Münchner Pflegekräfte streiken am Freitag

Etwa 700 Pfleger und Krankenschwestern wollen sich heute unter der Bavaria versammeln - in den Klinken arbeitet eine Notfallbesetzung.
| Nina Job
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Pflegekräfte fordern bessere Bezahlung und verbesserte Arbeitsbedingungen. (Symbolbild)
Pflegekräfte fordern bessere Bezahlung und verbesserte Arbeitsbedingungen. (Symbolbild) © Christoph Schmidt/dpa/Symbolbild

München - Zu Beginn der Pandemie wurden sie beklatscht und besungen: Krankenschwestern und Pfleger. Doch von der Anerkennung und dem Dank für die Menschen, die täglich Kranke oder auch Sterbende pflegen, ist nicht mehr viel zu spüren.

Durch Corona steigt die Arbeitsbelastung weiter

Vom Staat gab's zum Dank einen einmaligen Bonus. An den Arbeitsbedingungen hat sich nichts verbessert - im Gegenteil. Die Belastungen seien durch Corona noch gestiegen, berichten Krankenschwestern.

Die Gewerkschaft Verdi hat zu Warnstreiks aufgerufen. Ende August sind die Tarifverträge mit den kommunalen Arbeitgebern ausgelaufen. Eine Verschiebung der Tarifrunde in Verbindung mit einer weiteren Einmalzahlung über 1.500 Euro wurde von der Arbeitgeberseite abgelehnt. Verdi-Geschäftsführer Heinrich Birner: "Nun laufen wir in eine normale Tarifrunde mitten in Corona-Zeiten. Eine Nullrunde lassen wir nicht zu."

Bis zu 700 Pflegekräfte auf der Theresienwiese

Am Freitag und am kommenden Montag werden auch Pflegekräfte streiken. In den betroffenen Krankenhäusern mussten nicht lebenswichtige Operationen verschoben werden. Notfallpläne sorgen aber dafür, dass alle Patienten versorgt werden.

Die Streikenden versammeln sich von 7.30 bis 9.30 Uhr auf der Theresienwiese. Wegen der Hygieneregeln sollen es maximal 700 werden.

Hier berichten drei Krankenschwestern, eine Hebamme und ein Koch aus der städtischen München Klinik von ihrer Arbeit.

Hebamme: "So geht's nicht weiter!"

Charlotte Gestrich (25) ist Hebamme im Neuperlach.
Charlotte Gestrich (25) ist Hebamme im Neuperlach. © privat

Charlotte Gestrich: "Wir alle in der Pflege arbeiten extrem viel und hart und verdienen gemessen daran relativ wenig. Es kann nicht so weitergehen, dass so viele ihre Ausbildung abbrechen oder ihren Beruf aufgeben. Es steht auf der Kippe, ob unser Gesundheitssystem auch künftig gute Pflege gewährleisten kann.

Ich finde es wichtig, gerade jetzt zu streiken, denn wir sind durch Corona noch mehr belastet. In meinem Arbeitsbereich sind die Fallpauschalen sehr niedrig. Das bedeutet: Eine Geburt bringt der Klinik finanziell nicht viel. Doch in unserem profitorientierten System bemisst sich daran die Anzahl der Personalstellen. Ich habe heute frei, sonst könnte ich nicht zur Streikversammlung gehen. Im Kreißsaal kann es keine Notbesetzung geben. Geburten kann man nicht verschieben."

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Krankenpflegerin: "Ich bin oft verzweifelt"

Kinga Sebök (25), arbeitet seit etwa eineinhalb Jahren als Krankenpflegerin im Klinikum Harlaching.
Kinga Sebök (25), arbeitet seit etwa eineinhalb Jahren als Krankenpflegerin im Klinikum Harlaching. © Sigi Müller

Kinga Sebök: "Wir haben viel mitgemacht durch Corona. Meine ganze Station ist von einer Woche auf die andere zur Pandemie-Station geworden. Wir hatten alle große Angst davor, uns anzustecken. Aber es haben sich nur wenige Kollegen versetzen lassen. Der Druck war enorm.

Wie die Krankheit verläuft, war ja anfangs für die ganze Welt neu. Wir hatten auch Todesfälle. Wir haben unsere eigene Gesundheit aufs Spiel gesetzt. Wenn die Welt untergeht - wir müssen funktionieren. Ich möchte nicht undankbar sein, wir haben einen einmaligen Bonus von 500 Euro bekommen, es gab Essen von der Lufthansa und Applaus - den ich persönlich allerdings nicht gehört habe. Doch das reicht einfach nicht.

Ich wünsche mir dauerhaft mehr Anerkennung und Wertschätzung. Wir brauchen mehr Lohn und bessere Arbeitsbedingungen! Weil unser Beruf so unattraktiv ist, möchte keiner in der Pflege arbeiten. Deshalb haben wir so wenig Personal. Wir sind nur Menschen, auch wir Jungen sind irgendwann erschöpft. Ich bin oft verzweifelt. Unser Beruf hat keine Zukunft, wenn es so weitergeht."

Vom Koch zum Austeiler

David Belkacemi (53) arbeitet seit 35 Jahren im Schwabinger Krankenhaus als Koch.
David Belkacemi (53) arbeitet seit 35 Jahren im Schwabinger Krankenhaus als Koch. © Bernd Wackerbauer

David Belkacemi: "Ich arbeite seit 35 Jahren im Schwabinger Krankenhaus, die Sparmaßnahmen der letzten Jahrzehnte machen viel kaputt. Mir macht die Entwicklung Sorge. Ich streike vor allem für die Kollegen aus der Pflege, die jetzt schon komplett überbelastet sind. Es muss mehr Geld in die Pflege investiert werden, die Menschen werden immer älter und alle müssen gut versorgt werden.

Die Sparmaßnahmen betreffen meinen Bereich übrigens auch: Früher waren wir zehn Köche und haben frisch gekocht. Wir hatten eine eigene Bäckerei, Konditorei und eine Metzgerei. Wenn meine Mutter bei uns in der Klinik war, hat sie immer gesagt, wie gut das Essen hier ist. Seit zwei Jahren kochen wir nicht mehr selbst, das Essen wird fertig geliefert, wir packen es nur noch aus und verteilen es."

"Kolleginnen haben Alpträume und Depressionen"

Lea Vinojcic (28) ist Krankenpflegerin in Harlaching.
Lea Vinojcic (28) ist Krankenpflegerin in Harlaching. © Sigi Müller

Lea Vinojcic: "Unser Beruf ist körperlich und psychisch sehr belastend. Wir kommen oft an unsere Grenzen. Tagsüber können wir kaum Pause machen. Meist ruft nach fünf bis zehn Minuten schon wieder jemand. Ich komme öfters gar nicht zum Essen. Eigentlich steht uns eine Pause von 30 Minuten zu, sie wird auch von der Arbeitszeit abgezogen, aber wir werden eigentlich immer gestört, weil Patienten nach uns klingeln und wir einfach zu wenige sind. Die Station verlassen dürfen wir in der Pause nicht. Im Nachtdienst ist eine einzige Krankenschwester für 21 Patienten zuständig, obwohl es nach neuem Gesetz eigentlich maximal 20 sein dürften.

Alle wissen, dass eine Schwester zu wenig ist, aber es ändert sich nichts. Gleichzeitig wird für uns der Pflegeaufwand immer höher, da sich die Patientenstruktur ändert: Es kommen immer mehr ältere Patienten, die unter Demenz oder Alzheimer leiden. Das erschwert natürlich die Pflege für uns. Nach Dienstschluss müssen wir oft länger bleiben, weil wir ja eine Übergabe machen müssen. Das wird aber auch nicht bezahlt.

Ich helfe gern Menschen, ich mag den Kontakt und gebe meine Erfahrungen gern weiter. Aber es ist immer zu wenig Zeit. Helfen mit Qualität - das geht heute oft unter. Alle erwarten etwas, ständig geht die Klingel. Von manchen Kollegen höre ich, dass sie zu Hause noch lange die Patientenklingel im Ohr haben. Es gibt auch viele, die nachts Alpträume haben oder sogar Depressionen bekommen."

„Seit Corona haben wir so viel zu tun wie selten zuvor“

Maria Schön arbeitet seit 30 Jahren als Krankenschwester auf der Krebs-Station in Harlaching.
Maria Schön arbeitet seit 30 Jahren als Krankenschwester auf der Krebs-Station in Harlaching. © privat

Maria Schön arbeitet seit 30 Jahren als Krankenschwester auf der Krebs-Station (Onkologie) in Harlaching: „Mein Beruf ist hochkomplex. Ich habe täglich mit Schwer- und Schwerstkranken zu tun. Ich bin auch bei der Sterbebegleitung dabei. Teilweise übernehmen wir auch ärztliche Aufgaben. Fehler kann man sich nicht leisten.

Die Pflege steht nicht gut da. Ich habe früher auch schon gestreikt. Im Laufe der Jahrzehnte ist es eher schlimmer als besser geworden. Trotzdem hätte ich den Patienten gegenüber ein schlechtes Gewissen gehabt, jetzt zu streiken. Ich mach’s nur, weil ich im Urlaub bin.
Seit Corona haben wir so viel zu tun wie selten zuvor. Da in unserer Klinik zwei Pandemiestationen eingerichtet worden sind, haben wir auch Patienten aus anderen Fachbereichen bekommen.  Für mich ist am allerbelastendsten, dass ich nicht genügend Zeit habe, um mich richtig um die Pflegefälle zu kümmern. In der Krankenpflege ist die Mobilisation sehr wichtig, damit die Patienten wieder selber auf die Beine kommen. Aber die Zeit ist immer knapp. Es geht schneller, einen Patienten in den Rollstuhl zu setzen und zur Toilette zu schieben, als wenn ich ihn zu Fuß begleite. Es geht auch schneller, ihn im Bett zu waschen – dabei würde ich ihn lieber ins Bad begleiten und ihm dabei helfen, sich selbst zu waschen.
Wenn jemand eine Krebsdiagnose bekommt, möchte er reden, oft sind das sehr tiefe Gespräche. Wenn es dann dauernd klingelt und du wegmusst, frustriert das sehr. Ich kenne ja viele meiner Patienten seit Jahren. Da baut sich eine Beziehung auf. Manchmal parken wir unsere Patienten am Gang, während das Zimmer gemacht wird. Dann höre ich oft: ,Sie sind ja die ganze Zeit am Flitzen! Sie sind ja nur unterwegs.’
Pünktlich raus komme ich eigentlich nie. Ich muss fast immer noch 30 bis 45 Minuten länger bleiben. Das läppert sich, was da in 30 Jahren an Freizeit verlorengeht.

Zum Pausemachen bleibt auch kaum Zeit. Meist esse ich nur schnell zwischendurch im Stehen. Wenn die Stationsassistentin ausfällt, müssen wir auch noch deren Aufgaben übernehmen und das Essen austeilen, die Nachttische wischen und das Lager einräumen. Das soll jetzt bitte keiner falsch verstehen, aber ein Manager muss auch nicht die Toiletten putzen, wenn die Putzfrau ausfällt. – Einiges muss einfach grundsätzlich anders geregelt werden! Leider kommt derzeit zu wenig qualifiziertes Personal nach. Wenn es dann auch noch Verständigungsprobleme gibt, macht es das zusätzlich schwierig für uns.

Reich wird man nicht in meinem Beruf, aber ich finde, dass wir nicht so schlecht verdienen. Allerdings habe ich schon viele Dienstjahre auf dem Buckel und bin verheiratet. Wenn man allein lebt in München, ist das was anderes.“ 

Keine Zeit für die Patienten

Wenn jemand eine Krebsdiagnose bekommt, möchte er reden, oft sind das sehr tiefe Gespräche. Wenn es dann dauernd klingelt und du wegmusst, frustriert das sehr. Ich kenne ja viele meiner Patienten über Jahre. Da baut sich eine Beziehung auf. Manchmal parken wir unsere Patienten am Gang, während das Zimmer gemacht wird. Dann höre ich oft: ,Sie sind ja die ganze Zeit am Flitzen! Sie sind ja nur unterwegs.’ Pünktlich raus komme ich eigentlich nie. Ich muss fast immer noch 30 bis 45 Minuten länger bleiben. Das läppert sich, was da in 30 Jahren an Freizeit verloren geht.

Zum Pause machen, bleibt auch selten Zeit. Meist esse ich nur schnell zwischendurch im Stehen. Und wenn die Stationsassistentin ausfällt, müssen wir auch noch deren Aufgaben übernehmen und das Essen austeilen, die Tische wischen oder das Lager einräumen. Das soll jetzt bitte keiner falsch verstehen, aber ein Manager muss auch nicht die Toiletten putzen, wenn die Putzfrau ausfällt. – Einiges muss einfach grundsätzlich anders geregelt werden!

Leider kommt derzeit oft nur wenig qualifiziertes Personal nach. Wenn die Neuen nicht gut Deutsch sprechen können, macht es das für uns zusätzlich schwierig. Reich wird man nicht in meinem Beruf, aber ich finde, dass wir nicht so schlecht verdienen. Allerdings habe ich schon viele Dienstjahre auf dem Buckel und bin verheiratet. Wenn man allein lebt in München, ist das was anderes.“ 

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