Interview

Münchens ehemaliger Flughafen-Chef: Vom Genusskonto zehren

Weil größere Reisen im Moment kaum möglich sind, sollten Menschen sich an Erlebtes aus der Vergangenheit erinnern – das findet Münchens ehemaliger Airportchef Michael Kerkloh.
| Clemens Hagen
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"Das Gefühl von Urlaub, von Freiheit wird ein anderes sein", sagt Ex-Flughafen-Chef Kerkloh über die Zeit nach der Corona-Krise.
"Das Gefühl von Urlaub, von Freiheit wird ein anderes sein", sagt Ex-Flughafen-Chef Kerkloh über die Zeit nach der Corona-Krise. © Clara Margais/dpa

München - Der Westfale Michael Kerkloh (67) war von 2002 bis Ende 2019 Vorsitzender der Geschäftsführung der Münchner Flughafen GmbH.

AZ: Herr Kerkloh, haben Sie schon gebucht?
Michael Kerkloh: Habe ich. Eine Gruppe von Freunden und ich wollten schon lange einen Segeltörn in Griechenland machen. Jetzt haben wir mal auf gut Glück für Ende Juli Flüge nach Athen gebucht. Es ist im Moment ja alles sehr preiswert. Mal schauen, was passiert.

Mit welchem Gefühl werden Sie in den Flieger steigen?
Einem guten. Der Luftverkehr tut alles, damit Fliegen sicher ist. Ich glaube, das ist ein Risiko, das ich kontrollieren kann. Und wenn wir erstmal mit dem Boot rumschippern, ist die Luft sowieso klar.

Ihr Optimismus in allen Ehren, aber das Fliegen wird nicht mehr so sein wie früher, oder?
Natürlich nicht. Es wird erstmal weniger geflogen werden. Ich gehe davon aus, dass der Luftverkehr erst in den Jahren 2023, 2024, 2025 wieder das Niveau des Rekordjahres 2019 erreichen wird. Deutschland hat zwar im Vergleich mit der restlichen Welt eine gute Corona-Bilanz hingelegt, aber jetzt beginnt mit den Lockerungen eine Zeit der Unübersichtlichkeit. Die ist wahrscheinlich unvermeidlich. Es kann kein Mensch wollen, dass unsere Wirtschaft in einer Art und Weise darniederliegt, dass sie sich kaum noch wird erholen können.

"Das Gefühl von Freiheit wird ein anderes sein"

Wie wird das Wiederhochfahren laufen im Luftverkehr?
Dazu ein paar Zahlen: Es gibt weltweit rund 26.000 kommerzielle Flugzeuge, die im letzten Jahr circa 4,5 Milliarden Passagiere befördert haben. Jetzt standen rund 85 Prozent der Flugzeuge am Boden. Daran sieht man, wie wenig Spielraum derzeit ist. Wir sprechen von dem Transportmittel, von dem wir weltweit am stärksten abhängig sind. Das gilt ganz besonders für Deutschland, das wie vielleicht kein anderes Land mit der Welt vernetzt ist. Es ist für alle Teile von Wirtschaft und Gesellschaft wichtig, dass wir wieder anfangen. Auch, wenn das eine schwierige Übung wird, ein langer Lernprozess, der von den Menschen ein hohes Maß an Verantwortungsbewusstsein erfordert.

Glauben Sie, dass sich das Urlaubsverhalten langfristig ändern wird? Nach Johann Wolfgang von Goethe: Warum in die Ferne schweifen? Sieh, das Gute liegt so nah.
Die Strände sind nach wie vor schön und die Sonne scheint nach wie vor, aber das Gefühl von Urlaub, von Freiheit wird ein anderes sein. Also eher Ballermännchen als Ballermann – oder vielleicht sogar nur eine Kaffeefahrt. Und wie so eine Strandparty im Sommer 2020 aussehen soll, da fehlt mir schlicht und einfach das Vorstellungsvermögen. Auf der anderen Seite: Uns ging es in den letzten Jahren enorm gut, da ist auf dem Genusskonto einiges angespart, von dem man jetzt zehren kann. Ich bin selbst viel gereist, habe viel erlebt, wofür ich dankbar bin. Das ist ein interessanter Aspekt dieser Corona-Krise, dass einem bewusst wird, was wir alles haben machen dürfen. Jetzt machen wir in dieser hyperschnellen Welt eben mal eine kleine Pause. Das ist völlig okay!

"Das Gefühl von Urlaub, von Freiheit wird ein anderes sein", sagt Ex-Flughafen-Chef Kerkloh über die Zeit nach der Corona-Krise.
"Das Gefühl von Urlaub, von Freiheit wird ein anderes sein", sagt Ex-Flughafen-Chef Kerkloh über die Zeit nach der Corona-Krise. © Clara Margais/dpa

Sollten die Menschen sogar dankbar für Corona sein?
Wir haben so eine kleine gelbe Ampel gekriegt, in der Weise, dass wir uns in Zukunft etwas sorgfältiger darum kümmern sollten, wie wir alles machen. Ich habe nach wie vor gute Kontakte in die Industrie, und ich weiß, dass sich die Leute den Kopf darüber zerbrechen, wie die richtigen Konzepte aussehen könnten. Letztlich hat alles mit Vertrauen zu tun. Die Menschen müssen Vertrauen in die Systeme haben. Umgekehrt gilt das genauso: Die Reisenden müssen das in sie gesetzte Vertrauen durch ihr Verhalten rechtfertigen.

Glauben Sie, dass sich die Menschen an die neuen Regeln halten werden – dauerhaft?
Da bin ich ein bisschen skeptisch. Die Menschen sind leicht vergesslich, vor allem dann, wenn eine gewisse Normalität eintritt und andere wichtige Themen die Oberhand gewinnen. Wir sind halt soziale Wesen. Das ist in meinen Augen das allergrundsätzlichste Lebenselement, das die individuelle Verhaltensweise prägt. Was wir erleben werden, ist möglicherweise eine Alterssegmentierung im Reiseverhalten. Das Risikoempfinden ist bei jungen Leuten anders als bei älteren. Die Botschaft der Wissenschaftler lautete ja auch so ein bisschen: Ihr kriegt das nicht, und wenn, dann ist es nicht so schlimm. Das dürfte sich im Verhalten niederschlagen, vielleicht nicht auf ein Jahr gesehen, aber auf lange Sicht – je nach individueller Risikoneigung.

"Der Luftverkehr wird teurer, und das ist vielleicht ganz gut so"

Können Sie sich vorstellen, dass entlegene, exotische Destinationen einen Boom erleben werden? Die Südsee als neues Traumreiseziel?
Zu weit! Zu teuer! Ich glaube, die Menschen wollen auch nicht zwangsläufig alle in die Südsee, sondern sie wollen vor allem Abwechslung vom Alltag.

Die konnte man in der Vergangenheit schon für 9,90 Euro Flugpreis auf Mallorca bekommen. Glauben Sie, dass es in Zukunft noch solche Dumpingangebote geben wird?
Der Luftverkehr wird teurer werden, das kann ich mir schon vorstellen, und das ist vielleicht ganz gut so. Dann haben solche Exzesse ein Ende. Vor Corona stand die Luftfahrt als Umweltverschmutzer am Pranger.

Wird sie nun zum Bauernopfer im Kampf um einen saubereren Planeten?
Die Branche ist ein dankbares Ziel, obwohl sie nur drei bis vier Prozent zur weltweiten CO2-Emission beiträgt. Mittelfristig wird man darüber nachdenken, ob auf zahlreichen Kurzstrecken noch geflogen werden muss. Allerdings wären dafür immense Investitionen in andere Verkehrsmittel nötig. Bei der Dauer der Genehmigungsverfahren in Deutschland sehe ich die nicht so schnell kommen. Es hat zum Beispiel immerhin 20 Jahre gedauert, eine schnelle Bahnstrecke von München nach Berlin zu bauen.

Lufthansa-Rettung: "Der Staat sollte sich auch zurückziehen"

Zurück zur Fliegerei: Was sind in der Corona-Krise die größten Probleme der Flughäfen?
Zunächst müssen die Hygieneregeln konsequent umgesetzt und eingehalten werden. Außerdem ist das "Queue Management" eine riesige Herausforderung. Wie organisiere ich bei einem Airbus A380 eine Check-in-Schlange mit 450 Menschen, die alle 1,5 Meter Abstand halten müssen? Solche Dinge müssen eingeübt werden, wenn es wieder losgeht. Hoffentlich wird es dann auf den Flughäfen auch einen digitalen Schub geben, Stichwort Online-Check-in, den immer noch bei Weitem nicht alle nutzen.

Akkurat geparkt: Lufthansa-Jets stehen auf dem Hauptstadtflughafen Berlin-Brandenburg.
Akkurat geparkt: Lufthansa-Jets stehen auf dem Hauptstadtflughafen Berlin-Brandenburg. © Tina Schöning/dpa

Ein wichtiges Thema ist die Lufthansa-Rettung. Wie finden Sie das Konstrukt, das Regierung und Management erarbeitet haben?
Ich finde es gut, 20 Prozent Staatsbeteiligung, keine Sperrminorität, das beeinflusst die unternehmerische Freiheit einer solchen Gesellschaft nicht. Die Lufthansa ist eine Weltmarke, sie verbindet Deutschland mit der Welt. Nebenbei beschäftigt sie 120.000 Menschen weltweit. Das ist kein kleiner Laden. Der Staat sollte sich, wenn es wieder aufwärtsgeht, aber auch zurückziehen, wobei die EU bei der ganzen Sache auch noch ein Wörtchen mitzureden hat.

Hätten Sie sich träumen lassen, dass die Luftfahrtbranche wenige Wochen nach Ihrem Ausscheiden als Flughafenchef in einer solchen epochalen Krise stecken würde?
Wir hatten Sars, da gab es schon Erfahrungswerte, da wurden auch Pandemiepläne überarbeitet, aber mit einer solchen Krise konnte niemand rechnen. Es tut mir leid für meinen Nachfolger, dass er sich gleich mit so einem Mist rumschlagen muss.

Um Ihr geliebtes ungeliebtes Steckenpferd, die Dritte Startbahn, muss er sich dafür erst einmal nicht kümmern, oder?
Naja, die Dritte Startbahn ist, den jetzigen Umständen geschuldet, in einer längeren Warteschleife.

Lesen Sie hier: Überblick - Wann, wo und wie darf ich in Deutschland überhaupt reisen?

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