Münchens letzte Zinngießerei in der Maxvorstadt steht vor dem Aus

Wolfgang Geißler (50) betreibt in der Maxvorstadt die letzte Traditionswerkstatt mit Ladengeschäft, auch der FC Bayern kaufte schon bei ihm. Nun sollen hier Büros gebaut werden.
| Anna Pfister
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Auf der Werkbank befestigt er einen Zinndeckel an einem Glaskrug.
Anna Pfister Auf der Werkbank befestigt er einen Zinndeckel an einem Glaskrug.

München - Kunstvoll verschlungene Blumenranken, das bayrische Wappen gehalten von zwei Löwen mit prächtiger Mähne: Es ist Handwerk und Kunst zugleich, wenn Wolfgang Beißler einen Zinnkrug mit so vielen feinen Details herstellt.

Dem 50-Jährigen gehört die letzte Münchner Zinnwerkstatt mit eigenem Laden: das "Leonard Mutz", benannt nach seinem Großvater. Wolfgang Beißler fertigt Krüge, Pokale und Medaillen aus dem "Silber des kleinen Mannes". Schon als kleiner Bub half der Münchner in der Werkstatt mit, die seit 1951 in die Schleißheimer Straße 50 ist.

Der Zinngießer hat auch einige prominente Kunden – sogar der FC Bayern kaufte schon bei ihm ein. Doch das nützt alles nichts: Der Betrieb steht vor dem Aus.

"Einige meiner Kunden kennen mich noch als Lehrbua"

Die Vermieter haben dem Zinngießer gekündigt. Vergangenes Jahr kaufte eine Eigentümergemeinschaft das Haus von den Erben der verstorbenen Besitzerin. Im Frühjahr diesen Jahres erhielten nicht nur der Zinnspezialist, sondern auch die anderen Mieter eine schriftliche Kündigung.

Das Haus sei nicht mehr profitabel, sondern eine "Hinderung angemessener wirtschaftlicher Verwertung", so die Besitzergemeinschaft. Sie will das Haus sanieren und die Wohnungen renovieren. Wird der Bauantrag genehmigt, gibt es statt der urigen Werkstatt bald ein neues Bürogebäude mit zwei zusätzlichen Wohneinheiten. Wieder einmal droht ein Traditionsbetrieb endgültig zu verschwinden.

Ein Umzug ist wirtschaftlich nicht machbar

Für Wolfgang Beißler wäre das die Katastrophe. "Da geht es um meine Existenz", sagt er. "Ein Umzug würde mich sicher 30.000 Euro kosten." Die könnte er nicht stemmen. Neben den üblichen Umzugskosten müsste der 50-Jährige Spezialisten engagieren, um den Transport der schweren Spezialgeräte zu ermöglichen.

Und umziehen kann er sowieso nur, wenn der Zinngießer überhaupt passende Räume findet. "Der Laden ist das eine, aber die Werkstatt ist das wahre Problem." So etwas könne man in München heute nicht mehr finden, meint er. 100 Quadratmeter groß, hohe Räume und dann auch noch einigermaßen zentral gelegen? Beinahe ein Ding der Unmöglichkeit. "Wir hatten auch mal überlegt, ins Industriegebiet zu ziehen. Aber da meinten meine Kunden: ‘So weit fahren wir nicht raus’", erzählt Beißler.

Der Bezirksausschuss macht sich für den Zinngießer stark

Doch ein klein wenig Hoffnung gibt es noch für sein Geschäft: Der Bauantrag muss noch von der Lokalbaukommission genehmigt werden. Eine beratende Funktion für die Kommission hat der Bezirksausschuss (BA) Maxvorstadt, der sich in seiner letzten Sitzung die Baupläne ansah.

Auf der Werkbank befestigt er einen Zinndeckel an einem Glaskrug.
Auf der Werkbank befestigt er einen Zinndeckel an einem Glaskrug. © Anna Pfister

Der Vorsitzende Christian Krimpmann (CSU) sagte zur AZ: "Die Mitglieder haben sich mit überwältigender Mehrheit gegen eine Empfehlung ausgesprochen." Schließlich seien solche kleinen Institutionen absolut erhaltenswert. Ihre Empfehlung wird von der Lokalbaukommision zur Kenntnis genommen, verbindlich ist jedoch sie nicht.

Dabei wäre das so wichtig für Wolfgang Beißler. Denn: "15 Jahre will ich auf jeden Fall noch arbeiten", sagt der 50-Jährige. Und eigentlich möchte er die Tradition auch fortsetzen: Seine 21-jährige Tochter soll den Laden eines Tages übernehmen. Sie wäre dann die Sechste in der Familientradition.

Das Geschäft läuft gut - noch

Und das Geschäft läuft gut: Bis zu 30 Kunden kommen jeden Tag. Manche kaufen nur einen schönen Zinnkrug, andere geben Bestellungen für 200 Teller auf. "Die Kundschaft ist so unterschiedlich wie die Bestellungen." Vorerst kann der Zinngießer nichts weiter tun: "Ich muss einfach abwarten." Er hatte die Zukunft weit vorausgeplant, nun hängt er in der Schwebe.

Doch trotz der misslichen Situation, eine Sache rührt Wolfgang Beißler: Es ist die Anteilnahme seiner Kunden. Nachdem bekannt wurde, dass die Zinngießerei wahrscheinlkich geschlossen wird, meldeten sich viele. "Sicher 30 Leute haben mich schon angerufen. Alle können es nicht fassen."

Unter ihnen sind auch einige Ältere, "die kannten mich ja noch als Lehrbua", sagt Wolfgang Beißler. Sie alle wünschen sich, dass das "Leonhard Mutz" fortbesteht. Zinn hält schließlich für die Ewigkeit und das wünschen sich Beißler und seine Kunden auch für das Geschäft.

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