Münchner Stadträtin erlebt Hetze gegen Homosexuelle

Als Delegierte der Stadt ist Lydia Dietrich dabei, wie Ultra-Orthodoxe und Nazis in Kiew den Umzug von Schwulen und Lesben verhindern. "Es war ganz furchtbar"  
| Willi Bock
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Heimlich aus dem Auto fotografiert: Rechtsradikale und Vermummte marschieren zum Treffpunkt des CSD.
Lydia Dietrich 3 Heimlich aus dem Auto fotografiert: Rechtsradikale und Vermummte marschieren zum Treffpunkt des CSD.
Ultraorthodoxe demonstrieren mit Fahnen und Kreuzen gegen den CSD.
Lydia Dietrich 3 Ultraorthodoxe demonstrieren mit Fahnen und Kreuzen gegen den CSD.
Lydia Dietrich und Sascha Hübner vertreten München in Kiew.
Lydia Dietrich 3 Lydia Dietrich und Sascha Hübner vertreten München in Kiew.

Als Delegierte der Stadt ist Lydia Dietrich dabei, wie Ultra-Orthodoxe und Nazis in Kiew den Umzug von Schwulen und Lesben verhindern. "Es war ganz furchtbar"

MÜNCHEN/KIEW - Lydia Dietrich ist hart im Nehmen, furchtlos im Stadtrat und gern robust in der Sache. Aber gestern Morgen im Rathaus wirkte sie dann doch erschrocken. Ihr steckte ein beängstigendes Wochenende in den Knochen.

Lydia Dietrich (51) ist in Kiew gewesen, der Münchner Partnerstadt, um dort am ersten Christopher Street Day der Schwulen und Lesben teilzunehmen. Was die Grünen-Stadträtin dort erlebte, war der blanke Hass, Gewaltbereitschaft und Terror gegen Homosexuelle. Eine Hetze, die Angst machte. Manchem in der Ukraine auch Todesangst.

„Das war einfach ganz, ganz furchtbar“,erzählt die bekennende Lesbe der AZ: „Die Menschen, die ich dort aus der Szene getroffen habe, waren völlig am Boden zerstört.“

Sie hatte schon vorher gewusst, dass der Besuch nicht einfach sein würde. Vorigen Mittwoch hatte der Stadtrat beschlossen (nur gegen die Stimme des Neonazis), sie mit dem Psychologen Sascha Hübner als Delegation zum CSD in die ukrainische Hauptstadt zu schicken. Zum ersten Mal war dort ein CSD genehmigt worden. Alle wissen, wie in Osteuropa gegen Homosexuelle gehetzt wird – und dass es gewaltsame Übergriffe gibt.

Darum wurde der CSD in Kiew geheim organisiert. „Wir haben erst am Sonntag um 14 Uhr erfahren, wo er stattfinden soll“, erzählt die Stadträtin. Am Samstag war erst eine Tagung von Homosexuellen. „Ganz weit draußen am Stadtrand in einem normalen Tagungshotel“, so Dietrich: „Das Treffen war getarnt, damit es nicht als eine Veranstaltung der Community bekannt wurde.“

Am Sonntag kam der Schock, als die rund 100 Aktivisten, die an einem abseitigen Platz für den CSD marschieren wollten: Sie sahen sich fast 1000 Gegendemonstranten gegenüber.

„Das waren Nationale, Neonazis, Kosaken und Ultra-Orthodoxe mit Kreuzen“, sagt Dietrich. Und die Polizei? „Die war offenbar nicht gewollt, die Demonstration zu schützen.“ Die Organisatoren bekamen Angst. „Sie waren total erschrocken“, sagt Lydia Dietrich: „Ihnen ging die Sicherheit vor, deshalb sagten sie den Umzug ab.“ Dabei hatten die nur den harten Kern von Aktivisten zum CSD geladen. Die anderen wollten sie vor einer aufgebrachten Meute schützen.

„Die sind schon sehr, sehr mutig“, sagt die Stadträtin. Homosexuelle würden in Osteuropa gehetzt und gehasst: „Wer sich outet, dem droht die Entlassung am Arbeitsplatz oder die Exmatrikulation an der Uni.“ Diskriminierungen sei dort „trauriger Alltag.“ Erst wurde noch überlegt, sich über einen Flashmob an einem anderen Punkt zu treffen. Aber das wurde aus Angst um die Sicherheit der Teilnehmer verworfen. Dietrich: „Überall in der Stadt waren Kosaken und Ultras.“

Die CSD-Organisatoren waren „vollkommen desillusioniert“, erzählt die Stadträtin: „Sie haben das lange vorbereitet und ein Jahr lang auf diesen Tag gewartet.“ Aber der Umzug fiel aus.

Weil Homosexuellen in der Ukraine Angst vor Repressalien haben, zeigt die AZ auf dieser Seite keine Fotos, auf denen sie zu erkennen wären. „Da merkt man erst, wie gut es uns geht“ resümiert die Stadträtin: „Für die Menschen dort war es sehr wichtig dass wir bei ihnen waren. Und ich bin sehr, sehr froh, dass ich da war. Da habe ich erlebt, dass Solidarität etwas bringt.“ So hat der Besuch sie nicht nur erschreckt, sondern auch gestärkt.

Einige der Kiewer werden im Juli zum CSD nach München kommen. Hier werden sie erleben, dass der Tag ein Fest ist – bei dem sogar der Oberbürgermeister mitmarschiert. 

So bunt und schrill feiert München den Christopher Street Day - sehen Sie hier die besten Bilder aus 2011.

 

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