Münchner Start-up Finn: "Die Umsätze haben sich verdoppelt"

Wer einen Neuwagen kaufen will, hat im vergangenen Jahr im Schnitt 44.560 Euro gezahlt, wie Daten des Marktbeobachters Deutsche Automobil Treuhand (DAT) zeigen. Weil viele den Betrag nicht auf einmal berappen können oder wollen, greifen sie aufs Leasing zurück. Eine offenbar beliebte Option: Der Leasing-Anteil an den Gesamtneuzulassungen lag laut dem Bundesverband Deutscher Leasing-Unternehmen (BDL) 2025 bei 52,4 Prozent.
Das Leasing-Prinzip: Verbraucher dürfen das Auto für zwei bis vier Jahre nutzen und zahlen dafür monatlich eine Rate. Eigentümer werden sie jedoch nie, trotzdem haben sie die damit einhergehenden Pflichten: Versicherungen abschließen, in die Werkstatt fahren, um den Tüv kümmern. Das Münchner Start-up Finn bietet auch eine Form des Leasings an, dreht aber an zwei entscheidenden Stellschrauben: Zum einen können Autos nur für sechs Monate gemietet werden. Zum anderen sind in der monatlichen Rate alle Zusatzkosten abgedeckt: Kfz-Steuer, Versicherungsschutz, Wartung und Reifenservice. Obendrauf kümmert sich Finn um den ganzen Papierkram – inklusive Zulassung des Autos. Nur Sprit und Strom müssen die Kunden selbst zahlen.
Finn: "Netflixisierung" des Autos
Finn betreibt eine Art "Netflixisierung" des Autofahrens – das heißt: flexibel zwischen Pkw wechseln können, aber eben nie einen besitzen. Derlei Auto-Abos offerieren auch Sixtplus, Drivio und der ADAC, das Start-up aus München ist jedoch der größte unabhängige Anbieter. Und das, obwohl das Unternehmen erst im Jahr 2019 von einer Gruppe junger Männer gegründet worden ist.
Einer von ihnen ist der 31-jährige Maximilian Wühr, der seit 2023 der CEO des Start-ups ist. Er entspricht dem Bild, das man vom Chef eines jungen Unternehmens hat: Als die AZ per Videocall mit ihm spricht, trägt er ein schlichtes schwarzes T-Shirt mit einem Finn-Aufdruck, das Gesicht ist glatt rasiert. Bevor er eine Antwort gibt, muss er jedes Mal grinsen. Wühr begreift sein Unternehmen als Sportteam: "Man will gemeinsam gewinnen, man will gemeinsam Erfolge feiern, man will gemeinsam die beste Mannschaft auf den Platz stellen."

Wenn er darüber spricht, dass für Egos im Unternehmen kein Platz sei, klingt der CEO auch wie ein mediengeübter Fußball-Trainer. "Man muss es schaffen, das Beste für die Firma zu erreichen. Und wenn ich das nicht mehr bin, dann muss ich gehen", sagt Wühr. Momentan ist er das aber offenbar noch: "Seitdem ich CEO geworden bin, haben sich die Umsätze mehr als verdoppelt, wir sind profitabel geworden und wir haben eine Kundenzufriedenheit, die höher ist denn je." 2022 lag der jährlich wiederkehrende Umsatz (ARR) bei rund 115 Millionen Euro, im Jahr 2024 bei knapp 160 Millionen Euro. Seit vergangenem Jahr ist Finn im operativen Betrieb in den schwarzen Zahlen und bei der Online-Bewertungsplattform Trustpilot hat das Start-up 4,2 von 5 Sternen – das gilt als "gut". Laut Angaben von Finn schließen knapp 70 Prozent der Kunden nach ihrem ersten Abo ein weiteres ab.
Finn-Mitgründer: "Ich wollte einfach nur ein Fahrzeug vor der Tür"
Die Kundenzufriedenheit war auch Wührs persönliche Motivation, warum er ein Start-up mit Fokus auf Autos gründen wollte, obwohl er von denen vorher nicht viel Ahnung hatte. Denn er war rund zehn Jahre selbst unzufriedener Kunde: Während eines Auslandssemesters in den USA brauchte er für ein kleines Budget ein Auto, um von A nach B zu kommen. Das Problem: "Ich war dafür bei mehreren Händlern, mir wurden Sachen aufgeschwatzt und ich musste Experte für Autos werden: Was ist der Restwert? Wie versichere ich das Ganze? Wann ist eine Wartung fällig? Ich wollte mich mit diesen Fragen gar nicht beschäftigen, sondern einfach nur ein Fahrzeug vor der Tür haben."

Finn sollte der Gegenentwurf zu dieser Erfahrung sein. Aus mehr als 140 Modellen und 25 Marken aussuchen, das Auto konfigurieren, die Laufzeit und das passende Kilometerpaket auswählen – und in weniger als fünf Minuten bestellen. Das Auto liefert das Start-up direkt vor die Haustür oder es kann an einer Finn-Station in München, Berlin oder Köln abgeholt werden. "Die Kunden spricht am meisten diese Einfachheit und die Rundum-Sorglosigkeit des Angebots an", sagt Wühr. Wie ihre Daten zeigen, seien sie für viele ihrer Kunden der erste Berührungspunkt zum Thema Neuwagen – eben weil es dabei so viel zu beachten gilt.
Branchenkenner: "Für den breiten Markt ist der Preis entscheidend"
Der typische Finn-Kunde braucht natürlich auch das nötige Kleingeld in der Tasche: Ein BMW X1 ist monatlich ab 408 Euro zu erhalten. In München immerhin im Schnitt eine halbe Nettokaltmiete für eine 40-Quadratmeter-Wohnung. Stefan Bratzel, der Direktor des unabhängigen Mobilitätsforschungsinstituts Center of Automotive Management (CAM), sagt der AZ zu Auto-Abos im Allgemeinen: "Für den breiten Markt ist der Preis weiterhin entscheidend – und dort hat das Auto-Abo strukturelle Nachteile."
Aber: "Bei einer ehrlichen Gesamtkostenrechnung schrumpft der Abstand zum Leasing." Eben weil Versicherung, Steuer und Co. schon enthalten sind. Trotzdem bleibt demnach klassisches Leasing bei Laufzeiten von zwei bis vier Jahren in der Regel günstiger. Bei sechs bis zwölf Monaten könne das Abo hingegen attraktiv sein: "Der Kunde bezahlt letztlich eine Prämie für Flexibilität, Kostensicherheit und weniger Verwaltungsaufwand."

Wühr sagt zum Thema Preise: "Wir wollen kein Dumping machen." Finn orientiere sich an den Marktpreisen und wolle so kompetitiv sein. Mit einem Online-Tool auf der Webseite will das Start-up Kunden zeigen, in welchen Fällen das Auto-Abo preislich Sinn ergibt. Ein Nachteil beim Leasing etwa: "Manche Menschen haben niedrigere Versicherungskosten, viele aber auch deutlich höhere."
CAM-Direktor Bratzel ist der Meinung: "Einen dauerhaften Preiskampf gegen die Hersteller können sie kaum gewinnen." Herstellerbanken besitzen demnach klare Vorteile beim Fahrzeugeinkauf, bei der Finanzierung und teilweise auch bei der Vermarktung der Gebrauchtwagen. Entscheidend für das Überleben als Start-up auf dem Auto-Abo-Markt ist laut Bratzel die Beherrschung der Flottenökonomie – das heißt: aus jedem einzelnen Fahrzeug über die Haltedauer den maximalen Ertrag herauszuholen.
Finn zog sich aus USA zurück
Für Finn geht das Geschäftsmodell bislang auf: Das Unternehmen erreichte im Juni durch eine Series-D-Finanzierungsrunde mit knapp 100 Millionen Euro Eigenkapital Einhorn-Status – so werden Start-ups genannt, die mit einer Milliarde Euro bewertet werden, was als besonders selten gilt. Mit über 300 Millionen Euro jährlich wiederkehrendem Umsatz zählt Finn laut eigenen Angaben zu den am schnellsten wachsenden Unternehmen Europas.
Im Herbst 2019 kauften sie bei einem Opelhändler die ersten 100 Autos. Mit einem Team aus zehn Leuten und etwa 20 Abonnenten fingen sie an. Ein Jahr später erweiterten sie ihr Angebot auf Firmenkunden und kamen zum Jahresende bereits auf 1000 Abonnenten und einen jährlich wiederkehrenden Umsatz von knapp 45 Millionen Euro. Ein Jahr darauf war die Abonnentenanzahl verachtfacht und der jährlich wiederkehrende Umsatz lag bei rund 45 Millionen Euro.

Im selben Jahr folgte auch die Expansion in die USA – die Wühr nach seiner Amtsübernahme als CEO jedoch wieder einkassierte. "Die USA hat als Geschäft grundsätzlich gut funktioniert, aber wir wollten einfach sicherstellen, dass wir profitabel werden", erklärt der CEO. Die USA seien ein sehr großer Markt, der sehr viel Investment erfordere.
Für das nächste Jahr nimmt Finn sich vor, die Kundenerfahrung weiter zu verbessern und organisch weiterzuwachsen. "Idealerweise wollen wir deutlich größere Partnerschaften mit Herstellern, aber auch Leasingbanken und Händlern eingehen, die viel Wert für unsere Partner kreieren." CAM-Direktor Bratzel prognostiziert für die Auto-Abos in den nächsten zehn Jahren in Deutschland einen Anteil von etwa drei bis fünf Prozent an den Pkw-Neuzulassungen. Er sagt: "Das Auto-Abo wird weiter wachsen, aber auf absehbare Zeit kein Massenmarkt wie Leasing oder Finanzierung werden." Es wird also eine Nische bleiben, doch Finn bringt sich in eine gute Position, sie zu dominieren.