München vom Podest aus

Hier erzählen bekannte Münchner von ihrem Wochenende. Heute: der Straßen- und Pantomime-Künstler Rafa³ Wroblewski.
| Rafa³ Wroblewski
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Hier erzählen bekannte Münchner von ihrem Wochenende. Heute: der Straßen- und Pantomime-Künstler Rafa³ Wroblewski.

Ich bin mittlerweile in fast allen großen Städten Deutschlands gewesen, aber München ist meine Lieblingsstadt. Ich habe hier meine Basis. Von München aus fahre ich nach Garmisch, an den Bodensee nach Lindau oder Konstanz – und mit dem Bus kommt man von hier aus billig in die Schweiz. Das ist eine interessante Option: Wenn es in München regnet, schaue ich im Internet, wie das Wetter in Zürich ist.

Ich habe mir in München bei einem Kumpel im Harthof ein WG-Zimmer gemietet. So habe ich keine Probleme mit Hotelzimmern. Zweieinhalb Wochen arbeiten – den Rest des Monats verbringe ich zu Hause bei meiner Familie in Polen. Wir wohnen in einem kleinen Städtchen etwa 40 Kilometer südlich von Breslau. Meine Frau und die drei Kinder wollen natürlich, dass ich zu Hause bleibe, aber jemand muss ja Geld verdienen.

Ich kann nicht jeden Tag arbeiten, das ist unmöglich. Straßenkünstler zu sein, ist ein schwerer Job: acht Stunden dastehen und die Leute unterhalten, da brauche ich auch mal eine Pause. Ich gehe dann zu Attila und seinem türkischen Imbiss Oliva am Platzl. Im Sommer verbringe ich meine Mittagspausen oft im Alten Hof. Da ist es ganz ruhig. Nur wenige Touristen, dafür der Schatten der Bäume, das Plätschern des Brunnens und die ganze Zeit ein bisschen Wind–das ist perfekt zum Ausruhen.

Meine besten Kunden sind Touristen. Die haben Zeit und ein bisschen Geld übrig. Aber auch da gibt es solche und solche. Die einen drehen sogar die Zehn-Cent-Münze mehrmals um, dann kommen aber auch viele reiche Russen nach München, die überlegen sich eher, ob sie den Zehner oder den Zwanzig-Euro-Schein in meinen Kasten schmeißen sollen.

Im Schnitt verdiene ich an einem Tag um die hundert Euro – es kann aber auch ein bisschen mehr sein. Der beste Tag liegt drei oder vier Jahre zurück, das war an Ostern hier in München am Platzl. Es war warm und sonnig, die ganze Stadt war auf den Beinen, frühstücken, Kaffee trinken. Da kamen fast 400 Euro zusammen.

In meinem früheren Leben habe ich Marketing studiert. Ich habe für Opel und Masterfoods gearbeitet, die Firma, die Snickers und Mars vertreibt. Das war ein guter Job, doch irgendwann wurde der Druck zu groß. Deshalb habe ich vor zehn Jahren gesagt: ohne mich.

Ich habe da eine Theorie: Straßenkünstler sein, das ist nur etwas für Leute, die sehr gut organisiert sind, Ich kann überall hin fahren, durch ganz Europa, wohin ich möchte. Das ist die beste Möglichkeit, sich Reisen zu finanzieren. Wenn man zum Beispiel nach Venedig fährt: die meisten Leute lassen da eine Menge Geld. Ich kann da arbeiten und mich umschauen zugleich. Ich habe noch nie Pauschalurlaub gemacht oder war mit einer Reisegruppe unterwegs – das ist langweilig. Sich die Sehenswürdigkeiten nach Zeitplan anschauen: da kann man danach nicht sagen, man sei in Paris gewesen. Um in Paris gewesen zu sein, musst du mit den Leuten sprechen, und schauen, was sie so machen, das ist echter Tourismus.

In München gehe ich gerne in die Natur. Wenn ich frei habe, schnappe ich mir einen Picknickkorb und gehe in den Englischen Garten oder den Olympiapark. Oder ich gehe in einen Biergarten. Da kann man sich zu fremden Leuten an einem Tisch setzen – und für die ist das gar kein Schock. Wir in Polen sind auch aufgeschlossene Menschen, aber eher zu Hause im Kreis der Vertrauten. Wenn wir unterwegs sind, halten wir eher Abstand zu anderen Leuten.

In jeder Stadt, in der ich bin, besuche ich den Botanischen Garten. Meine Familie hatte über viele Generationen hinweg mit Wald zu tun. Mein Urgroßvater war Förster. Der Wald ist für mich der beste Platz, wo man sein kann, ein sicherer Ort. In der Stadt kannst du in üble Geschichten hineingezogen werden, aber im Wald bist du beschützt. Deshalb liebe ich die Natur. Die Natur kann einem zeigen, wie klein der Mensch ist.

Protokoll: Florian Zick

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