Münchens härtester Platz: Warum hier so viele Gestrandete landen

Tagsüber sitzen sie auf den roten Bänken am Orleansplatz, nachts schlafen manche in Leerständen oder auf der Straße. Wer sind die Menschen, die hier stranden – mitten im reichen München?
Laura Meschede |
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Der Orleansplatz ist Münchens Durchgangsort – und für manche Endstation. (Archivbild)
Der Orleansplatz ist Münchens Durchgangsort – und für manche Endstation. (Archivbild) © STL via www.imago-images.de

Teemu sitzt auf der vierten Bank von rechts, in der langen Reihe roter Sitzbänke, die den Orleansplatz säumen, Blick auf den noch trockenen Steinbrunnen und die Straße und den Busbahnhof dahinter.

Es ist 8.30 Uhr am Morgen und auch in der Sonne noch ziemlich kalt, aber in dem leer stehenden Gebäude, in dem er aktuell schläft, ist es auch nicht wärmer. Das ist zudem asbestverseucht, glaubt Teemu, er spürt schon seit Tagen ein Kratzen im Hals. Kein Ort, an dem man sich länger aufhalten möchte, als unbedingt nötig.

Teemu trägt einen orangen Hut mit grünen und schwarzen Federn darauf. Auch wenn er schon 35 ist, haben seine Gesichtszüge etwas Kindliches; hellblaue Augen, weiches Gesicht, unsicheres Lächeln. In den letzten Wochen hat er fast jeden Tag am Orleansplatz verbracht.

Bahnhofsviertel und Haidhauser Flair

Der Ostbahnhof ist der zweitgrößte Bahnhof in München. Zwölf Gleise, Zwei-Stunden-Takt nach Österreich und Italien, 170.000 Fahrgäste am Tag. Trotzdem fühlt sich hier eigentlich nur der Orleansplatz direkt vor seinen Toren nach Bahnhofsgegend an.

Nur wenige Meter weiter beginnt bereits das, was Immobilienportale als "Haidhauser Flair“ bezeichnen, Feinkostläden, Organic Fashion, kleine Cafés mit Schanigärten vor der Tür. Am Orleansplatz sind die Sitzbänke von Kronkorken umgeben und der steinerne Brunnen mit Taubenkot gesprenkelt.

Schöne Bäume, schöne Altbauten – und doch würden die meisten Münchner den Orleansplatz wohl nicht als schönen Platz bezeichnen.
Schöne Bäume, schöne Altbauten – und doch würden die meisten Münchner den Orleansplatz wohl nicht als schönen Platz bezeichnen. © Leonhard Pangratz

Auf der einen Seite die Tramstation, auf der anderen der Busbahnhof, um den ganzen Platz herum der Straßenverkehr, ein permanentes Brummen, gemischt mit dem Gurren der Tauben, vorbeihastende Passanten. Kein Platz zum Verweilen eigentlich. Aber die zwei Dutzend Sitzbänke sind trotzdem fast immer belegt.

Er fühlt sich wohl in München

Teemu mag am Orleansplatz, dass es hier so ruhig ist. Nicht wie am Hauptbahnhof, wo die ganzen Cracksüchtigen abhängen und wo er das Gefühl hat, festzuhängen, sich immer nur im Kreis zu bewegen. Der Orleansplatz gibt ihm das Gefühl von Aufbruch, auch wenn er noch nicht ganz sicher weiß, wohin.

Vor etwa drei Jahren ist Teemus Leben auseinandergefallen, mit dem Tod seiner Mutter, den er einfach nicht verwinden konnte. Depressionen. Alkohol. Benzos. Das Ziel: Betäubung. Teemu kommt aus Finnland, dort hat er als Gelegenheitsarbeiter gearbeitet, Wände gestrichen und auf Farmen gearbeitet, aber dann hat er alles verloren, die Mutter, den Job, das Haus, und es gab nichts mehr, das ihn gehalten hat. Also hat er sich in den Flixbus gesetzt. Hier in München kann er sich endlich wieder selbst fühlen, sagt er, seit seiner Ankunft vor sechs Wochen hat er keine Drogen mehr genommen, meistens ist er sogar glücklich.

Teemu zeichnet am Tag 

Kürzlich hat er festgestellt, dass Museen hier sonntags nur einen Euro Eintritt kosten, er hatte genau einen Euro in der Tasche und ging ins Ägyptische Museum. "Das hat einen Funken in mir entzündet“, sagt er. Um den Hals trägt er seitdem eine Kette mit einem ägyptischen Skarabäus, den ihm ein anderer Museumsbesucher geschenkt hat, und seitdem weiß er auch, was er wirklich möchte: Eine Kunstakademie besuchen.

In der Tasche hat Teemu mehrere Zeichenblöcke, und den Tag über sitzt er jetzt oft hier im Schatten, übt sich im Skizzieren und wartet darauf, dass etwas Gutes passiert.

"Hier ist ein passender Ort für Penner"

Den Ostbahnhof gibt es seit 1871. Eröffnet wurde er in der Endphase des Deutsch-Französischen Krieges. Das Viertel vor seinen Toren ist nach französischem Vorbild erstellt, mit Straßen, die in sternförmigem Muster auf den Orleansplatz zulaufen, alle benannt nach Schlachten des Krieges.

Die Schlacht von Orléans hatte mit mehreren Tausend Toten und einem Sieg der deutschen Truppen geendet. Sie gab dem Orleansplatz seinen Namen. Das am Reißbrett entworfene "Franzosenviertel“ wurde mit prachtvollen Häusern mit stuckverzierten Fassaden ausgestattet. Sie sollten zumindest nach außen das Elend ihrer Bewohner verdecken, die sich in den Wohnungen auf engstem Raum zusammendrängten.

„Ich bin Pazifist“: Viktor wollte nicht in der Ukraine bleiben, nun trinkt er Bier am Orleansplatz.
„Ich bin Pazifist“: Viktor wollte nicht in der Ukraine bleiben, nun trinkt er Bier am Orleansplatz. © Laura Meschede

"Hier ist ein passender Ort für Penner“, sagt Viktor, sechste Bank von rechts, blaues Hemd, Flieger-Sonnenbrille, akkurat gestutzter Bart. "Im Edeka kannst du Glasflaschen abgeben, im Lidl gibt es billiges Bier, im Bahnhofsgebäude gibt es Strom und die Bahn fährt zu allen wichtigen Orten.“

Viktor kommt aus Donezk im Osten der Ukraine, seit vergangenem Juni lebt er in Deutschland, zum zweiten Mal in seinem Leben. Er hatte keine Lust auf die russische Armee, und auch keine Lust, für die Ukraine zu kämpfen. "Ich bin Pazifist“, sagt er. "Ich möchte nicht umsonst sterben.“

Er wartet auf einen Termin 

In Donezk war er Schweißer, hatte ein kleines Unternehmen und zwei Wohnungen, in Deutschland musste er sich dann mit Gelegenheitsjobs durchschlagen, nichts Großes, aber es lief. Aber dann ist er nach der Arbeit auf einer Bank eingedöst, und als er aufgewacht ist, war seine Tasche weg, mit allen Dokumenten.

"Dann habe ich meine Arbeit verloren, weil mein Chef kein Geld für Schwarzarbeiter zahlen wollte“, sagt er. "Und dann meine Wohnung.“ Jetzt versucht er seit Wochen, einen neuen Pass zu bekommen, der erste Schritt wäre ein Termin im ukrainischen Konsulat, aber das ist nicht so einfach, "um Mitternacht werden die Termine freigeschaltet und dann sitze ich vor meinem Handy und klicke mir die Finger wund“, sagt er. Seit Tagen geht das so, jede Nacht um 24 Uhr sitzt er im McDonald’s und klickt und klickt, aber bisher hat er noch keinen Termin ergattern können.

Deshalb lebt er jetzt ein Pennerleben, so nennt er das, er schläft auf der Straße, trinkt Bier aus Dosen, sitzt stundenlang hier auf der Bank, um den Tag herumzukriegen, und wartet darauf, endlich wieder in ein normales Leben zurückzukönnen.

Einer der wohlhabendsten Bezirke der Stadt

Au-Haidhausen ist eine wohlhabende Gegend. Laut dem Statistischen Amt Münchens, das 2020 die 25 Bezirke Münchens nach Einkommen sortiert hat, haben die Menschen in Au-Haidhausen das zweithöchste Median-Einkommen der Stadt. Fast 24 Euro Miete kostet hier der Quadratmeter Wohnfläche im Schnitt.

Im Oxfam-Fashionshop am Rande des Orleansplatzes, der Kleidungsspenden entgegennimmt und weiterverkauft, um von den Erlösen Oxfam-Hilfsprojekte zu finanzieren, werden regelmäßig Hunderte Euro teure Designerstücke vorbeigebracht. Die 45 Verkäufer, die hier im Laden arbeiten, tun das ehrenamtlich, viele von ihnen kommen aus der Nachbarschaft.

In den letzten Jahren hat der Orleansplatz nicht gerade die beste Presse gehabt. Von einem "Schandfleck“ schrieb die "tz“, ein "tristes Halbrund“ nannte ihn die "SZ“, und auch der AZ-Stadtspaziergänger fand, der Orleansplatz könne "nicht mit anderen mithalten“.

Abgesehen von den dichten Kastanien zu wenig Grünfläche, zu viele Tauben, so die allgemeine Meinung. Das wenige Grün hat mit den Veranstaltungen zu tun, die hier jedes Jahr stattfinden und für die man einen festen Boden braucht.

Woher kommen die ganzen Tauben?

Und die Tauben? In den Zeitungen erscheinen immer wieder Artikel, die ein illegales Taubenfütter-Netzwerk für die vielen Vögel verantwortlich machen: Menschen, die Nacht für Nacht kiloweise Futter für die Tiere in der Stadt verteilen, und sich nicht darum scheren, dass das Taubenfüttern offiziell verboten ist. Am Orleansplatz hat die Stadt auf nachdrücklichen Wunsch des örtlichen Bezirksausschusses inzwischen Schilder aufgestellt, die dieses Verbot mit roter Farbe illustrieren, aber geholfen hat das nichts.

Matthias, vierte Bank links hinten, ist aus Markt Schwaben gekommen, um hier am Orleansplatz in der Sonne zu sitzen. Das ist besser als daheim sitzen, im Betongefängnis, vor dem Fernseher. Früher ist er auch oft in seiner Heimat in Markt Schwaben gesessen, am Bahnhof, aber als er aufgehört hat zu trinken, sechs Jahre ist das her, da musste er damit aufhören. Mit dem Bahnhof und auch dem ganzen Säuferkreis. Sonst fängt man wieder an, sagt er.

Das ist einfach die Vereinsamung seit Corona

Matthias ist 46 und frühverrentet, wegen der Psychosen. Jetzt sitzt er also am Orleansplatz statt in Markt Schwaben und trinkt Eistee statt Bier. Daniel (36), der eine Bank weiter rechts in der Sonne sitzt, schaltet sich in das Gespräch ein. Daniel wartet hier auf einen Freund. In seiner Freizeit sammelt er Pokémon-Karten, nichts geht über ein glitzerndes Glurak.

Matthias erzählt von dem YouTube-Kanal, auf dem er manchmal selbst geschriebene Rapsongs hochlädt. "Und wie sieht’s bei dir mit sozialen Kontakten aus?“, fragt Daniel."Naja, schon eher reduziert“, sagt Matthias. "Also ich kann dir sagen, an dir liegt’s nicht, du bist ein cooler Typ, das ist einfach die Vereinsamung seit Corona“, sagt Daniel.

Sie quatschen über Social Media, die Menschen hätten kaum noch Verbindungen, seit alles online passiert, die Individualität gehe verloren. "Aber du hast einen coolen Style“, findet Daniel. "Danke, du auch“, sagt Matthias. Für die Zeitung posieren die beiden, als würden sie sich seit Jahren kennen. Inzwischen ist es Abend geworden, aber Teemu ist immer noch da. Er sitzt auf der zweiten Bank von links, Blick auf den Steinbrunnen und die Tauben, und wartet darauf, dass etwas Gutes passiert.

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