Münchner Forscher über Umweltschutz: "So schädlich wie sämtliche Pkw"
Kühe fürs Klima? Diesen Ansatz verfolgt der Biophysiker Benedikt Sabaß von der LMU München. Dabei geht es ihm weniger um die Tiere an sich, sondern um die Reduktion des Methans, das sie, salopp formuliert, in die Welt hinausrülpsen. Denn Methan ist in Bezug auf die Erderwärmung deutlich schädlicher als CO₂ – und könnte gleichzeitig der letzte Retter fürs Klima sein.
Warum dabei die nächsten 20 Jahre entscheidend sind und wie seine Forschung, für die er im Januar vom Europäischen Forschungsrat (ERC) einen "Proof of Concept Grant" (PoC) erhielt, dazu beitragen soll, hat Sabaß der AZ erklärt.
1,6 Grad Celsius Temperaturanstieg: "Für ein Drittel ist Methan verantwortlich"
AZ: Herr Sabaß, das Hauptanliegen Ihrer Forschung an einem neuen Rinder-Futtermittel ist es, den Methanausstoß der Tiere zu senken. Methan ist in der öffentlichen Debatte zur Klimaerwärmung deutlich weniger präsent als CO₂. Woran liegt das?
BENEDIKT SABASS: Es ist natürlich so, dass CO₂ den Löwenanteil des Temperaturanstiegs ausmacht. Wenn man den Temperaturanstieg bis 2019 betrachtet, dann trägt CO₂ ungefähr 0,8 Grad im Strahlungsantrieb bei, während es bei Methan ungefähr 0,5 Grad sind. Zusätzlich gibt es auch abkühlende Effekte. Aber: Bis 2019 hatten wir einen Temperaturanstieg von fast 1,6 Grad Celsius über Land. Ganz grob ist für ein Drittel davon Methan verantwortlich. Das ist viel.

Dem IPCC-Bericht zufolge ist Methan betrachtet auf 100 Jahre rund 28- bis 30-mal klimaschädlicher als CO₂, weil es die Erde deutlich stärker aufheizt. Gleichzeitig baut es sich aber auch deutlich schneller wieder ab als CO₂ – in einem Zeitraum zwischen neun und zwölf Jahren. Liegt darin eine Chance?
Auf jeden Fall. Über einen Zeitraum von 20 Jahren betrachtet hat Methan ein Global Warming Potential, das sogar ungefähr 80-mal stärker ist als CO₂. Das hat also kurzfristig wirklich Wumms. Im Umkehrschluss heißt das aber auch: Wenn man es sofort schafft, Methan einzusparen, hat man wirklich massiv etwas gewonnen. Das heißt natürlich nicht, dass wir auf eine Reduktion von CO₂ verzichten können. Aber wir könnten zumindest kurzfristig Spitzen abfedern und verhindern, dass es in den nächsten 15, 20, 30 Jahren so richtig heiß wird.
Ist Methan also die Notbremse, die wir ziehen müssen, um das Schlimmste doch noch zu verhindern?
Eindeutig ja. Aber die Zeit drängt. Diese Temperaturspitze können wir laut IPCC nur verhindern, wenn es gelingt, bis spätestens 2030 ernsthaft Methan einzusparen. Und zwar im Vergleich zu 2019 je nach Modell um 34 bis idealerweise 57 Prozent – das ist wirklich viel!
Forscher: "Die Rinderhaltung ist so schädlich wie sämtliche Pkw"
Wäre es durch so eine Reduktion möglich, das 1,5-Grad-Ziel noch zu erreichen?
Wir haben diesen Wert ja wahrscheinlich schon überschritten. Es gibt allerdings Best-Case-Szenarien, in denen die Temperatur wieder soweit sinkt, dass sie sich irgendwann auf 1,5 Grad einpendelt. Das wäre natürlich ideal.
Als Hauptverursacher des vom Menschen verursachten Methans gilt in Deutschland die Landwirtschaft, vor allem die Rinderhaltung. Sie ist für 70 bis 80 Prozent der Emissionen verantwortlich...
Man darf nicht vergessen, dass das eigentlich eine Erfolgsgeschichte ist. Weltweit stammt rund ein Drittel der Emissionen aus der Landwirtschaft, der Rest wird etwa von Mülldeponien oder Reisanbau verursacht. Hierzulande ist es gelungen, die Emissionen aus Deponien und auch der Industrie stark zurückzufahren.
In der Landwirtschaft geht der Methanausstoß dafür aber nur sehr langsam voran. Das wollen Sie mit Ihrer Forschung zur Reduktion von Emissionen bei Rindern ändern. Können Sie erklären, wie das funktioniert?
Vereinfacht gesagt arbeiten wir seit einigen Jahren daran, neue Stoffe zu entwickeln, die man dem Futter der Rinder beimischt und die verhindern, dass bei der Verdauung Methan produziert wird. Denn so eine Hochleistungskuh produziert locker mal 500 Liter Methan pro Tag. Grob hochgerechnet ist die Rinderhaltung in Deutschland damit – abhängig vom Betrachtungszeitraum – so klimaschädlich wie sämtliche Pkw. Unser Ansatz ist es, die biochemischen Mechanismen, die das Methan produzieren, gezielt zu hemmen.
Methan um 70 Prozent reduzieren, wäre "tolle Zielmarke"
Und wie viel Methan soll dabei am Ende weniger herauskommen?
Idealerweise gar keins mehr.
Das klingt vielversprechend.
Das ist natürlich aber auch die große Herausforderung. Es gibt ja bereits Hersteller, die damit werben, zwischen 20 und 30 Prozent Methan zu reduzieren. Ich habe für uns als persönliche Zielsetzung ausgegeben, dass wir wesentlich mehr schaffen wollen. Vielleicht kommen wir nicht auf Null, aber 70 Prozent wären schon eine tolle Zielmarke.
Ohne Ihre Forschungsergebnisse schmälern zu wollen: Wäre es nicht effizienter, die Tierhaltung signifikant zu reduzieren?
Das hätte natürlich Vorteile, nicht zuletzt für das Tierwohl. Ich selber esse aus diesem Grund auch wenig Fleisch. Aber das muss ökologisch nicht zwingend das Ziel sein. In Bayern zum Beispiel sind Rinder ja ein wichtiger Teil der Kulturlandschaft. Die Weideflächen fördern die Artenvielfalt und die Rinder sind natürlich auch ein enormer Wirtschaftsfaktor. Ohne die Landwirtschaft wird es also nicht gehen.
Hintergrund: Darum ist Methan so klimaschädlich
Die kurzfristige Klimawirkung von Methan (CH4) ist im Gegensatz zu Kohlenstoffdioxid (CO₂) extrem hoch. Das beschreibt das "Global Warming Potential" (GWP), auf Deutsch Treibhauspotenzial.
Es gibt an, wie sehr ein Treibhausgas die Atmosphäre über einen bestimmten Zeitraum im Vergleich zu CO₂ erwärmt. CO₂ hat einen GWP von 1. Berichten des Weltklimarats (IPCC) zufolge hat Methan einen GWP von 27 bis 28 (auf 100 Jahre), auf 20 Jahre gerechnet bis zu 80.
Zudem ist Methan ein wichtiger Vorläuferstoff für die Bildung von bodennahem Ozon, das negative Auswirkungen auf Gesundheit und Ökosysteme hat.

