Münchner Karstadt und Kaufhof schließen: Zum Heulen!

Karstadt am Nordbad und Kaufhof am Stachus schließen. Im Oktober verlieren die Mitarbeiter ihren Job. Sie sorgen sich um ihre Zukunft – die Stammkunden trauern.
| Hüseyin Ince
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Im Kaufhof am Karlsplatz sind die Preise zwar schon reduziert, aber nicht wegen der drohenden Schließung, sondern wegen Schlussverkaufs.
Daniel von Loeper 2 Im Kaufhof am Karlsplatz sind die Preise zwar schon reduziert, aber nicht wegen der drohenden Schließung, sondern wegen Schlussverkaufs.
Das Lachen täuscht: "Zum Heulen!", sagt die 84-jährige Stammkundin Waltraud J. dazu, dass Karstadt schließen muss.
Daniel von Loeper 2 Das Lachen täuscht: "Zum Heulen!", sagt die 84-jährige Stammkundin Waltraud J. dazu, dass Karstadt schließen muss.

München - "Beim Mittagessen hieß es, wir sollen die Eingangstüren zusperren und alle in den Konferenzraum kommen", erzählt am Montagvormittag eine Mitarbeiterin des Kaufhofs am Stachus einer Bekannten. Sie spricht über den vergangenen Freitagmittag.

Die beiden Frauen lehnen mit den Ellbogen auf einem der Verkaufsstände für Kosmetika. Viel zu tun ist eh nicht, "früher waren hier um die Uhrzeit drei Mal so viele Leute", sagt sie. Lauscht man ein wenig, hat dieser Freitag anscheinend die letzte Arbeitslust geraubt. "Als die Ansage kam, wussten alle sofort, was uns die Geschäftsleitung gleich erzählt", sagt die etwa 50-Jährige.

Die Info: Ab Oktober, so hieß es gradraus, würden die beiden Filialen Kaufhof am Stachus und Karstadt am Nordbad für immer ihre Türen schließen. Auch der Kaufhof im Olympia-Einkaufszentrum steht auf der Streichliste.

Im Kaufhof am Karlsplatz sind die Preise zwar schon reduziert, aber nicht wegen der drohenden Schließung, sondern wegen Schlussverkaufs.
Im Kaufhof am Karlsplatz sind die Preise zwar schon reduziert, aber nicht wegen der drohenden Schließung, sondern wegen Schlussverkaufs. © Daniel von Loeper

Karstadt: Zukunftsangst hinter jeder einzelnen Maske 

Nach diesem Mittags-Meeting sperrte Karstadt am Nordbad erst gar nicht wieder auf. Zu sinnlos wirkte es wohl, einfach weiterzumachen wie bisher. Samstag hingegen versuchte man wieder, ein wenig Normalität zu simulieren – soweit das mit Corona eben möglich ist.

Und am Montag, traditionell ein etwas verkaufsschwächerer Tag, haben viele Mitarbeiter Zeit, um zu überlegen und mit den Kollegen zu diskutieren. Über allem steht die Frage: Wie soll es jetzt weitergehen? Zukunftsangst blickt da hinter jeder einzelnen Maske hervor.

Sobald zwei oder mehr Kaufhof- oder Karstadt-Mitarbeiter zusammenstehen, sprechen sie immer über das Ende der Filialen. Corona wirkt da wie ein lästiges Randphänomen, obwohl das Virus ja den Kaufhäusern des Milliardärs René Benko höchstwahrscheinlich den Todesstoß gegeben hat – einem Geschäft, das immer noch funktionieren soll, wie in den konsumstarken Zeiten lange vor dem Internet, einem Geschäft, das schon ohne Corona unter der brutalen Konkurrenz von Amazon und Co. ächzte.

Frustrierter Karstadt-Mitarbeiter: "Wofür das Ganze?"

Jeder verarbeitet diese Zukunftsangst anders. Da ist zum Beispiel ein etwa 55-Jähriger in der Bikini-Abteilung, der vor sich hinpfeift und einsam Frauen-Bademoden einsortiert. Ein 20-Jähriger – schlank, blond, Röhrenjeans, blaues Hemd – sagt gelassen: "Da geht noch was, ich bin doch jung."

Da ist aber auch der etwa 30-Jährige im Kaufhof am Stachus, der halb schreit, halb argumentiert und viel gestikuliert. Seine beiden älteren Kolleginnen hören gebannt zu: "Ich hab aufgehört, zu zählen, wie viele Chefs wir in den letzten Jahren hatten. Was die alles verbockt haben!", sagt er, "und jetzt sollen wir alle unsere Arbeit verlieren?!"

Er spricht von unzähligen Tagen, an denen er erkältet seinen Dienst angetreten habe, immer mit spürbarem Druck, Leistung zu bringen. Dann stellt er eine verzweifelte Frage, auf die natürlich keiner die Antwort kennt: "Wofür das Ganze?" Alle schweigen für ein paar Sekunden, blicken auf den Boden. Der nächste Kunde bricht die Stille.

Das Lachen täuscht: "Zum Heulen!", sagt die 84-jährige Stammkundin Waltraud J. dazu, dass Karstadt schließen muss.
Das Lachen täuscht: "Zum Heulen!", sagt die 84-jährige Stammkundin Waltraud J. dazu, dass Karstadt schließen muss. © Daniel von Loeper

Karstadt- und Kaufhof-Filialen: Es geht um Stolz und Kränkung

Auch Stammkunden – tendenziell ältere Münchner – sind traurig, dass die Kaufhauslandschaft mit einem Schlag ausgedünnt wird. Waltraud J. (84) etwa, vom Leonrodplatz. "Zum Heulen! Ich kann mich erinnern, wie Ende der 60er der Karstadt am Nordbad mit einer großen Feier eingeweiht wurde", sagt sie.

Ein nie gesehenes Einkaufsparadies, wo man einfach alles bekommt, was man im Alltag braucht, aus einer Hand. Ein breites Angebot, wie es die Liefer-Riesen wie Amazon in die Online-Welt übertragen haben. Waltraud J. schätzt an Karstadt vor allem die Lebensmittelabteilung. "Feinkost und Fisch sind extrem gut", sagt Waltraud J.

Und wofür sie heute gekommen sei? "Um den Karstadt-Mitarbeitern zu erzählen, wie toll der Spargel geschmeckt hat, den ich kürzlich kaufte. Und wenn noch einer da ist, kaufe ich gleich wieder welchen", sagt sie.

Das Drama um die Karstadt- und Kaufhof-Filialen ist auch eine Geschichte von Stolz und Kränkung. In der viel gelobten, bestimmt 20 Meter langen Fleisch-, Fisch- und Käsetheke im Karstadt-Untergeschoss am Nordbad hört man eine ältere Mitarbeiterin: "Ich will kein Sozialfall werden, ich will mein Leben selbst finanzieren, meine laufenden Kosten selbst bezahlen. Die Abfindung wird ja nicht bis zur Rente reichen."

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