Münchner Geschäftsleute in Angst: Es geht um unsere Existenz

Die Inhaber tausender Geschäfte müssen ab Mittwoch schließen. In der Innenstadt bleiben die Kunden schon seit Tagen weg – viele Händler haben Angst, die Krise nicht zu überstehen.
| Nina Job
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Der Marienplatz ist am Dienstag um die Mittagszeit wie ausgestorben.
Daniel von Loeper 5 Der Marienplatz ist am Dienstag um die Mittagszeit wie ausgestorben.
Nur wenige Menschen am Dienstag auf dem Viktualienmarkt.
Daniel von Loeper 5 Nur wenige Menschen am Dienstag auf dem Viktualienmarkt.
In der Rumford-Apotheke arbeiten die Apotheker nun hinter Plexiglas.
Daniel von Loeper 5 In der Rumford-Apotheke arbeiten die Apotheker nun hinter Plexiglas.
Antiquitätenhändler Malter.
Daniel von Loeper 5 Antiquitätenhändler Malter.
Müssen ebenfalls zusperren: die Eheleute Delfmann.
Daniel von Loeper 5 Müssen ebenfalls zusperren: die Eheleute Delfmann.

München - Es ist gespenstisch leer am Dienstagmittag in der Innenstadt. Auf dem Marienplatz, wo sich sonst um 11 und um 12 Uhr Tausende Touristen und Münchner drängen, um das Glockenspiel anzuschauen, bleiben am Dienstag nur vereinzelt ein paar Menschen stehen. Die Tische der Gaststätten im Freien sind fast alle unbesetzt – obwohl sie extra weit auseinandergerückt wurden und die Platzzahl auf 30 begrenzt ist.

Ein Ober vom Hacker Pschorr lehnt an der Eingangstür. Er ist unterbeschäftigt. "Es rentiert sich jetzt schon nicht mehr", sagt er ernst. Auch drinnen sitzen kaum Gäste. An normalen Tagen ist hier mittags kaum ein Platz zu bekommen. Ab Mittwoch werden die Gaststätten nur noch eingeschränkt (bis 15 Uhr) geöffnet haben dürfen. Alle Geschäfte, die nicht für die Grundversorgung zuständig sind, müssen schließen.

Der Marienplatz ist am Dienstag um die Mittagszeit wie ausgestorben.
Der Marienplatz ist am Dienstag um die Mittagszeit wie ausgestorben. © Daniel von Loeper

Beim Streifzug durch die Innenstadt trifft die AZ am Dienstag ausschließlich auf sehr verunsicherte Geschäftsleute.

Hugendubel: "Viele haben noch Bücher gehamstert"

Noch ein paar Stunden, dann wird auch der Hugendubel am Marienplatz und alle seine Filialen wegen des ausgerufenen Katastrophenfalls in Bayern schließen. "Gestern und am Samstag war es bei uns noch sehr voll", berichtet eine Verkäuferin. "Viele haben noch Bücher gehamstert. Vor allem für Kinder: möglichst viele, möglichst dicke."

Zu den letzten Kunden gehört die Schwabingerin Margit Schröttle (65). "Ich habe noch schnell zwei Geburtstagsgeschenke für einen Nachbarsbuben gekauft. Er wird nächste Woche fünf Jahre alt", sagt sie. Ein Spezialfutter für ihre alte Katze braucht sie noch, dann will sie wieder nach Hause fahren. "Auf der Herfahrt war die Tram gespenstisch leer. Nur fünf Leute saßen drin."

Ihren Lieblingsbuchhändler Hugendubel wird es trotz verordneter Zwangsschließung möglicherweise nicht ganz so hart treffen wie andere. Denn er ist als Online-Buchhändler fest etabliert. "Wir verkaufen online weiter und auch unser telefonischer Service wird weiter angeboten", sagt die Verkäuferin.

Die Kleinen trifft's besonders hart

Anders schaut es bei Julian Weninger aus, der am Viktualienmarkt ein kleines Geschäft mit handgefertigten Bürsten, Rasierpinseln, Kämmen aus einheimischen Hölzern sowie Seifen betreibt. Seit vier Generationen betreibt seine Familie den Laden. "Das gab's noch nie, dass zwei Wochen geschlossen war. In 83 Jahren nicht", sagt Geschäftsführerin Marijana Matic. Inhaber Weninger ist sehr beunruhigt. "Ich habe Angst um meine berufliche Existenz", sagt er. Bei ihm gibt es kein Online-Angebot, ab und zu bestellt mal jemand telefonisch etwas. "Wir sind ein Fachgeschäft und leben von der persönlichen Beratung", erklärt er.

Der 42-Jährige beschäftigt fünf Mitarbeiter, zwei sind krank, die anderen müssen Urlaub nehmen. "Ich zahle sie natürlich erstmal weiter", sagt er. Nur, wie lange wird er das schaffen? "So wie ich Herrn Söder verstanden habe, wird es erst finanzielle Unterstützung geben, wenn alle Rücklagen komplett aufgebraucht sind."

Einen Steinwurf von "Kamm Weininger" entfernt, sitzt Georg Lang (54) aus Tuntenhausen an einem Tisch vor der "Nordsee". Der Yogalehrer gönnt sich ein Seelachsfilet mit Kartoffelsalat für 7,95 Euro. "Das wird vorerst das letzte Mal sein, dass ich einen Ausflug nach München machen kann." Hinter ihm hängen Zettel mit der Aufschrift: "60 Prozent Nachlass". Die Vitrinen mit frischem Fisch und Meeresfrüchten sind leergekauft. "Wir schließen", sagt die Filialleiterin wortkarg. Eine Anweisung von den Chefs aus Norddeutschland. Eigentlich dürfte das Lebensmittelgeschäft geöffnet bleiben.

Nur wenige Menschen am Dienstag auf dem Viktualienmarkt.
Nur wenige Menschen am Dienstag auf dem Viktualienmarkt. © Daniel von Loeper

Gedrückte Stimmung am Gärtnerplatz

Auch in den vielen Geschäften rund um den Gärtnerplatz herrscht gedrückte Stimmung. Bei vielen sind die Kunden schon vor Tagen weggeblieben. Nur in der Rumford-Apotheke ist kontinuierlich viel los. Apothekerin Jutta Grünewald hat auf der Theke Plexiglas-Scheiben angebracht. Die Schutzbarrieren sind selbst gebastelt, das Material kommt aus dem Baumarkt. Eine Mitarbeiterin trägt zusätzlich noch Mundschutz. So fühlt sie sich sicherer.

In der Rumford-Apotheke arbeiten die Apotheker nun hinter Plexiglas.
In der Rumford-Apotheke arbeiten die Apotheker nun hinter Plexiglas. © Daniel von Loeper

In der Reichenbachstraße unterhält sich Antiquitätenhändler Christian Malter vor seinem menschenleeren Laden mit einer Nachbarin. Schon seit 25 Jahren ist er im Viertel. "Die Maßnahmen müssen sein", sagt der 56-Jährige. "Ich gehöre zur Risikogruppe, da ich nicht ganz gesund bin." Doch wie lange wird es dauern, bis die Pandemie überstanden ist? "Wir hängen im luftleeren Raum. Es geht um die Existenz. Die Miete läuft ja weiter."

Antiquitätenhändler Malter.
Antiquitätenhändler Malter. © Daniel von Loeper

Gegenüber sitzt Dirk Neuer ganz allein in seinem Reisebüro Flugbörse. Er will am Mittwoch trotz Schließung ins Geschäft kommen. Erst am Dienstag hat er einen Kunden "aus dem tiefen Kaukasus" zurückgeholt nach Deutschland. Mit dessen Kreditkartendaten buchte er einen Rückflug und sandte ihm dann per Whatsapp den Boardingpass.

Endzeitstimmung in der Deutschen Eiche

Endzeitstimmung auch in der Deutschen Eiche. Das Restaurant ist verwaist, im Hotel sind noch fünf Gäste. Ab Mittwoch ist geschlossen. Das bedeutet: Keine Einnahmen mehr "und laufende Kosten von 300.000 bis 400.000 Euro pro Monat", sagt Sepp Sattler. "Wir haben fast 50 Leute."

"Aus. Äpfel. Amen", resümiert Ralf Richter-Delfmann und sperrt am Abend seinen Schreibwarenladen am Gärtnerplatz zu. Wann er wohl wieder öffnen wird? "Wir richten uns auf zwei Monate ein."

Müssen ebenfalls zusperren: die Eheleute Delfmann.
Müssen ebenfalls zusperren: die Eheleute Delfmann. © Daniel von Loeper

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