Münchner Fitnessstudios: Nicht fit, sondern pleite

Viele Fitnessstudios kommen jetzt finanziell ins Straucheln – weil die Hilfen teils viel zu spät ausgezahlt werden. Die Zahl der Insolvenzen steigt. Hier berichtet ein Fitnessstudio-Chef aus dem schwierigen Alltag.
| Conie Morarescu
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Mit Georg Pickl (l.) führt Markus Decker zwei Fitnessstudios, darunter dieses hier in Feldkirchen. Noch können die Chefs ihre Mitarbeiterinnen bezahlen – aber wie lange noch?
Mit Georg Pickl (l.) führt Markus Decker zwei Fitnessstudios, darunter dieses hier in Feldkirchen. Noch können die Chefs ihre Mitarbeiterinnen bezahlen – aber wie lange noch? © Sigi Müller

München - Markus Decker ist seit über 20 Jahren in der Fitnessbranche. Eigentlich ein wachsender Wirtschaftszweig, denn das Bewusstsein für den gesundheitlichen Effekt von gezieltem Training hat in den vergangenen Jahren stark zugenommen. Doch die Pandemie hat alles verändert.

Vor Corona ein Erfolgsmodell

Zusammen mit seinem Geschäftspartner Georg Pickl betreibt Decker zwei Fitnessstudios, eines in Feldkirchen und ein Studio in Poing. Keine Mucki-Buden, hier wird ein ganzheitliches, gesundheitsorientiertes Konzept gefahren, für Menschen verschiedenen Alters, mit unterschiedlichen Zielen.

Ein zeitgemäßes Modell, das vor der Pandemie sehr gut ankam. Doch die beiden Geschäftsführer trifft die Krise nun besonders hart.

Staatliche Hilfen kamen für viele zu spät

In seiner Verzweiflung hat sich Markus Decker an die AZ gewandt, um über sein Schicksal zu berichten, aber auch, um stellvertretend für alle Unternehmer eine Forderung an die Politik auszusprechen: die versprochenen Hilfen rechtzeitig auszuzahlen, bevor die Betriebe Insolvenz anmelden müssen.

"Abgesehen davon, dass die staatlichen Hilfen nicht annähernd die Verluste decken – wenn sie auch noch zu spät ankommen, dann ist das für viele Unternehmen das Aus", zeigt sich der 50-Jährige frustriert.

Rund 37.000 Euro Miete im Monat

Sein Geschäftspartner und er hätten mittlerweile rund 150.000 Euro Schulden aufgebaut, um die beiden Studios zu halten und auch noch die Mitarbeiter zu bezahlen. Alleine die Mietkosten belaufen sich auf etwa 37.000 Euro monatlich.

Anders als während des ersten Lockdowns haben sich Decker und Pickl entschieden, keine Beiträge von ihren Mitgliedern mehr einzuziehen: "Der Knüppel kommt dann hinten raus, wenn man wieder öffnet und den Mitgliedern die fehlende Zeit ersetzen muss", erklärt Decker.

Außerdem hätten sie festgestellt, dass durch das Aussetzen der Beiträge die Kündigungen zurückgegangen seien.

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Hunderte Kunden haben sie bereits verloren

500 Kunden hat die V-itness Betriebs GmbH seit dem ersten Lockdown verloren. Von ursprünglich 2.600 Mitgliedern. "Es dauert etwa drei Jahre, bis wir wieder auf denselben Stand kommen wie vor dem ersten Lockdown", rechnet Decker vor.

"Das wirft uns noch um weitere Jahre zurück." Denn im Durchschnitt hätten sie in den vergangenen Jahren in Poing etwa 100 Mitglieder pro Jahr dazu gewonnen.

Die Dezemberhilfe kam erst im März

Vor der Pandemie betrieben die beiden Geschäftsführer nur das Studio in Poing, das Feldkirchner Studio haben sie im Oktober 2020 übernommen, kurz vor dem zweiten Lockdown. Nach dem Sommer mit den verschwindend geringen Inzidenzzahlen waren sie sich sicher, dass es keinen weiteren Lockdown geben würde. Dass das Gröbste überstanden sei.

Als dann der zweite Lockdown kam, hätten sie niemals vermutet, dass er so lange anhalten würde. Mittlerweile ein halbes Jahr. Die Soforthilfe und die Überbrückungshilfe für November und Dezember hätten sie erhalten, die Dezemberhilfe allerdings erst im März.

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2021 zeichnete sich bislang durch Existenzängste aus

Für 2021 bisher noch nichts. "Wir wussten Anfang des Jahres nicht, wie wir unser Personal bezahlen sollen. Wir haben das schließlich privat gestemmt", erzählt der Vater von zwei Kindern. Er berichtet von den Folgen für das Familienleben, wie belastend die Existenzängste für ihn sind.

Aus ihm spricht ein Mann, der zwar bereit ist, alles Erdenkliche für sein Geschäft und seine Familie zu tun, aber nach so vielen Monaten an seine Grenzen geraten ist.

Sprunghafter Anstieg von Insolvenzmeldungen

Die Aussetzung der Insolvenzantragspflicht ist dieses Jahr Ende April ausgelaufen. Bis dahin hatten die Betriebe die Möglichkeit, trotz wirtschaftlicher Not keine Insolvenz anzumelden und vorerst noch abzuwarten.

Bereits im März sind die Insolvenzmeldungen in Bayern sprunghaft gestiegen, um 20 Prozent im Vergleich zum Februar, wie das Landesamt für Statistik mitteilt.

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"Ich fühle mich absolut im Stich gelassen"

Markus Decker steht exemplarisch für unzählige weitere mittelständische Unternehmer, deren Existenz auf der Kippe steht. Die auf die rasche Auszahlung der Hilfen angewiesen sind. Sein aktueller Antrag auf Überbrückungshilfe III für das laufende Jahr wird in einem Stichprobenverfahren überprüft. Das verzögert die Auszahlung erneut.

"Statt Wahlkampf zu betreiben sollten sich unsere Politiker auf Wichtigeres konzentrieren: Die vielen mittelständischen Betriebe zu retten, an denen so viele Existenzen hängen", fordert Decker. "Ich fühle mich absolut im Stich gelassen."

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