München: Mieter fühlen sich von Ex-Promi-Wirt schikaniert

Verdoppelte Mieten, Kündigungen und Räumungsklagen: In der Kesselbergstraße in Obergiesing leiden die Bewohner unter dem neuen Hauseigentümer Peter Schmuck.
| Nina Job
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Seit 38 Jahren wohnt Philipp Triebel in dem Haus.
Daniel von Loeper 4 Seit 38 Jahren wohnt Philipp Triebel in dem Haus.
Das fiel von oben vor Triebels Tür.
privat 4 Das fiel von oben vor Triebels Tür.
Hier soll eine Notleiter hin.
privat 4 Hier soll eine Notleiter hin.
Peter Schmuck mit Woody Allen (2011).
imago/Weißfuß 4 Peter Schmuck mit Woody Allen (2011).

Obergiesing - Philipp Triebel (70) saß in seiner Küche und trank Filterkaffee zum Frühstück, als die Decke runterkam. Er hörte einen gewaltigen Rumms. Als er in seinen Flur trat, um nachzuschauen, was passiert war, lag auf dem Boden ein Haufen Schutt. Über ihm konnte er durch mehrere spaltbreite Löcher hinauf ins Dachgeschoss schauen. Die Arbeiter, die den Dachboden für neue Wohnungen ausbauen, hatten zu tief gebohrt.

Seit 38 Jahren wohnt Philipp Triebel in dem Haus.
Seit 38 Jahren wohnt Philipp Triebel in dem Haus. © Daniel von Loeper

Zweieinhalb Monate später, Anfang Juni dieses Jahres, krachte es wieder. Dieses Mal hagelte es eine Ladung Ziegelsteine von oben vor die Wohnungstür des Rentners. "Wenn ich dort gestanden hätte, hätt’s mich erschlagen", sagt der 70-Jährige.

Das fiel von oben vor Triebels Tür.
Das fiel von oben vor Triebels Tür. © privat

Seit 38 Jahren wohnt Philipp Triebel in der Kesselbergstraße 2 in Obergiesing. Er hat vieles selbst hergerichtet – wie andere Nachbarn auch. "Die früheren Besitzer, eine Erbengemeinschaft, waren sehr sozial eingestellt." Sie verlangten humane Mieten. "Die Hausverwalterin war eine ganz entzückende, alte Dame", berichtet ein Nachbar.

Hier soll eine Notleiter hin.
Hier soll eine Notleiter hin. © privat

Mieter klagen: Als Peter Schmuck kam, wurde es schwierig

Das änderte sich, als das Haus verkauft wurde. Neuer Eigentümer wurde Peter Schmuck, ein stadtbekannter Promi-Wirt. "Seit ihm das Haus gehört, gibt’s alle zwei Jahre eine Mieterhöhung", sagt ein Familienvater.

Im Oktober 2018 kündigte Peter Schmuck Modernisierungsmaßnahmen an: Eine Zentralheizung und ein Lift sollen eingebaut werden, die Wohnungen bekommen Thermofenster, die Balkone sollen vergrößert und eine Außenwand gedämmt werden.

Seit Februar wohnen Philipp Triebel und seine Nachbarn nun auf einer Baustelle. Die alten Kamine wurden herausgerissen. Geheizt werden muss derzeit mit mobilen Radiatoren. Bei Hermann S. schauen nackte Rohre aus der Wand in seiner Küche, alles ist voller Bohrstaub. "Man kommt mit dem Putzen gar nicht hinterher." Im Schlafzimmer rieselt der Putz von der Decke. Vor ein paar Wochen musste Hermann S. mit einer Lungenentzündung in eine Klinik. Ob das mit den Bauarbeiten zu tun hat? Er vermutet es.

Modernisierungen führen zu aberwitzigen Mieterhöhungen

Zu dem Lärm und Dreck und ständig Handwerkern in der Wohnung kommt für die Bewohner die ständige Sorge, ihr Zuhause zu verlieren. Philipp Triebel traf es als einen der Ersten. Im April 2017 klingelte ein Bote an seiner Tür. Er brachte ihm eine Kündigung "wegen unangemessener wirtschaftlicher Verwertung". Peter Schmuck wollte den Dachboden ausbauen, Triebels Wohnung sollte komplett verändert werden. Zwar konnte sein Anwalt die Kündigung abwehren. Doch letztlich wird er auf Dauer wohl nicht in seiner Wohnung bleiben können.

Denn mit der Modernisierung kündigte der Hausbesitzer 2018 zum Teil drastische Mieterhöhungen an. "Viele Mieten verdoppeln sich, in einem Fall verdreifacht sie sich sogar", sagt Rechtsanwalt Patrick Hermes, der zehn Mietparteien im Haus vertritt.

Nach alter Rechtsprechung waren derartige Mietexplosionen erlaubt. Erst seit Anfang dieses Jahres gibt es ein neues Gesetz, das die Kosten, die auf Mieter umgelegt werden können, deckelt.

Philipp Triebel soll nach der Modernisierung 1677 statt derzeit 735 Euro Miete zahlen. "Ich könnte 300 Euro mehr zahlen. Aber dann kann ich nichts mehr essen", sagt der 70-Jährige, der früher beim Landesamt für Statistik arbeitete. Er und auch andere Nachbarn wollten sich beraten lassen. Sie unterschrieben die geforderte Duldungserklärung nicht.

Schmuck: "Schreiben Sie, was Sie wollen"

Auch wollte er klären lassen, ob es sich nicht auch um notwendige Instandsetzungsmaßnahmen handelt – für die der Eigentümer allein aufkommen müsste. "Balkone zu vergrößern, sind zum Beispiel keine klassische Modernisierung", sagt Anwalt Hermes.

Doch wer sich wehrt, gegen den fährt Peter Schmuck mit seinem Anwalt schwere Geschütze auf. Patrick Hermes: "Wer nicht spurt, bekommt eine Räumungsklage. Meines Erachtens ist das Nötigung." Der Jurist behauptet: "Herr Schmuck will alle Mieter ohne Staffelmietvertrag raushaben, um seinen Gewinn zu maximieren. Er behandelt Mieter wie Nutzvieh."

Etwa 40 Prozesse hat Patrick Hermes bereits in Sachen Kesselbergstraße 2 geführt. "Herr Schmuck konnte keine einzige seiner Räumungsklagen durchsetzen." In jüngster Zeit wendet der Vermieter noch ein neues Druckmittel an: Er verklagt die Mieter, die sich gegen die Arbeiten wehren, auf Schadenersatz. "Er hat schon Forderungen von mehreren Tausend Euro angekündigt", berichtet der Mieter Andreas N. "Er sät Zwietracht, versucht, die Leute rauszuekeln. Er verbreitet eine Atmosphäre der Angst." Philipp Triebel will trotzdem bleiben. So lange es geht.

Peter Schmuck wollte sich zu den Vorwürfen nicht äußern. Er sagte zur AZ: "Schreiben Sie, was Sie wollen" – und legte auf.


Stars aus aller Welt: Das ist Peter Schmuck

Peter Schmuck mit Woody Allen (2011).
Peter Schmuck mit Woody Allen (2011). © imago/Weißfuß

Mick Jagger, Chris de Burgh, Karl Lagerfeld, Woody Allen und Cindy Crawford – sie alle waren zu Gast bei Peter Schmuck: Bis 2012 betrieb er das Edel-Restaurant „Lenbach“ in der Ottostraße. Im Dürnbräu in der Dürnbräugasse war er sogar 26 Jahre (bis 2011) lang Wirt. Dann hatte Peter Schmuck keine Lust mehr auf Gastro. Das Aus begründete er damit, dass er sich stärker auf seine Immobiliengeschäfte konzentrieren wolle.

Ein glückliches Händchen hatte er dabei offenbar nicht immer. Zwei Neubauklötze in Altbogenhausen wurden noch vor dem Bezug zum Sanierungsfall. Ein Haus ist bis heute nicht verkauft. Derzeit bietet es ein Makler für knapp zehn Millionen Euro zum Verkauf.

Lesen Sie auch das AZ-Interview mit Volker Rastätter:

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