Interview

Münchner Pflegerin über ihren Job-Ausstieg: "So gefährden wir die Patienten"

Lea Vinojcic kann nicht mehr. Sie hat ihren Job als Pflegerin in einer städtischen Klinik gekündigt. Ein Gespräch über Fallpauschalen, gefährdete Patienten und Arbeit, die man nicht mehr aushält.
| Laura Meschede
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"Ich verdiene bald weniger, aber das ist nicht so wichtig": Lea Vinojcic hat im städtischen Klinikum gekündigt.
"Ich verdiene bald weniger, aber das ist nicht so wichtig": Lea Vinojcic hat im städtischen Klinikum gekündigt. © Daniel von Loeper

AZ-INTERVIEW mit Lea Vinojcic. Sie hat sieben Jahre als Pflegerin in der Unfallchirurgie in Harlaching gearbeitet.

AZ: Erinnern Sie sich noch an den Moment, an dem Sie entschieden haben zu kündigen?
LEA VINOJCIC: Das war eine spontane Entscheidung. Vor zwei oder drei Wochen war ich in der Arbeit, und es war mal wieder vollkommenes Chaos auf der Station. Die Klingel, mit der nach uns Pflegekräften gerufen wird, hat unablässig geschrillt. Ich musste Patienten herumfahren; ein paar davon waren dement, was eigentlich bedeutet, dass es mehr Zeit braucht, sich um sie zu kümmern. Aber diese Zeit gab es nicht. Ich war im Stress, wollte helfen, hatte aber keine Zeit dafür. Und dabei die ganze Zeit das Geklingel. Da dachte ich plötzlich: "Okay, jetzt langt's. Ich wechsle den Beruf." Kurz darauf habe ich gekündigt.

Ein radikaler Schritt.
Ich habe einfach gemerkt, dass es für mich so nicht weitergehen kann. Ich bin Krankenpflegerin geworden, weil ich den Leuten helfen wollte. Aber es ist keine Hilfe, wenn man selber krank wird. Der Beruf hat mir eine Depression beschert. Ich kann das nicht mehr.

"Das größte Problem sind die Personaluntergrenzen"

Meinen Sie den Stress wegen Corona?
Corona hat alles schlimmer gemacht, aber die Depressionen habe ich schon vor Corona bekommen. Dann kam die erste Welle, und es hat sich nichts geändert. Jetzt haben wir die zweite Welle, und wieder sind alle vollkommen überfordert. Neuerdings helfen zwei Soldaten bei uns auf der Station aus, geben Essen aus und so etwas. Ich kann nicht sagen, dass sie nicht helfen - aber eine große Entlastung ist das auch nicht, sie sind ja überhaupt nicht dafür ausgebildet. Aber die Pandemie ist eine Ausnahmesituation, dafür habe ich Verständnis. Ich habe nur keine Hoffnung, dass danach irgendetwas besser werden wird.

Was müsste sich ändern?
Das größte Problem sind die Personaluntergrenzen. Wir haben einfach zu viele Patienten zu betreuen. Aber auch die Organisation ist problematisch. Das ist hier in Harlaching besonders schlimm. Die Planung ist beispielsweise: Morgen wird ein Patient vielleicht entlassen. Vielleicht! Und dann kommt die Visite, und plötzlich wird nicht nur einer, sondern werden sieben Leute entlassen. Das bedeutet, es kommen sieben neue. Früher wussten wir so etwas einen Tag vorher und konnten es vorbereiten. Aber jetzt. . .

Jetzt nicht mehr?
Nein. Und wir dürfen auch bei keiner Entscheidung wirklich mitreden. Wir können nicht sagen, dieser Patient sollte nach Hause gehen dürfen oder eben noch nicht. Nicht einmal die normalen Ärzte dürfen das. Und dann wird in erster Linie auf das Geld geschaut.

"Nachts Patienten alleine zu lassen, das ist lebensgefährlich"

Wie zeigt sich das?
Zum Beispiel, wenn Patienten bei uns auf der Station eine internistische Krankheit entwickeln, eine Kombination aus Nieren- und Herzkrankheiten. Meiner Meinung nach bräuchten die Patienten dann eine spezialisierte Behandlung, sie müssten verlegt werden. Aber man möchte das nicht, weil man sonst das Geld für die Patienten teilen müsste. Also bleiben die Patienten bei uns auf der Station. Unter solchen Bedingungen will ich niemandem helfen, das ist keine Hilfe. Das Prinzip der Fallpauschalen, das alles nur auf das Geld reduziert, gefährdet die Patienten. Es führt auch dazu, dass immer wieder nachts OPs durchgeführt werden.

Warum ist das ein Problem?
Nachts sind oft die Krankenschwestern allein mit 20 Patienten auf einer Station. Wenn dann operiert wird, muss sie die Station für mindestens 15 Minuten verlassen, um den Patienten aus dem Aufwachraum zu holen und auf Station zu fahren. In der Zeit muss sie alle anderen alleine lassen. Das ist lebensgefährlich.

Ist das nur im Harlachinger Krankenhaus so?
Nein, überall. Vor ein paar Tagen habe ich in der Nähe meiner Wohnung einen Patienten aus dem Klinikum Neuperlach gefunden, neben dem ich wohne. Es war halb drei in der Nacht. Der Mann lag auf dem Feld, fast nackt, dement und desorientiert. Er war aus dem Krankenhaus abgehauen und gestürzt und konnte sich nicht mehr bewegen. Ich habe dann mit ihm in der Kälte gewartet, bis der Rettungsdienst kam. Da kam dann auch gleich eine Kollegin, die ihn schon vermisst hatte. Gerade bei dementen Patienten kann man einfach nicht auf alle gleichzeitig aufpassen. Hätte ich den Mann nicht gefunden, wäre er vielleicht erfroren.

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Es wird häufig beklagt, dass viele Chefärzte in Deutschland wirtschaftliche Zielvorgaben bekommen und damit dazu animiert werden, Entscheidungen nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten zu treffen. Ist das der Kern des Problems?
Nein, das Problem geht tiefer. Das ganze Krankenhaus funktioniert nach kapitalistischen Prinzipien, über die Fallpauschalen-Abrechnung wird alles nur auf das Geld ausgerichtet. Alle wollen nur sparen. Auch die Krankenkassen.

Inwiefern?
Wir müssen ganz viele Dinge danach ausrichten, dass die Krankenkassen auch zahlen. Zum Beispiel bei Patienten mit Radiusfrakturen: Die könnten oft rein medizinisch gesehen nach zwei bis drei Tagen wieder gehen. Aber wenn das alte Leute sind, um die sich niemand kümmern kann, dann ist es besser, wenn sie noch ein paar Tage länger bleiben. Dann verschreiben die Ärzte häufig Schmerzmittel-Infusionen, damit die Krankenkasse ihren Aufenthalt weiter übernimmt. Wenn die Leute keine Infusionen wollen, dann ist es eigentlich nötig, trotzdem zu unterschreiben, dass sie Infusionen bekommen haben, sonst müssten sie das Krankenhaus verlassen - oder sie bleiben auf den Kosten sitzen. Das ist doch absurd.

"Ich will einen Beruf, der mich nicht krank macht"

Vor ein paar Monaten gab es große Streiks in den Münchner Krankenhäusern. Waren Sie dabei?
Natürlich. Das war auch sehr gut, der Streik. Aber die grundsätzlichen Probleme sind geblieben: Es gibt weiter einfach viel zu wenig Personal. Kürzlich war ich für ein Bewerbungsgespräch in der Charité in Berlin. Da wurde mir gesagt, nachts sei bei ihnen eine Schwester für 30 Patienten zuständig - zusammen mit einem einzigen Pflegehelfer, der dazu noch eine andere Station mitbetreuen muss. Da habe ich gedacht: Okay, das ist nichts für mich, dieser Beruf ist einfach nicht für mich geeignet.

Und jetzt?
Ich habe eine Stelle als Krankenschwester in Berlin gefunden. Parallel dazu werde ich eine Ausbildung als Fitnesstrainerin machen. Die dauert 18 Monate. Bis sie fertig ist, werde ich noch im Krankenhaus arbeiten - aber danach nie wieder.

Eine Ausbildung und Arbeit im Krankenhaus gleichzeitig? Wie machen Sie das denn zeitlich?
Ich habe mich bei einer Zeitarbeitsfirma beworben, weil ich da nur Frühdienste machen muss. Keinen Spätdienst, keine Wochenenddienste, da kann ich parallel die Ausbildung machen. So verdiene ich zwar erst einmal knapp 400 Euro weniger als vorher. Aber das Geld ist nicht so wichtig für mich. Viel wichtiger ist es, in einem Beruf zu arbeiten, der mich nicht krank macht. Und da bin ich nicht die Einzige.

Woran sehen Sie das?
Vor ein paar Tagen habe ich die Jobbörse bei uns im Harlachinger Krankenhaus durchgeklickt, und jede Station sucht Personal. Einfach jede. Aktuell gibt es fast 200.000 Diplom-Pflegekräfte in Deutschland, die nicht mehr in dem Beruf arbeiten. Und nach Corona werden noch mal so viele Leute diesen Beruf verlassen, da bin ich mir eigentlich sicher. Was man da alles erlebt, das kann kein Geld der Welt aufwiegen. So lange der Stress so groß ist, werde ich auch nie wieder in diesen Beruf zurückgehen.

AZ fragt nach: Was die Klinik zur Kritik sagt

Angesprochen auf die Thesen aus dem Interview teilt eine Sprecherin der städtischen München Klinik mit: "Die München Klinik ist der größte Notfallversorger der Stadt und übernimmt als kommunales und gemeinnütziges Haus Verantwortung in elementaren Versorgungsbereichen wie der Geburtshilfe, der Versorgung schwerkranker Kinder, Erwachsener und älterer Patienten. In der Pandemie trägt die München Klinik darüber hinaus gemeinsam mit weiteren öffentlichen und freigemeinnützigen Häusern den Großteil der Versorgung schwerkranker Covid-Patienten. All diese Bereiche der Daseinsvorsorge stellen das Gemeinwohl in den Mittelpunkt und werden im Gesundheitssystem nicht ausreichend vergütet. Die München Klinik arbeitet dabei nicht mit Anreizsystemen zur Gewinnmaximierung. Kommunale Krankenhäuser haben das Patientenwohl im Fokus und im wirtschaftlichen Bereich eine schwarze Null – also keine Gewinne."

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