Unglaubliche Polarlichter haben Bayern zuletzt erreicht. Obwohl diese doch eigentlich vor allem im Norden vorkommen. Ist das noch normal? Und muss man sich wegen starker Sonnenstürme Sorgen machen? Harald Lesch antwortet in der AZ – und sagt auch, warum er selbst die Nordlichter verpasst hat.
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Harald Lesch ist deutschlandweit dafür berühmt, wissenschaftliche Themen verständlich zu erklären.
Harald Lesch ist deutschlandweit dafür berühmt, wissenschaftliche Themen verständlich zu erklären. © imago

In der vergangenen Woche hätte man Bayern mit Skandinavien verwechseln können: Polarlichter in allen Nuancen überzogen den Nachthimmel im Freistaat. Pink, rot, grün. Die Sozialen Netzwerke quollen über mit spektakulären Aufnahmen – Nordlichter über dem Englischen Garten bis hin zur Befreiungshalle in Kelheim.

Doch warum ist das sonst aus dem Norden bekannte Aurora borealis derzeit auch bis zu den Alpen so extrem zu sehen? War das früher auch schon so? Und ist das möglicherweise gefährlich?

Die AZ hat den bekannten Physiker, Astronomen, Naturphilosophen und Autor Harald Lesch (unter anderem "Terra X Harald Lesch") von der Fakultät für Physik an der LMU dazu befragt.

Harald Lesch ist Professor an der Fakultät für Physik der LMU.
Harald Lesch ist Professor an der Fakultät für Physik der LMU. © imago/Stefan F. Sämmer

AZ: Herr Lesch, am Abend des 19. Januar waren in ganz Bayern Polarlichter zu sehen. Gab es dieses Phänomen in früheren Jahren in unseren Regionen auch schon so deutlich oder ist das neu?
Harald Lesch: Nein, diese gibt es immer wieder auch bei uns. Immer dann, wenn es einen starken Ausbruch auf der Sonne gibt. In diesem Fall reichen die Polarlichter, die man sonst nur im hohen Norden sieht, bis zu niedrigeren Breiten. Teilweise gab es schon Sonnenstürme, die weit über die Alpen bis nach Italien zu sehen waren. Zur Erklärung: Der Sonnensturm schüttelt das gesamte Magnetfeld der Erde durch und so entstehen die Leuchterscheinungen in der Atmosphäre. Das ist etwas ganz Natürliches. Es ist nicht rätselhaft. Wir wissen, was es ist.

"Die letzten Polarlichter waren unglaublich stark"

Sprechen wir jetzt mehr darüber oder warum sind Polarlichter in den vergangenen Monaten und Jahren gefühlt präsenter?
Es sind eben sehr starke und helle Erscheinungen. Normalerweise gibt es nur ein breites Glimmen, aber die letzten Polarlichter waren unglaublich stark. Das hat mit dem sehr starken Sonnenausbruch zu tun. Solche sind – wie auch etwa bei Erdbeben – eher selten.

Winterwunder: Spektakuläre Polarlichter erleuchten den Nachthimmel über Bayern.
Winterwunder: Spektakuläre Polarlichter erleuchten den Nachthimmel über Bayern. © imago/Tobias Hartl

Warum war der Ausbruch denn jetzt so stark? 
Die Sonne ist alle elf Jahre besonders aktiv – so wie im Moment. Das hängt mit dem Magnetfeld der Sonne sowie mit ihrer Drehung zusammen. Bei diesem kochenden Gasball kommen sich die Magnetfelder so nahe, dass es zu großen Explosionen führt. Diese brauchen ein paar Tage, bis sie auf der Erde ankommen. Der Abstand zwischen der Sonne und der Erde beträgt 150 Millionen Kilometer. Es lässt sich im Übrigen sogar eine Art Wettervorhersage im Weltraum erstellen: Wenn wir die Explosion auf der Sonne sehen, wissen wir, in einem bestimmten Zeitraum wird es bei uns zu Polarlicht-Erscheinungen kommen. Das ist auch im Zusammenhang mit Technologien im All wichtig. Denn dort befinden sich viele Satelliten. Diese müssen geschützt werden. Sie werden zum Beispiel unter Umständen abgeschaltet oder in den Windschatten der Erde navigiert, damit sie nicht von den elektrischen Phänomenen in Zusammenhang mit den Polarlichtern beschädigt werden.

Turbo auf dem Weg zur Erde: "Ein besonders schneller Sonnenwind"

Dieses Mal sollen die Auswirkungen des Sonnensturms besonders schnell bei der Erde angekommen sein. Warum?
Es verhält sich ein bisschen wie bei der normalen Wettervorhersage, bei der sich auch nicht genau bestimmen lässt, wo das Gewitter runterkommt. Auch hier gibt es Unsicherheiten. Dieses Mal war es ein besonders schneller Sonnenwind.

Spektakuläre Polarlichter in Bayern: Der Nachthimmel erstrahlt am 19. Januar in leuchtendem Rot und Grün.
Spektakuläre Polarlichter in Bayern: Der Nachthimmel erstrahlt am 19. Januar in leuchtendem Rot und Grün. © imago/Tobias Hartl

Sehr starker Sonnensturm, sehr schneller Sonnenwind. Muss man sich darüber Sorgen machen? 
(Lacht) Angesichts der Probleme, die wir auf dem Erdball haben, ist das, was uns die Sonne momentan mit den Nordlichtern liefert, erst einmal einfach nur ein farbenfrohes Ereignis für unsere Augen. Wir spüren: Wir sind mit dem Universum verbunden. Die technischen Probleme sollten wir denen überlassen, die tagtäglich damit zu tun haben: den Raumfahrt-Organisationen und Satellitenbetreibern. Wir müssen uns darüber keine Gedanken machen.

Warum der Wissenschaftler das Spektakel nicht selbst gesehen hat

Auch nicht über ein kurzzeitig ungenaues GPS-Signal zum Beispiel? 
Nein. Alle, die GPS benutzen, sollten generell immer genau schauen. Wenn man aufgefordert wird, eine Klippe runterzufahren, sollte man das nie machen.

Haben Sie die letzten Polarlichter selbst auch beobachtet?
Nein, ich habe sie nicht gesehen.

Selbst in der beleuchteten Stadt (hier Neuperlach) sind die Polarlichter am 19. Januar zu sehen gewesen.
Selbst in der beleuchteten Stadt (hier Neuperlach) sind die Polarlichter am 19. Januar zu sehen gewesen. © Manuela Saftescu/Volkssternwarte

Oh. Warum?
Abends bin ich oft zu Hause und schaue nicht immer auf die Vorhersage. Ich habe am Thema Polarlichter lange Zeit gearbeitet, habe sie berechnet und auch schon gesehen. Aber dieses Mal nicht.

"Die Sonne ist immer noch in der aktiven Phase"

Haben wir in Bayern demnächst noch mal Chancen?
Das kann sehr wohl sein, ja. Die Sonne ist immer noch in der aktiven Phase. Diese dauert üblicherweise ein bis zwei Jahre. Denn die Sonne hat einen Radius von 700.000 Kilometern. Man würde Monate brauchen, um sie mit dem Flugzeug zu umrunden. Aufgrund ihrer Größe dauern die Vorgänge insgesamt lang, auch wenn einzelne Explosionen schnell verlaufen.

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Was mir persönlich aufgefallen ist: Durchs Handy betrachtet waren die Polarlichter viel spektakulärer. Woran liegt’s? 
Die Empfindlichkeit der Handykameras, was das elektromagnetische Spektrum betrifft, ist größer als beim menschlichen Auge.

Hier kann man Harald Lesch in München das nächste Mal live sehen

Wer den bekannten Wissenschaftler Harald Lesch selbst erleben möchte, hat in München bald Gelegenheit dazu: Er liest am 5. Februar 2026 aus dem Buch "Umlaufbahnen“ von Samantha Harvey, begleitet wird er dabei von der
Soloklarinettistin Alexandra Gruber. Beginn ist um 19 Uhr, Großer Physikhörsaal (N120) der LMU; Geschwister-Scholl-Platz 1.

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  • Nobbse2710 vor 6 Stunden / Bewertung:

    Ein weiterer Grund, warum Prof. Dr. Harald Lesch die Polarlichter verpasst hat: er hat zu dem Zeitpunkt einen seiner genialen Vorträge in der Messestadt zum Thema Klimawandel gehalten. Aus dem selben Grund hab ich auch dieses grandiose Schauspiel verpasst.

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