Münchner Kaufhof-Aus: Trauer und Wut in der Stachus-Filiale

Die Traditions-Filiale kann nicht mehr gerettet werden. Die AZ hat sich vor Ort umgehört – und verzweifelte Mitarbeiter und Betriebsräte getroffen, die nicht wissen, was jetzt kommt.
| Laura Meschede
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Die Kaufhof-Filiale am Stachus soll geschlossen werden.
Daniel von Loeper 2 Die Kaufhof-Filiale am Stachus soll geschlossen werden.
Nochmal die Auslage verändern. Jetzt ist Ausverkauf.
Laura Meschede 2 Nochmal die Auslage verändern. Jetzt ist Ausverkauf.

München - "Es ist so schlimm, ich will eigentlich nicht mehr darüber reden", sagt eine Frau um die 60, die im Erdgeschoss der Kaufhof-Filiale am Stachus Regale einräumt. Sie hat ihre Ausbildung bei Kaufhof gemacht, mehrere Jahrzehnte ist das her, und seitdem für den Konzern gearbeitet. Mehr als 40 Jahre lang.

Jetzt wird sie entlassen werden. So wie fast alle Mitarbeiter hier. "Aber für die Rente ist es auch noch ein bisschen früh", sagt sie. "Das ist das Problem."

Kaufhof-Aus: "Großer Sortiments-Abverkauf"

Im Oktober wird die Kaufhof-Filiale am Stachus dicht machen. Endgültig. Bis zuletzt hatten die Angestellten noch gehofft, dass die Schließung verhindert werden könnte. Noch am Freitag hatten sie sich mit Plakaten und Sprechchören vor dem Gebäude versammelt und für die Zukunft ihres Arbeitsplatzes demonstriert.

Am Dienstag wurde bekannt: Die Verhandlungen zwischen "Galeria"-Eigentümer René Benko, seinem Vermieter Michael Zechbauer und Oberbürgermeister Dieter Reiter sind beendet. Das Traditionsgeschäft macht zu.

Am Mittwochmorgen hat sich die Nachricht bereits verbreitet. Überall in der Filiale werden Plakate aufgehängt. "Großer Sortiments-Abverkauf", steht darauf. Und: "Wir schließen diese Filiale".

Nochmal die Auslage verändern. Jetzt ist Ausverkauf.
Nochmal die Auslage verändern. Jetzt ist Ausverkauf. © Laura Meschede

Kaufhof-Aus: Verhandlungen um Rettung scheitern

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verteilen Zettel, auf denen in großen Buchstaben die Höhe der Rabatte angekündigt wird, zehn Prozent, 15 Prozent, alles muss raus. Neben dem Regal mit den Duftkerzen diskutiert ein Mitarbeiter mit einem Kunden, "es zählen nur die Zahlen, niemals die Menschen", sagt der Mitarbeiter, "ja, das ist bei mir im Betrieb genauso", nickt der Kunde.

Die Stimmung ist gedrückt. Offiziell fällt die Filiale den Verlusten durch die Corona-Krise zum Opfer. René Benko, Immobilienmogul und Eigentümer von Galeria Karstadt Kaufhof, hatte vier Jahre Mietminderung gefordert, als Bedingung dafür, das Geschäft weiterzubetreiben. Nur dann, so das Argument, würde sich der Weiterbetrieb wirtschaftlich lohnen.

Der Vermieter des Gebäudes, Michael Zechbauer, hatte anderthalb Jahre Mietminderung angeboten. Auch das Kompromissangebot von Oberbürgermeister Dieter Reiter, die Miete für zweieinhalb Jahre zu senken, hätte Zechbauer akzeptiert.

Wie geht es weiter? "Keine Ahnung", sagt ein Betriebsrat

Auch dieses Angebot wurde aber – so erzählte es Reiter aus den Verhandlungen – von René Benko mit dem Hinweis auf "wirtschaftliche Zwänge" abgelehnt. "Wenn sie sich zumindest auf 2022 geeinigt hätten, dann wäre das schon allein wegen der Situation auf dem Arbeitsmarkt für uns viel besser gewesen", sagt ein Betriebsrat der Filiale, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will.

"Ich muss mich jetzt ja auch irgendwo bewerben", erklärt er. "Da ist es in der aktuellen Situation nicht gerade hilfreich, wenn man im Internet sofort als Betriebsrat zu finden ist." Der Mann wirkt ratlos, ebenso wie fast alle hier. Die Stimmung im Betrieb, sagt er, sei am Boden.

Ob die Transfergesellschaft, in die die entlassenen Angestellten jetzt auf Wunsch wechseln können, eine gute oder schlechte Sache sei, könne er selbst gar nicht so richtig einschätzen. Und wie es jetzt für ihn weitergeht? Er zuckt mit den Schultern. "Keine Ahnung", seufzt er. "Wirklich: keine Ahnung."

Kaufhof-Aus: Noch größer als die Wut ist die Ratlosigkeit

Auch eine gewisse Wut ist bei den Beschäftigten zu spüren. Wut auf René Benko, dessen Vermögen das "Vermögensmagazin" auf über vier Milliarden Euro schätzt. "Jeder weiß, dass Benko Makler ist und wie viele Gebäude ihm gehören", heißt es da. Und, diplomatisch: "Es scheint doch so, als käme die Corona-Krise gerade ganz gelegen."

Zitieren lassen möchte sich niemand; es sei den Angestellten verboten worden, Interviews zu geben, erklärt eine Verkäuferin. Aber größer noch als die Wut ist die Ratlosigkeit. Denn wie es jetzt für sie weitergehen soll, das weiß hier keiner so genau.

Lesen Sie hier: Kaufhof-Aus - Konzern-Verhandlungsführer lobt OB Reiter

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