Münchner Schüler erklären: Darum streiken und demonstrieren wir

Auch an diesem Freitag protestieren wieder Jugendliche gegen die Umweltpolitik der Bundesregierung. In der AZ schreiben die Jugendlichen über ihre Ziele und Wünsche – und warum sie das machen.
| Maximilian Neumair
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Béla Selimi
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München - Viel wird über sie geredet, doch nur selten mit ihnen. Das Thema "Schule schwänzen" überschattet oftmals die Anliegen, die bei den Fridays for Future-Demonstrationen vorgetragen werden. Die AZ möchte den Schülern einmal den Raum geben, sich ausführlich zu ihren Zielen und Visionen zu äußern, die sie mit den Freitagsdemonstrationen zum Ausdruck bringen wollen.

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Die AZ bat demonstrierende Schüler um Aufsätze, um genau diese Fragen zu beantworten. Dabei konnten sie aus mehreren Themen wählen. Sie konnten darüber schreiben, was sie persönlich in ihrem Alltag tun, um die Umwelt zu schützen. Welche Maßnahmen sie ergreifen würden, wenn sie selbst Politiker wären. Und es gab die Möglichkeit, einen Brief an Christian Lindner zu schreiben.

Dieser schrieb in einem Tweet: "Von Kindern und Jugendlichen kann man aber nicht erwarten, dass sie bereits alle globalen Zusammenhänge, das technisch Sinnvolle und das ökonomisch Machbare sehen. Das ist eine Sache für Profis." In dem Brief konnten die Münchner Schüler zum Beispiel erklären, warum der Klimaschutz nicht "profi-exklusiv" ist. Und das taten sie auch gleich ziemlich überzeugend.

In der AZ erklären Münchner Schüler, weshalb sie für das Klima auf die Straße gehen:

Béla (17): "Zusammen Lösungen schaffen!"

Béla Selimi
Béla Selimi © privat

Als Politiker würde ich den Klimawandel zum Problem Nr.1 der heutigen Gesellschaft erklären. Wenn wir jetzt falsche Prioritäten setzen und die Klimakrise hintenanstellen, wird der Klimawandel Ursache für noch mehr Migration, zum Beispiel durch Umweltkatastrophen, und weitere Probleme wie Krieg aus Hunger sein. Deutschland sollte beim Thema Klimaschutz ein Vorbild werden!

Die bedeutendste Maßnahme, für die ich mich einsetzten würde, wäre der Ausbau erneuerbarer Energien. Vor allem in Errichtung und Weiterentwicklung neuer Systeme wie Offshore Windräder, Solarparks und Geothermieanlagen würde ich stark investieren. Zudem denke ich, dass wir bei der Stromgewinnung durch erneuerbare Energien auch unbedingt auf mehr Globalisierung setzen sollten, da wir z.B. Solarenergie besser in südlichen und Windenergie besser in nördlichen Ländern gewinnen können. Ich würde mich für den Ausbau des ÖPNV einsetzen, um die Anzahl der Autos zu senken. Da die meisten Pendler sowieso das selbe Ziel haben, könnten diese zusammen in Bussen fahren.

Eine weitere Maßnahme für mehr Klimaschutz wäre jegliche Verwendung von Kunststoffen gesetzlich zu verringern. Kunststoffabfälle sind ein großes Problem für Tiere und vor allem für Meeresbewohner. Es gibt Berechnungen, dass 2050 der gesamte Plastikmüll in den Weltmeeren mehr wiegen wird, als alle Fischschwärme zusammen. Kunststoffe bauen sich nur sehr langsam ab. Folglich haben wir mit dem Problem der Kunststoffabfälle noch sehr lange zu tun und sollten es somit so gering wie möglich halten. Das Wichtigste ist jedoch, dass die Welt gemeinsam hilft, die Klimakrise zu lösen und die reichen Länder den armen Ländern dabei unter die Arme greifen. Wir müssen mehr miteinander arbeiten und zusammen Lösungen schaffen!

Béla Selimi

Barbara (18): "Jeder kann etwas tun"

Barbara Manhart
Barbara Manhart © privat

Sehr geehrter Herr Lindner, warum Maßnahmen gegen den Klimawandel notwendig sind? Weil wir als Menschen, als Lebewesen, auf Lebensgrundlagen angewiesen sind. Wir brauchen Sauerstoff, Nährstoffe, Wasser und Wärme. Wir brauchen einen Boden, auf dem wir stehen können. All diese Dinge stellt uns der Planet umsonst zur Verfügung.

Und womit danken wir es ihm? Damit, dass wir ihn ausmerzen, an unseren wirtschaftlichen "Profit" denken. Anstatt darauf zu bauen, dass wir eines Tages den Mars besiedeln werden, könnten wir auch daran arbeiten, das zu erhalten, was uns die Natur gibt. Wir schaden mit unserem Verhalten nicht nur uns selbst, sondern auch dem Tierreich. Wir überfischen die Ozeane, holzen Wälder ab und verpesten den Boden. Damit beeinträchtigen wir komplexe und sensible Ökosysteme, deren Zerstörung möglicherweise irreversibel ist.

Um diese Zerstörung einzudämmen, braucht es meiner Meinung nach zwei Dinge: Individuelles Engagement und eine Politik mit Rückgrat. Individuelles Engagement muss nicht heißen, dass man nicht mehr in den Urlaub fährt oder sich vegetarisch ernährt. Es geht darum, sukzessive Dinge zu verändern und sich die Bereiche herauszusuchen, in denen es für einen persönlich möglich ist, etwas umzustellen.

Ich persönlich habe beispielsweise Plastik aus meinem Bad verbannt. Ich besitze eine Zahnbürste aus Bambus, nutze feste Zahnpasta, eine Haar- und Körperseife und selbstgemachtes Deo. Dafür schränke ich mich in meinem Buchkonsum weniger ein, weil mir Bücher sehr am Herzen liegen. Trotzdem versuche ich auch in diesem Bereich, nachhaltig zu handeln, indem ich Secondhandbücher kaufe, oder Bücher tausche.

Nach meinem Abitur hätte ich die Möglichkeit gehabt, nach Hawaii oder nach Fuerteventura zum Surfen zu fliegen. Ich persönlich habe Portugal für mich entdeckt. Dort kann ich auch surfen gehen, ohne davor fliegen zu müssen. Ich werde den Nachtzug nehmen, denn ich habe es nicht eilig, wenn ich in den Urlaub fahre.

Doch der Klimawandel schreitet voran, und in diesem Fall ist Eile geboten. Ohne Restriktionen, welche die Politik vorantreibt, wird auch das größte individuelle Engagement untergehen, weshalb ich Sie dazu auffordere, nicht länger die Augen und Ohren vor Menschen wie mir zu verschließen, die – wie Sie hoffentlich erkennen können – doch nicht so unwissend sind, wie Sie sie gerne hätten.

Mit freundlichen Grüßen,

Barbara Manhart

Mira (18): "Es geht um Chancen!"

Mira Vaassen
Mira Vaassen © privat

Die Frage, wie man sein umweltpolitisches Engagement von der Straße in seine Wohnung verlagern kann, ist ebenso wichtig wie die Teilnahme an den Demos selbst. Fast jede Entscheidung zieht Konsequenzen für die Umwelt nach sich. Für die Umsetzung dieses Bewusstseins braucht es eine neue Einstellung zu Konsum. Mit 17 setzte ich mich mit den Folgen unserer Lebensweise für die Umwelt auseinander und begann vegan zu leben. So leicht mir meine Ernährungsumstellung fiel, umso schwerer tat ich mir mit dem Umstieg von Fast- auf Fair-Fashion. Lange waren die günstigen Angebote von H&M und Co zu verlockend, um sie aufzugeben.

Meine Familie hat seit Jahren kein Auto mehr, weswegen die Nutzung des ÖPNV Alltag für mich ist. Zudem verwenden wir schon länger Stoffbeutel anstelle von Plastiktüten. Mein Ziel besteht momentan darin, öfter verpackungsfrei einzukaufen und Dinge wie Kosmetik vermehrt selbst herzustellen. Es braucht nicht nur Veränderung in der Politik, sondern auch in der Lebensweise der Bevölkerung. Das verlangt ein positiveres Bild von Umweltbewusstsein: es geht vielmehr um Chancen als um Verzicht!

Mira Vaassen

Julia (20): "Es geht vor allem um unsere Zukunft"

Julia Bogendörfer
Julia Bogendörfer © privat

Sehr geehrter Herr Lindner, durch Treibhausgasemissionen haben die Gletscher in den Alpen bereits jetzt schon die Hälfte ihrer Masse und ein Drittel ihrer Fläche verloren. Gehen diese Trinkwasserreservoirs verloren, kann es laut Greenpeace auch in Europa zu Trinkwassermängeln kommen.

2016 lag Deutschland in Sachen CO2-Ausstoß weltweit auf Platz sechs. Durch den Abbau von Braunkohle werden stündlich 900 bis 1200 Gramm CO2 ausgestoßen, bis 2030 sind das über 115.600 Tonnen. Die bereits aufgeführten Folgen werden noch extremer und können dann nicht mehr rückgängig gemacht werden.

Seit Monaten versucht "Fridays for Future", die Politiker auf diese Probleme aufmerksam zu machen. Es geht vor allem um unsere Zukunft. Auf einem Ihrer Wahlplakate von 2017 stand "Schulranzen verändern die Welt. Nicht Aktenkofer. Denken wir neu."

Und genau das wollen wir Schüler mit Ihnen zusammen tun. Wenn Sie uns ernst nehmen und endlich entsprechend handeln, werden auch Sie ernst genommen. Nicht nur jeder Einzelne muss etwas für die Umwelt tun, sondern es braucht auch wegweisende Gesetze aus der Politik für die Industrie! Bitte denken Sie darüber nach und handeln Sie. Gemeinsam mit uns.

Danke für Ihre Zeit,

Julia Bogendörfer

Hedwig (20): "Es kommt auf die Mutigen an"

Hedwig Vidal
Hedwig Vidal © privat

Sehr geehrter Herr Lindner, laut Ihnen ist Klimaschutz eine Sache für Profis. Für jene, denen Sie technisches und ökonomisches Verständnis zusprechen und die Ihrer Meinung nach globale Zusammenhänge erfassen können.

Über 12.000 Wissenschaftler, eben oben genannte Profis, haben sich kürzlich der Fridays for Future Bewegung angeschlossen. Seit Jahren warnen Wissenschaftler aus aller Welt vor den Folgen eines ungebremsten Klimawandels und heben immer wieder die Dringlichkeit eines Eingreifens durch die Politik hervor. Doch noch immer finden sie scheinbar wenig Gehör, wie die Reaktionen aus der Politk zeigen.

Stattdessen schenkt man der Autoloby Aufmerksamkeit. Nach eigener Aussage verlassen Sie sich auf zukünftige Technik, die es vielleicht geben könnte, aber auf die sich die Weltgemeinschaft nicht verlassen kann. Wir fordern ein Aufwachen und ambitioniertes Aktivwerden im Kampf gegen den Klimawandel!

Wir kämpfen für eine lebenswerte Zukunft – für uns und zukünftige Generationen! Es kommt auf die Mutigen an, die sich einsetzen. Seien auch Sie mutig! Wir und zukünftige Generationen werden es Ihnen danken.

Mit den besten Grüßen,

Hedwig Vidal

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