Interview

Münchner entwirft Radwege auf Stelzen: "Konkurrenzfähig zum Auto"

Bernhard Dufter hat ausgetüftelt, wie Radwege auf Stelzen aussehen könnten. Mit diesen will er vor allem Pendler zum Umsteigen aufs Rad bewegen.
| Conie Morarescu
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An der Münchner Freiheit ginge es in luftiger Höhe über die Straßen hinweg.
Visualisierungen: Bruckschlögl 2 An der Münchner Freiheit ginge es in luftiger Höhe über die Straßen hinweg.
Bernhard Dufter ist selbst oft radelnd unterwegs.
Daniel von Loeper 2 Bernhard Dufter ist selbst oft radelnd unterwegs.

München  - Bernhard Dufter denkt im großen Stil. Er möchte "Radl-Highways" entwickeln, so nennt er die eingehausten Schnellradwege auf Stelzen.

Vor vier Jahren beschloss er, seine eigene Version einer Fahrrad-Infrastruktur im Großraum München zu erarbeiten. Gemeinsam mit der österreichischen Firma Bruckschlögl, Tochterfirma des Unternehmens Sunkid, hat er einen ersten Entwurf erarbeitet. Normalerweise baut die Firma Beförderungsbänder, unter anderem für Skifahrer, sogenannte "Zauberteppiche".

Freistaat fördert Idee von Stelzenradwegen

Seit den 1980er Jahren ist Bernhard Dufter bei den Grünen und engagiert sich für die Verkehrswende. Nun hat auch CSU-Ministerpräsident Markus Söder das Thema entdeckt, und Fördermittel für Stelzenradwege in München in Aussicht gestellt - was SPD-OB Dieter Reiter gerne annehmen möchte.

Dufter stünde mit seinen Ideen schon bereit für die konkrete Umsetzung. Seine Idee für Stelzenradwege könnten vor allem dort zum Einsatz kommen, wo die Stadt Schnellradwege vom Umland hinein in die Stadt plant.

Pendler sollen Stelzenradwege nutzen

Mit der AZ spricht der 65-Jährige über seine Vision und wie er es schaffen möchte, dass die Menschen freiwillig aufs Rad umsteigen - auch bei größeren Entfernungen und wenn das Wetter nicht gerade zum Radeln lockt.

AZ: Herr Dufter, glauben Sie wirklich, es ist realistisch, dass eines Tages ein großer Teil der Menschen mit dem Fahrrad in die Stadt fährt, statt sich bequem ins Auto zu setzen?
Bernhard Dufter: Das tun ja schon immer mehr Menschen. Der Wille ist da. Aber im Moment gibt es noch viele Barrieren. Ein großer Faktor ist die Zeit. Viele Studien zeigen, dass Menschen üblicherweise nicht länger als 80 Minuten am Tag unterwegs sein wollen. Daher ist es wichtig, die einfache Fahrt mit dem Rad aus dem Umkreis in die Stadt auf deutlich unter eine Stunde zu reduzieren. Nur so steigen viele Menschen aufs Rad um.

Bernhard Dufter ist selbst oft radelnd unterwegs.
Bernhard Dufter ist selbst oft radelnd unterwegs. © Daniel von Loeper

Wie schnell ist man denn auf Ihrem Fahrrad-Highway unterwegs?
Etwa 20 bis 35 Kilometer pro Stunde.

Das ist flott. Geht das auch ohne Elektro-Motor?
Klar, wenn die Streckenführung es erlaubt. Wir haben dann keine Ampeln, die Strecke verläuft sehr geradlinig. Theoretisch könnte man sogar mit Rückenwind etwas nachhelfen.

Wie lange braucht man dann zum Beispiel aus Dachau in die Stadt?
Auf dem Fahrrad-Highway könnte man bei guter Streckenführung in 36 Minuten von Dachau nach München fahren. Das ist eine Zeit, die durchaus konkurrenzfähig ist. Mit dem Auto braucht man ohne Verkehr etwa 25 Minuten. Bei Berufsverkehr deutlich länger.

Was hält die Menschen sonst noch davon ab, auf das Rad zu steigen?
Natürlich spielt das Wetter eine große Rolle. Im Winter wird das Fahrrad deutlich weniger genutzt. Deshalb ist mir die Einhausung der Wege sehr wichtig. Die Fahrradfahrer sollen bei jedem Wetter komfortabel zum Ziel kommen. Außerdem sparen wir uns auch den Winterdienst, denn die Bahnen bleiben trocken und vereisen nicht.

Wie sieht es mit den Radwegen im Moment aus? Fühlen sich die Radfahrer sicher, wenn sie vom Umkreis in die Stadt fahren?
Das ist das nächste Problem. An den Hauptverkehrsadern, die direkt in die Stadt führen, wie die Ingolstädter Straße, möchte niemand gern radeln. Man fühlt sich nicht sicher und es macht keinen Spaß. Die meisten Radfahrer nehmen daher lieber Umwege in Kauf. Die Fahrrad-Highways würden sich an diesen Hauptschneisen orientieren. Denn das ist oft die optimale Streckenführung. Die Radfahrer wären dann schnell unterwegs und weg von der Straße.

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Fahrradfahren: Nachhaltigste Form der Mobilität

Warum ist es Ihnen so wichtig, den Radverkehr zu fördern?
Fahrradfahren ist die nachhaltigste Form der Mobilität. Mit dem Fahrrad ist man um ein Zehnfaches ökologischer unterwegs als mit dem Auto. Außerdem ist es ein sozial gerechtes Verkehrsmittel, da es günstig ist. Für den Klimaschutz ist es sehr wichtig, dass möglichst viele Menschen mit dem Fahrrad fahren. Außerdem wird unsere Stadt lebenswerter, wenn weniger Autos unterwegs sind. Und wir haben mehr Platz, um Bäume zu pflanzen. Das müssen wir unbedingt, denn wir brauchen die Bewaldung, um die zunehmenden Hitzetage abzumildern.

Ihre Fahrrad-Highways sollen also auch Platz schaffen in der Stadt. Glauben Sie, der wird dann wirklich für die Bewohner und Bäume eingesetzt? Könnte nicht die Motivation sinken, den Autofahrern Raum wegzunehmen, wenn wir einfach eine zusätzliche Ebene schaffen?
Der ständige Konflikt zwischen Fahrradfahrern und Autofahrern bringt uns in meinen Augen nicht weiter. Ich finde, wir erreichen mehr mit Freiwilligkeit. Zuerst schaffen wir Alternativen. Wenn die Menschen dann gern mit dem Rad in die Stadt fahren, haben wir automatisch weniger Autos auf den Straßen. Dann können wir den Straßenraum schrittweise umwidmen.

Was ist mit den Menschen, die nicht so sportlich sind und sich keine 40 Minuten mit dem Rad zutrauen?
Keine Frage, nicht jeder möchte die ganze Strecke radeln. Park & Bike und Ride & Bike sind da die Schlagwörter. Parkhäuser außerhalb der Stadt sollten bereitgestellt werden und zum Umsteigen einladen. Bahnhöfe, die an der Grenze zwischen Stadt und Land liegen, müssen an das Radverkehrsnetz angeschlossen werden. Dort können die Passagiere aus dem Umland dann Fahrräder oder Pedelecs mieten. Und sie erhalten kostenlosen Strom für ihre Elektro-Fahrzeuge.

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Wie das?
Die Einhausungen der Highways kann man für Photovoltaik nutzen, auf der gesamten Strecke. Den Strom könnte man dann an den Umsteige-Bahnhöfen in Speicher für E-Bikes und E-Autos einspeisen. Wenn er kostenlos angeboten wird, motiviert das die Verkehrsteilnehmer, ihr Auto stehen zu lassen, um es aufzuladen oder auf ein Pedelec umzusteigen, für das nur noch eine geringe Miete anfällt.

Wie realistisch ist es, dass die Stadt Ihre Vision tatsächlich umsetzt?
Es finden schon Gespräche mit dem Mobilitätsreferat statt. Es geht um ein Pilotprojekt im Norden Münchens, wo die Stadt Fernradwege plant. Eine Tangente, die eine West-Ost-Verbindung zwischen Dachau und dem Nordosten Münchens schafft, soll diese ergänzen. Der Münchner Norden ist ein sehr dynamischer Wirtschaftsstandort mit großen Unternehmen, wie BMW, MAN und Allianz. Viele Arbeitsplätze und entsprechend viel Berufsverkehr.

Die ideale Herausforderung für ein Pilotprojekt?
Richtig. Ich bin sehr zuversichtlich, dass ich in meiner Heimatstadt demnächst auf einem Radl-Highway fahren werde. Förderungen von Bund und Land stehen für innovative Projekte dieser Art bereit. Wir müssen uns einfach nur trauen.

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