München und Corona: "Wir werden immer weniger Spielraum haben"

SPD-Fraktionschefin Anne Hübner (42) erzählt, wie die Pandemie ihre Arbeit verändert - und warum die Stadt noch lange an den Folgen leiden wird. Das Corona-Tagebuch der Stadträtin.
| Protokoll: Emily Engels
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SPD-Fraktionschefin Anne Hübner im Homeoffice. Viele Besprechungen mit anderen Fraktionsgenossen finden nur noch digital statt.
SPD-Fraktionschefin Anne Hübner im Homeoffice. Viele Besprechungen mit anderen Fraktionsgenossen finden nur noch digital statt. © privat

München - "Schon vor dem zweiten Lockdown haben wir als Fraktion alle Besprechungen, die digital stattfinden konnten, auch digital durchgeführt. In der Fraktion selbst tragen wir alle einen Mund-Nasen-Schutz. Auch am Platz sitzen wir mit Maske. Ich finde, dass digitale Besprechungen deutlich anstrengender sind, als gemeinsam an einem Tisch zu sitzen. Gerade, wenn man wie ich sehr viele davon hat, werden die Augen müde und der Kopf langsamer. Ich glaube, dass es vielen Menschen so geht - und dass sich viele Leute danach sehnen, dass alles wieder normal läuft.

SPD tagt meistens nur digital

In der Fraktion müssen wir teilweise wahnsinnig komplexe Entscheidungen treffen. So geht es beispielsweise um den städtischen Haushalt 2021. Früher konnte man mit Fraktionsmitgliedern, die anderer Meinung waren, einfach nach der Sitzung nochmal in Ruhe sprechen. Digital ist es viel schwieriger, vieles bekommt man so gar nicht mit.

Was die Ausschüsse betrifft, müssen wir im Rathaus noch schauen, wie wir es handhaben werden. Denn diese müssen wegen den Abstimmungen in Präsenz stattfinden. Wir passen sehr gut auf, dass der Abstand eingehalten wird. Für mich persönlich war die erste Lockdown-Woche etwas entspannter, da keine Schule war. Meine Tochter Emma geht in die fünfte Klasse und freut sich schon darauf, wenn es wieder losgeht. Beim ersten Lockdown war sie noch in der Grundschule - und hat nur Aufgaben per E-Mail zugeschickt bekommen.

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Meine Eltern sind zum Glück noch relativ jung. Emma und ich besuchen sie trotz Corona regelmäßig in der Nähe von Poing. Auch in den Ferien war Emma öfters da und hat unter anderem mit ihrem Opa ein Igelhaus gebaut. Ich weiß, die Besuche und die Zeit, die sie mit ihrer Enkeltochter verbringen dürfen, sind für meine Eltern sehr wichtig. Und für Emma ist es dort wie ein zweites Zuhause.

"Viele müssen deutlich härter kämpfen - an vorderster Front"

Der normale Alltag hat sich für mich allerdings kaum geändert. Kurz nach 6 Uhr stehen meine Tochter und ich auf. Um 7.30 Uhr geht Emma dann in die Schule - und ich ins Rathaus. In der Fraktion haben wir möglichst vielen Mitarbeitern das Homeoffice ermöglicht. Nur am Empfang muss immer jemand sitzen. Schließlich kommt ab und zu doch noch jemand vorbei.

Was mir seit dem zweiten Lockdown insgesamt auffällt: Das Bewusstsein für den Ernst der Lage ist wieder größer geworden. Die Menschen wissen, dass sie sich jetzt zusammenreißen müssen, damit wir die Pandemie überstehen.

Insgesamt erlebe ich die meisten Menschen in der Pandemie als sehr diszipliniert. Wenn auch der Zusammenhalt in der Gesellschaft während des ersten Lockdowns gefühlt noch größer war. Vielleicht liegt das auch daran, dass man inzwischen schon recht genervt vom Coronavirus ist. Zudem war während des ersten Lockdowns Frühling, man konnte gut zwischendurch spazieren gehen. Jetzt ist es dunkel, man kann seine Freunde nicht treffen und es gibt auch keinen Weihnachtsmarkt. Wer in der dunklen Jahreszeit zu trüben Gedanken neigt, wird es dieses Jahr noch schwerer haben.

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"Niemand weiß, wann es wieder besser wird"

Zudem weiß niemand, wann sich die Situation wieder bessern wird. Ziemlich sicher ist nur: Ein reduziertes soziales Leben werden wir wohl den ganzen Winter aushalten müssen. Trotzdem möchte ich in meiner Situation nicht jammern. Viele Menschen müssen raus und in der Klinik, im Altenheim oder im Supermarkt arbeiten. Viele andere müssen in dieser Pandemie deutlich härter kämpfen - und zwar an vorderster Front. Bei uns gab's sogar Entlastung: Keine Abendtermine mehr!

Auf München und unsere Politik im Rathaus wird sich die Krise sicherlich noch in den nächsten drei Jahre auswirken - wenn nicht noch länger. Sehr bald werden auch die öffentlichen Kassen kein Geld mehr haben.

Als Stadt werden wir dann immer weniger Spielraum haben, jede Ausgabe muss noch besser überlegt sein. Es liegen schwierige Jahre vor uns. Am wichtigsten ist mir und allen in unserer Fraktion, dass Menschen in sozialen Notlagen darunter nicht zusätzlich leiden müssen. Es ist gut, dass ich schon sechs vergleichsweise "leichte" Jahre im Stadtrat hatte. Jetzt müssen wir Politik mit noch mehr Ernsthaftigkeit machen und die Prioritäten so setzen, dass München niemanden in dieser Krise allein lässt."

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