Münchner Vermisstenfall von 1959: Tamaras Traum vom Filmstar

Mit 19 verschwindet die Münchnerin Tamara Teodorowitsch 1959 spurlos. Einer von Tausenden Vermisstenfällen, die nun im Staatsarchiv verwahrt werden.
| Ralph Hub
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Die Mutter von Tamara hat am 30. Mai 1959 Vermisstenanzeige erstattet. Hier das Originaldokument von damals.
Sigi Müller 2 Die Mutter von Tamara hat am 30. Mai 1959 Vermisstenanzeige erstattet. Hier das Originaldokument von damals.
Bernhard Grau Direktor (l.) und LKA-Präsident Robert Heimberger.
Sigi Müller 2 Bernhard Grau Direktor (l.) und LKA-Präsident Robert Heimberger.

München - Sie träumte von einer großen Karriere als Filmstar. Doch dann verschwand Tamara Teodorowitsch von einem Tag auf den anderen. Ein spektakulärer Vermisstenfall aus dem Frühjahr 1959. Jetzt, 60 Jahre später, hat das LKA die Akte Tamara zusammen mit den Unterlagen anderer Vermisstenfälle an das Bayerische Hauptstaatsarchiv in München übergeben.

Tamara Teodorowitsch hoffte auf den großen Durchbruch beim Film. Sie sollte im "Arzt von Stalingrad" mitspielen. Einem der erfolgreichsten Romane des Bestsellerautors Heinz G. Konsalik. Der Film wurde in den Kinos ein Hit. Für die damals 19-Jährige hätte das der Start einer steilen Karriere beim Film werden können. Doch die Produzenten engagierten im letzten Moment eine andere Schauspielerin für die Rolle.

Vermisstenfall Tamara wird im Stadtarchiv verwahrt

Am 29. Mai 1959 verschwand Tamara Teodorowitsch spurlos. Sie wurde zuletzt gesehen, als sie am Odeonsplatz in einen Opel Kapitän stieg. Ihre Mutter, eine Ärztin, erstattete am nächsten Tag Vermisstenanzeige.

Die Mutter von Tamara hat am 30. Mai 1959 Vermisstenanzeige erstattet. Hier das Originaldokument von damals.
Die Mutter von Tamara hat am 30. Mai 1959 Vermisstenanzeige erstattet. Hier das Originaldokument von damals. © Sigi Müller

Am 6. Juni 1959 wurde Tamara Teodorowitsch tot gefunden. Die Leiche lag an der Wittelsbacherbrücke in der Isar. Entführung? Mord? Tamara Teodorowitsch arbeitete im Institut zur Erforschung der UdSSR. Es gab Spekulationen, sie könne Opfer des russischen Geheimdienstes KGB sein.

Die Obduktion ergab, dass Tamara Teodorowitsch ertrunken ist. Die 19-Jährige, die so gerne in Schwabinger Tanzlokalen feierte, hatte sich aus Verzweiflung über ihre geplatzten Karriereträume das Leben genommen.

2018 verschwanden in Bayern 11.000 Menschen

Einer von mehr als 100.000 Vermisstenfällen, die am Dienstag der Präsident des LKA, Robert Heimberger, dem Hauptstaatsarchiv übergeben hat – 59 Bände, zwei davon waren im Archiv hinters Regal gerutscht. Tausende Seiten, dicht beschrieben, jede Eintragung ein tragisches Schicksal.

1952 verschwanden in Bayern 1.000 Menschen, 1983 wurden bereits 6.420 Vermisste gemeldet, im vergangenen Jahr waren es rund 11.000. Die meisten Vermissten melden sich nach wenigen Tagen wieder, manche werden tot gefunden – oft Selbstmord, oder Opfer von Unfällen. Die Unterlagen werden 30 Jahre bei der Polizei aufgehoben. Die Bände, die am Dienstag übergeben wurden, stammen aus den Jahren 1926 bis 1985.

Bücher der Vermisstenfälle müssen restauriert werden

Die Bücher sind zum Teil in beängstigend schlechtem Zustand. Die Einbände lösen sich auf, manche Seiten sind mit Tesafilm geklebt. Der Bücherleim ist daran schuld, dass sich das Papier verfärbt und aufzulösen beginnt. "Die Bände müssen restauriert und konserviert werden", erklärt Bernhard Grau, Direktor des Archivs. Erst dann können Forscher die Unterlagen auswerten. Besonders die Bände aus der NS-Zeit dürften noch manche Geheimnisse bergen – als die Nazis Menschen zu Tausenden in Konzentrationslager verschleppten.

Bernhard Grau Direktor (l.) und LKA-Präsident Robert Heimberger.
Bernhard Grau Direktor (l.) und LKA-Präsident Robert Heimberger. © Sigi Müller

Die Bände des Archivs können auch von ganz normalen Bürgern eingesehen werden. Jeder, der Ahnenforschung in seiner Familie betreiben möchte, kann sich an das Staatliche Hauptarchiv wenden.


Anmerkung der Redaktion: In der Regel berichtet die AZ nicht über Selbsttötungen. Suizidgedanken sind häufig eine Folge psychischer Erkrankungen, die mit professioneller Hilfe gelindert und geheilt werden können. Bei der Telefonseelsorge gibt es Hilfe: 0800/111 0 111 und 0800/111 0 222.

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