Münchenstift-Chef Sigi Benker rät von Besuchen in Altenheimen ab

CSU-Ministerpräsident Markus Söder erlaubt Besuche in Altenheimen zum Muttertag. Während die Caritas die Öffnung begrüßt, äußert sich Münchenstift-Chef Sigi Benker entsetzt
| Irene Kleber Nina Job
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Münchenstift-Chef Sigi Benker.
AZ-Archiv Münchenstift-Chef Sigi Benker.

München - Hildegard P. (87) sitzt an einem Cafeteria-Tisch im Seniorenwohnheim in der Rümannstraße. Das Fester steht weit offen, draußen steht ihr Adoptivenkel Robert N. (46), sie winken sich selig lächelnd zu. Ähnliches trägt sich an der Agnes-Bernauer-Straße in Laim zu: Dort treffen im Garten Söhne und Töchter ihre Eltern und ältere Männer und Frauen ihre Ehepartner – mit fünf Metern Abstand und einem Zaun dazwischen.

Kontakt mit Distanz – aber sicher

Schluchzen, Lachen, Freude nach Wochen der Isolation. Es sind berührende Szenen, die sich in den vergangenen Tagen vor den neun Seniorenheimen der Münchenstift abgespielt haben. Weil die Bewohner zunehmend vereinsamt sind wegen des Besuchsverbots, hat Münchenstift-Chef Sigi Benker schon vor einer Woche das Konzept "Fensterln zum Hof" eingeführt. Ein Kontakt mit Distanz – aber sicher. Und schöner als telefonieren.

Münchenstift-Chef Sigi Benker.
Münchenstift-Chef Sigi Benker. © AZ-Archiv

"Geschätzt 1.500 Münchner haben so inzwischen ihre Angehörigen besucht, ohne sie zu gefährden", sagt Benker, der für rund 2.100 Pflegebedürftige verantwortlich ist, zur AZ. "Das hat allen sehr gut getan."

"Die Öffnung zum Muttertag ist unverantwortlich"

Nun hat CSU-Ministerpräsident Markus Söder die Öffnung der Alten- und Pflegeheime verkündet – und während die Caritas das begrüßt, weil damit die lange Isolation der Senioren endet, äußert sich Sigi Benker bestürzt: "Die plötzliche Öffnung zum Muttertag ist populistisch und unverantwortlich", meint er. "Diese Entscheidung verstehe ich nicht."

Ab kommendem Samstag, 9. Mai, dem Vortag zum Muttertag am Sonntag, sollen demnach Besuche unter strengen Hygieneregeln wieder möglich sein. Nach Möglichkeit sollen die Besuche im Freien stattfinden, doch unter bestimmten Auflagen sollen auch Besuche im Heim möglich werden.

"Wir sind in größter Sorge, wie wir dann unsere Bewohner weiterhin schützen sollen", sagt Benker, "denn das Virus ist ja nicht plötzlich weg. Und ist es einmal im Haus, ist es sehr schwer wieder rauszukriegen."

Giesinger Haus St. Martin: Mehrere Senioren positiv auf Covid-19 getestet

Gerade erst hatte sich bei der Münchenstift Erleichterung darüber breit gemacht, dass der Corona-Einfall im Haus Heilig Geist in Neuhausen eingedämmt wurde. Da kam am Montag die nächste schlechte Nachricht. Im Giesinger Haus St. Martin, in dem 250 ältere und hochbetagte Bewohner leben, wurden bei einem Reihentest eine größere Zahl der Senioren positiv auf Covid-19 getestet, dazu auch einige Pflegekräfte. "Wir haben die Behörden informiert und den entsprechenden Bereich geschlossen", erklärt der Münchenstift-Chef.

Wie soll es nun weitergehen – am Muttertag und danach? "Wir werden jedem, der zu Besuch in eines unserer Häuser kommen will, eindringlich sagen: Bitte bleiben Sie draußen. Und auch davon abraten, den Angehörigen draußen zu umarmen. Jeder, der rausgeht und jeder der reinkommt, gefährdet alle im Haus."

105 positiv getestete Coronafälle in Münchens Altenheimen

Gerhard Prölß, Geschäftsführer der Inneren Mission, reagierte zwiegespalten auf Söders Bekanntmachung. In den Häusern der Inneren Mission leben 1.160 Senioren in München. "Ich freue mich sehr für die Menschen, doch es ist eine Gratwanderung", sagt Prölß.

Als eines der ersten Seniorenheime in München wurde das Leonhard-Henninger-Haus der Inneren Mission massiv vom Coronavirus betroffen. Zehn Bewohner sind gestorben. 40 Bewohner und Pfleger wurden positiv getestet – aber bis auf fünf sind alle gesund. "Auch 90- und 100-Jährige haben Covid-19 überstanden", berichtet Prölß. Wie die neuen Besuchsregeln konkret umgesetzt werden können, darüber konnte er am Dienstag noch nichts sagen.

Bislang hat es laut dem städtischen Gesundheitsreferat 105 positiv getestete Coronafälle in Münchens Altenheimen gegeben. "Die Lockerung des Besuchsverbots ist für die Betroffenen sicher das schönste Muttertagsgeschenk", sagt Gesundheitsreferentin Stephanie Jacobs (parteilos). Aber auch sie appelliert an die Münchner, "schon bei leichten Krankheitssymptomen auf den Besuch zu verzichten".

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